Hunderte besuchen Offene Ateliers im Viertel / Werkstätten am Sonntag bis 18 Uhr geöffnet

Entdeckung des Schönen

Bremen. Es sind vielfach kleine Werkstätten in Hinterhöfen. Wo Gabriele Kalhorn sonst in Ruhe ihre Bücher bindet oder Jörg Coblenz seine Bilder stickt, da gaben sich am Sonnabend die Besucher wortwörtlich die Klinke in die Hand.
01.11.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Entdeckung des Schönen
Von Antje Stürmann
Entdeckung des Schönen

Barbara Reinhold verlötet in der Werkstatt von Goldschmiedin Christina Mihalic (hinten links) einen Silberring.

Frank Thomas Koch

Es sind vielfach kleine Werkstätten in Hinterhöfen. Wo Gabriele Kalhorn sonst in Ruhe ihre Bücher bindet oder Jörg Coblenz seine Bilder stickt, da gaben sich am Sonnabend die Besucher wortwörtlich die Klinke in die Hand. Und dies nicht nur in der ersten Reihe. Die Neugierigen nahmen auch weitere Fußwege in Kauf, um sich in den Ateliers und Werkstätten der 60 teilnehmenden Künstler umzuschauen.

Unter vier Augen sagte Inge Dotschkis-Hillejan: „Wir haben

heute auch ein bisschen vom Heimspiel des SV Werder gegen Borussia Dortmund profitiert.“ Dotschkis-Hillejan verteilte am Infostand auf dem Ziegenmarkt Pläne, mit deren Hilfe die Besucher ihre Routen zusammenstellten. „Die Männer gehen zum Spiel, die Frauen kommen gucken“, raunte sie. Gucken kommen, so lautete das Motto des 10. Offenen Ateliers im Viertel, bei dem Grafiker, Goldschmiede, Gitarrenbauer und andere ihr Kunsthandwerk präsentierten. Bis zum frühen Nachmittag hatten sich bei Inge Dotschkis-Hillejan schon Hunderte schlau gefragt. „Gemeinschaftswerkstätten sind der Renner“, wusste Dotschkis-Hillejan zu berichten, „da gibt es viel zu sehen“.

Am Nachmittag herrschte Andrang bei den Führungen. Anstelle eines Stadtführers lotsten in diesem Jahr bekannte lokale Persönlichkeiten durchs Viertel – zum Beispiel Bürgermeisterin Karoline Linnert. Privat fasziniert sie moderne Malerei. Gern anschauen mag sie die Bilder ihres verstorbenen Mannes, auch jene von Gerhard Richter und Richard Oelze. „Außerdem gehe ich jedes Jahr zum Keramikmarkt in den Wallanlagen und werde jedes Mal schwach“, plauderte die Finanzsenatorin. „Dort habe ich Schwierigkeiten, mein Geld beisammen zu halten“.

Bei Goldschmiedin in der Lehre

Ihren Rundgang startete Linnert mit 20 Interessierten bei Goldschmiedin Christina Mihalic an der Weberstraße. Fernab vom Trubel des Ostertorsteinweges, zwischen bunten Reihenhäusern hatte die Goldschmiedin ihren Besuchern den roten Teppich ausgerollt. „Schön, dass wir hier sein dürfen“, sagte die Bürgermeisterin, um gleich darauf zu verraten, dass sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes einmal wöchentlich bei einer Goldschmiedin in die Lehre ging. „Wenn man neu ist, dann wird alles schief“, erinnerte sich Linnert an ihre ersten Versuche als Kunsthandwerkerin. Aber auch bei den folgenden sei es nicht besser geworden: Aus dem selbst geschmiedeten Schmuckstück wurde nichts.

Christina Mihalic dagegen lebt von dieser Kunst. Seit nunmehr 15 Jahren ist sie schon im Geschäft, gibt Kurse und lässt Verliebte ihre Eheringe selbst schmieden. „Das aufzubauen hat mich viele Nerven gekostet und viel Kraft“, sagte sie rückblickend. Von Anfang an ist die zurückhaltende Goldschmiedin beim Offenen Atelier dabei: „In den Seitenstraßen des Viertels gibt es viele kleine Ateliers zu entdecken“, warb sie für die Veranstaltung und zeigte ihrem Publikum, wie ein Silberring entsteht. Sie sägte einen Silberstreifen zurecht, legte ihn auf ein Rundmetall. Laute Hammerschläge zwangen das Silber näher ans Rundmetall, bis ein Ring entstand. Praktikantin Barbara Reinhold, die hauptberuflich Professorin für Mikrobiologie ist, verlötete die Fuge. Der Ring glühte rot, zischte beim Eintauchen ins Wasser. Danach begann die Feinarbeit. „Das sieht so leicht aus“, kommentierte Linnert, „wenn ich Metall gesägt habe, hat es bling gemacht und das Sägeblatt war abgebrochen. Toll, wie Sie das machen, und dass Sie davon leben können, ist etwas Besonderes“, lobte Linnert Christina Mihalic.

Der Weg zur nächsten Hinterhofwerkstatt führte die Besucher auf Kopfsteinpflaster vorbei an Graffiti besprühten Häuserwänden und Jugendstil-Fassaden, wodurch eine junge Frau geradezu ins Schwärmen geriet. Jörg Coblenz und Thomas Lippick hatten In der Runken ihre Werkstatt geöffnet und ein Kuchenbüfett aufgebaut. An der Wand mahnte auf Leinen die Botschaft: „We all are Refugees“ (Wir alle sind Flüchtlinge). Coblenz hat es gestickt. „Er bestickt alles, was ihm in die Finger kommt: Leder, Kunststoff, Papier“, sagte Lippick – ehe die beiden ihre Arbeiten erklärten und Fragen beantworteten.

Offenen Auges durch die Straßen

Nicht nur Karoline Linnert zeigte sich begeistert vom Offenen Atelier. „Es macht Spaß, auf diese Weise Menschen kennenzulernen und zu sehen, wie sie mit ihrer Kunst das Schöne des Alltags entdecken“, sagte sie. In Sachen Kunsthandwerk habe Bremen einiges zu bieten. „Ich wünsche mir aber, dass die Künstler mehr in der Innenstadt zeigen.“ Besucherin Elke Steiner lobte: „Schön, dass die Künstler so offen erzählt haben.“ Der Besuch beim Offenen Atelier hatte für sie einen wundervollen positiven Nebeneffekt: „Man geht mal mit offenen Augen durch Seitenstraßen, in die man sonst nicht kommt“, so die Seniorin.

So entdeckten am Sonnabend mehrere Hundert Menschen das Viertel. „Bemerkenswert ist, dass immer mehr von außerhalb kommen“, sagte Frauke Alber von der Initiative Kunstwerk im Viertel.

Die Ateliers im Viertel sind auch am Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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