Zwickau und das Glück-auf-Umland : Wo Bergmänner marschieren und Hollywood-Schauspieler Quarkkeulchen verdrücken Entdeckungen auf und unter Tage

Zwickau. Eine romantische Lovestory und hölzerne Lieblinge prallen in Zwickau aufeinander. Das sächsische Städtchen am Fuße des Erzgebirges unweit der tschechischen Grenze lässt zur Weihnachtszeit seinen ganzen Charme spielen.
19.12.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Annica Müllenberg

Eine romantische Lovestory und hölzerne Lieblinge prallen in Zwickau aufeinander. Das sächsische Städtchen am Fuße des Erzgebirges unweit der tschechischen Grenze lässt zur Weihnachtszeit seinen ganzen Charme spielen.

Die Emanzipation ist in der erzgebirgischen Volkskunst angekommen wie ein Blick auf die Stände des Zwickauer Weihnachtsmarktes zeigt: Krankenschwestern, strickende Omas und Frisörinnen behaupten sich selbstbewusst in der stummen Räuchermännchenparade. Die Riege wächst von Jahr zu Jahr – den Fantasien der Künstler aus dem Erzgebirge und dem Vogtland sind keine Grenzen gesetzt. DJs, Mechaniker und andere moderne Berufe mischen sich unter die Waldwichtel und Pilzsammler. Allen gemeinsam ist das rauchende Laster. Rauchschwaden spuckend, rundbäuchig und rotbackig lassen sie sich von den Besuchern bestaunen.

Räuchermann, Schwibbogen und Co. sind begehrte Adventsaccessoires – nicht nur bei den Einheimischen. Derzeit stehen sie auf dem Weihnachtsmarkt in Zwickau. „Wir legen Wert auf Abwechslung und haben viele Stände mit lokalen Besonderheiten“, sagt Matthias Rose, Geschäftsbereichsleiter für Tourismus und Märkte in Zwickau. Der Weihnachtsmarkt inmitten der aufgefrischten historischen Kulisse der Altstadt zählt zu den Favoriten in Deutschland – die Zeitung „Handelsblatt“ will herausgefunden haben, dass ihn die Besucher im vergangenen Jahr zum fünftschönsten wählten. Die Gäste schätzen den freundlichen Plausch an den Ständen und die Leckereien – natürlich aus der Region. Ein Muss ist ein Glühwein vom sächsischen Staatsweingut Schloss Wackerbarth für warme Hände sowie Dresdner Handbrot gegen den leeren Magen. Kurze Zeit unterbrochen wird die Gemütlichkeit nur durch den Tusch von Trommeln und Trompetengebläse. Wenn die Bergmänner in prachtvollen Uniformen mit grünen und schwarzen Kappen, Lederschürzen und blitzweißen Hosen auf den Domshof ziehen, sind Groß und Klein auf den Beinen. Der Aufmarsch am Sonnabend vorm dritten Advent steht bei den Zwickauern fest im Kalender.

Die Bergkapellen spielen vor den ältesten Wohngebäuden auf – den Priesterhäusern aus dem 13. Jahrhundert – und erinnern an eine ebenso alte Tradition: Schon vor knapp 700 Jahren schürften Männer unter Tage Kobalt, Silber und Kohle. Heute tauchen Besucher während einer „Schwarzen Pause“ im Bergbaumuseum Oelsnitz in die Geschichte der dunklen Grube ein und wünschen sich „Glück auf“.

Rote Nasen gibt es auf dem heimelig-lauschigen Weihnachtsmarkt – Herzschmerz im Robert-Schumann-Haus. Musikliebhabern ist die Geburtsstätte des Komponisten eventuell bekannt. Fans von romantischen Geschichten werden dort ebenfalls fündig. Besucher fiebern vom ersten Kuss Robert Schumanns (1810 bis 1856) mit der begabten Pianistin Clara Wieck (1819 bis 1896) mit. Kriegen sie sich? „Natürlich. Und ihre Liebes- und Lebensgeschichten sind spannend wie ein Krimi“, verrät Barbara Markowitz, Musikwissenschaftlerin, Gästeführerin des Hauses und Spät-Schumann-Fan. Erst vor sechs Jahren hat sich die Zwickauerin mit der Anstellung im Museum in die Biografie des Musikerpaars vergraben.

