Tag des Gedenkens in Bremen-Nord: Mahnende Worte bei Kranzniederlegung auf dem Jacob-Wolff-Platz Erinnerung an Opfer und Überlebende

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus spielte sich in Bremen-Nord gestern rund um die Kirche in Alt-Aumund ab. Nach einem Gedenkgottesdienst um 10 Uhr kamen rund dreißig Menschen zur Kranzlegung am Jacob-Wolff-Platz gleich neben der Kirche zusammen. Ab 11.30 Uhr berichtete dann der Historiker Rolf Rübsam im Gemeindehaus von seinen Begegnungen mit Opfern des Nationalsozialismus.
27.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Volker Kölling

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus spielte sich in Bremen-Nord gestern rund um die Kirche in Alt-Aumund ab. Nach einem Gedenkgottesdienst um 10 Uhr kamen rund dreißig Menschen zur Kranzlegung am Jacob-Wolff-Platz gleich neben der Kirche zusammen. Ab 11.30 Uhr berichtete dann der Historiker Rolf Rübsam im Gemeindehaus von seinen Begegnungen mit Opfern des Nationalsozialismus.

Kurz nach elf Uhr richten Thomas Pörschke und Heike Sprehe die Schleife des Gedenkkranzes. Die beiden Ortspolitiker platzieren ihn für den Vegesacker Beirat an der Stelle, wo einst die Aumunder Synagoge gestanden hat, bevor SA-Schergen aus der Nachbarschaft das Haus niederbrannten. Jetzt trägt der kleine Platz den Namen des letzten Rabbiners der jüdischen Gemeinde hier.

Die Gedenktafel nennt die Namen aller Opfer des Nationalsozialismus aus Bremen-Nord. Beiratssprecherin Heike Sprehe erläutert, dass nur durch die ständige Erinnerung an die Nazi-Gräuel eine Diskriminierung einzelner Bevölkerungsgruppen heutzutage verhindert werden könne: „Ich hoffe für uns alle, dass wir den Menschen, die bei uns Zuflucht gesucht haben, offen und ohne Vorurteile eine Chance für ein friedvolles Leben in unserem Land geben.“

Direkt richtet sich die Kritik der Sozialdemokratin gegen Äußerungen des Bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chefs Horst Seehofer gegen eine vermeintliche Zuwanderung von Osteuropäern: „Aktuelle Aussagen wie – wer betrügt, der fliegt – fördern generelle Vorurteile und Diskriminierung.“

Sprehe erinnert vor dem Gedenkstein an die besondere Verantwortung der Deutschen im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz: „Es gab und gibt auch aktuell weiter rassistisch motivierte Verbrechen. Durch das laufende NSU-Gerichtsverfahren kommen immer mehr Pannen von staatlichen Behörden zutage. Dies muss Konsequenzen bei den Verantwortlichen nach sich ziehen.“

Als Konsequenz der bitteren Kälte draußen macht Pastor Lammert dann für die Besucher des Vortrags von Rolf Rübsam im Gemeindehaus erst einmal eine Kanne heißen Tee. Rübsam hat als Fachleiter Geschichte am Schulverbund Lesum zu Beginn der 80er Jahre angefangen, den Kontakt zu Holocaust-Überlebenden aufzubauen. Er hat die Zeitzeugen dafür jahrzehntelang im Unterricht mit Schülern zusammen gebracht: „Zehn Jahre lang habe ich außerdem Überlebende bei Besuchen in Bremen offiziell für die Stadt betreut.“

Der Bundesverdienstkreuzträger Rübsam lässt ein Foto herumgehen, dass ihn mit Heinz Rosenberg und Martin Spanier beim gemeinsamen Essen im Bremer Ratskeller zeigt. „Beide waren jüdische Überlebende des Gettos Minsk und hatten eine lange Odyssee durch verschiedene KZs hinter sich.“ Rosenberg schrieb schließlich das Buch „Jahre des Schreckens“.

Darin schildert er unter anderem, wie betrunkene SS-Leute in der Neujahrsnacht 1941 in das Getto kamen und wahllos 500 Menschen umbrachten. In Bremen bekommen die beiden Verfolgten auch ein Stück der Würde zurück, die ihnen damals genommen worden ist. „Danke dafür im Namen der Opfer von Minsk,“ sagen die beiden zu Rübsam am Ende ihres Bremen-Besuches.

Widerstand im KZ

Der pensionierte Lehrer hat er eine ganze Reihe Bücher mitgebracht, die von Zeitzeugen geschrieben worden sind, die er selbst auch kennengelernt hat: „Die meisten sind nach so langer Zeit inzwischen verstorben. Aber einig waren sie sich in der Sorge, dass die schrecklichen Geschehnisse im Nebel der Geschichte verschwinden könnten.“ Rübsam berichtet von seiner Bekanntschaft mit Hermann Langbein, der Anfang der 90er Jahre vor Bremer Schülern unter anderem etwas von seiner Zeit in Ausschwitz berichtete. Rübsam: „Dort war er Schreiber des KZ-Arztes und schaffte es, dass das todbringende Impfen von kranken Gefangenen, dieses Abspritzen, beendet wurde.“ Langbein habe sich nach dem Krieg einen Namen mit Büchern über die Ausschwitz-Prozesse gemacht und die Klage gegen den KZ-Arzt Mengele vorangetrieben.

„Langbein gehörte innerhalb des Konzentrationslagers einer Widerstandsgruppe an,“ so Rübsam. Eins seiner Bücher heißt „... nicht wie die Schafe zur Schlachtbank“, das von den Aufständen innerhalb der KZ-Mauern berichtet. Rübsam: „Ihm war es später wichtig, das Prinzip des Bösen sichtbar zu machen.“

Rübsam steht im Gemeindehaus vor vielen Gleichgesinnten. Er hat das Motto für die weitere Arbeit in sein Schlusswort integriert: „Das Zeugnis der Überlebenden verpflichtet. Es darf uns nicht in Ruhe lassen.“

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