Noch immer bleiben einige Geheimnisse für sie ungelöst – woran ist der Komponist tatsächlich gestorben? Hatten Clara Schumann und Johannes Brahms (1833 bis 1897) eine Liebschaft? Über die sächsische Lovestory lässt sich herrlich rätseln und kombinieren in den Räumen, die liebevoll mit Raritäten gefüllt sind. Für romantische Zwischentöne empfiehlt Markowitz eines der Hauskonzerte: „In Robert Schumanns Kompositionen ist der männliche und weibliche Dialog zu hören“, meint die Musik-

expertin. Zarte Klavierklänge statt knalligem Rängräng aus der Trabantmotorhaube – die Melodie Zwickaus wird zunehmend von jungen Pianisten gespielt, die aus der ganzen Welt im Robert-Schumann-Haus vorstellig werden, nicht mehr von dem Pkw aus DDR-Zeiten, dem Trabbi.

Neben der großen Liebe lässt sich auf dem sächsischen Landstrich zwischen Chemnitz und Hof, durch den sich das Flüsschen Mulde gemächlich schlängelt, die Uhr vor- und zurückstellen. Nicht ohne Grund wird die Region Zeitsprungland genannt – Besucher reisen in Museen, Ausstellungen und Schlössern zurück oder voraus.

Als Kind schlich Alexandra Thümmler um das fürstliche Residenzschloss Waldenburg – zu DDR-Zeiten war es für die Bevölkerung geschlossen, nur einige Zimmer wurden als Krankenhaus genutzt. Thümmler wuchs in der Töpferstadt Waldenburg auf und wünschte sich, eines Tages die prächtigen Gemächer zu erkunden.

2013 wichen die letzten Krankenhausfliesen den Seidentapeten. Thümmler hat längst einen Weg in die Gemäuer gefunden, als Gästeführerin erzählt die studierte Historikerin, was sie in staubigen Akten über die ehemaligen Bewohner, die Schönburger, herausgefand. Filmkenner mit geschultem Auge werden im holzvertäfelten Entrée des Schlösschens in englischer Tudorgotik stutzig – erinnern Bibliothek und Freitreppe nicht an das britische Downton Abbey? Nein, aber an das Grand Hotel Budapest. Ralph Fiennes und Edward Norton traten unter anderem über die Schwelle. „Es wurden schon Tatorte, Märchenfilme und andere Blockbuster gedreht – das Schloss steht auf einer Liste für Locations. Ich selbst half der Crew beim Dreh für ,Grand Budapest Hotel‘ aus“, erinnert sich Thümmler, die jede Ecke des 179-Räume-Adelspalastes kennt – inklusive Geheimtür in der Bibliothek.

Ein Hotel in einen Kassenschlager verwandeln? Was Hollywood-Regisseur Wes Anderson mit „Grand Budapest Hotel“ gelang, dafür gibt es eine sächsische Vorlage, die ebenfalls leinwandtauglich ist. Der Konditormeister Andreas Barth rührt nicht gern Zucker und Mehl zusammen, sondern lieber Geschichte, Glück und gute Ideen: Aus einer mittelalterlichen Zollstation, die er in den Wirren der Wendezeiten von einem Besitzer erwarb, der in den Westen türmte, hat Barth in Meerane ein Sternehaus mit gemütlichen Zimmern, Restaurant, Schokoladenfabrik und Parkanlage gestaltet – das Romantikhotel Schwanefeld. Die Mauer ist zwar längst gefallen, Grenzüberschreitungen sind im Gebäude dennoch an der Tagesordnung. „Die Landesgrenze zwischen Thüringen und Sachsen verläuft genau durch das Haus“, erzählt Barth und verweist schmunzelnd auf eine Plakette an der Hauswand. Einige Anekdoten bekommt er als Grenzgänger mit: Als das Nichtraucherschutzgesetz in Thüringen und Sachsen zeitversetzt eingeführt wurde, begaben sich die Raucher zum Frönen in das Noch-Laisser-faire-Land.

Der Hotelier wollte den Osten nie verlassen – im Gegenteil, er lockt die Gäste in sein sächsisches Paradies. Die hausgemachte Schokolade aus der eigenen Manufaktur lässt Träume von Naschkatzen wahr werden – in ganz Sachsen übrigens. Nur Barths Traum hat sich noch nicht erfüllt: „Eigentlich wollte ich immer wenig arbeiten und viel reisen, das ist bisher nicht eingetreten.“

Weitere Informationen zur Stadt Zwickau und der Region finden sich im Internet unter

www.zeitsprungland.de. Der Weihnachtsmarkt in Zwickau ist noch bis zum 23. Dezember täglich bis 20 Uhr geöffnet. Das Programm ist unter www.weihnachtsmarkt-zwickau.de zu finden.

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