Die re:publica hat sich von einem Blogger-Treffen zur wichtigsten Veranstaltung der Digitalszene entwickelt Erwachsen geworden

Berlin. Der Videoton ist ausgefallen. Und das auf der Berliner Internetkonferenz re:publica, wo sich die internationale Technik-Expertise ballt.
06.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Erwachsen geworden
Von Max Polonyi

Der Videoton ist ausgefallen. Und das auf der Berliner Internetkonferenz re:publica, wo sich die internationale Technik-Expertise ballt. In Saal 4, der hier „Stage 4“ heißt, sitzt Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) auf einem Podium vor 300 Leuten, die sich bis in die hinterste Ecke gedrängt haben, um ein Video über die „#ziek – Zusammen ist es Klimaschutz“-Kampagne des Umweltministeriums zu sehen. Und dann funktioniert der Ton nicht. „Habt ihr’s bald“, ächzt die Ministerin ein bisschen ironisch ins Mikrofon und erntet dafür wohlwollendes Gelächter von den versammelten Digital Natives.

Die Stimmung ist gelöst bei den Konferenzteilnehmern im Veranstaltungszentrum Station im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Drei Tage lang, noch bis einschließlich Donnerstag, treffen sich hier rund 6000 Menschen, um über technischen Fortschritt, Internetpolitik und viele andere Digitalthemen zu diskutieren. Zwar steht die Konferenz im neunten Veranstaltungsjahr unter dem Motto „Finding Europe“, also Europa finden, doch das ist nur eine grobe Richtungsvorgabe. Die re:publica ist vielseitig: In 17 Sälen dozieren rund 800 Referenten über nahezu alles, was mit dem Internet und Digitalem zu tun hat. Welche Bedeutung haben Soziale Medien für Erwerbslose? Wie baut man eine schicke Stadt mit dem Simulator Minecraft? Wie funktioniert politisches Bloggen in Subsahara-Afrika? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, ist auf der re:publica richtig.

Umweltministerin Hendricks ist aber aus einem anderen Grund hier: Sie will über ihre „#ziek“-Kampagne sprechen, die ihr Ministerium in Zusammenarbeit mit PR-Agenturen entwickelt hat. „#ziek“ – das sind drei Videoclips, die in kurzer Zeit auf Youtube zusammen mehr als drei Millionen Mal angeschaut wurden. Im bekanntesten erwischt eine Jugendliche ihre Eltern beim Sex und schaltet das Licht aus, ein weiteres zeigt eine Frau, die Flöte spielt, während ihr Mann im Garten lautstark von Zombies gefressen wird. Anstatt ihm zu helfen, schließt sie das Fenster. „Die Botschaft ist: Jeder kann etwas für die Umwelt tun“, sagt Hendricks. „Die Spots sollen gerade jüngere Menschen ansprechen. Deshalb sind sie etwas anders, als man das von Bundesministerien kennt.“ Anders, ein bisschen schräg, aber der Erfolg gibt ihr recht: Keine andere Kampagne eines Ministeriums hat je so viel Aufsehen im Netz erregt. Deshalb haben die Veranstalter sie eingeladen, ein Novum: Noch nie hat sich ein Bundesminister hier blicken lassen. Dem jungen Publikum gefällt das, es hört mucksmäuschenstill zu und dankt ihr mit leisem Gelächter, wenn sie, die 63-Jährige, Begriffe wie „Candystorm“, der das Gegenteil von Shitstorm bezeichnet, ausspricht.

Hendricks kommt an bei der Netzgemeinde. Das ist nicht selbstverständlich. Denn eigentlich ist die re:publica eine Szene-Konferenz, die als Blogger-Treffen begann: 2007, da fand sie das erste Mal statt, kamen noch 700 Leute. Mittlerweile platzen die 17 Säle aus allen Nähten. Jahr für Jahr kommt mehr Publikum, große Sponsoren wie Daimler und Google wurden ins Boot geholt. Auf den Bühnen sprechen nicht mehr nur Szenegrößen, sondern auch Prominente wie Günther Wallraff und Friedrich Küppersbusch. Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa von der russischen Band Pussy Riot sind gekommen. Am Dienstagnachmittag wird der Netflix-Chef Reed Hastings gefeiert, während er vor Tausenden über seinen ganz persönlichen amerikanischen Traum referiert. Die Veranstaltung wirbt für sich selbst als inspirierendste Konferenz zum Thema Internet und Gesellschaft. Die re:publica ist erwachsen und relevant geworden – viele der Teilnehmer sehen das hier so.

Draußen, vor „Stage 4“, flitzen junge Leute mit Headsets und Jutebeuteln auf Kickrollern durch die überfüllte Halle. Nebenan referiert gerade der „New Ventures Director“ des Technologiekonzerns 3M, ein Deutscher Mitte 30 in Jeans und T-Shirt, über den Einsatz von Smartwatches in Krankenhäusern. Unterdessen nähert sich die „Session“ mit der Umweltministerin ihrem Ende. „Ihr könnt jetzt noch alle Eure Fragen an die Ministerin loswerden, auch kritische“, sagt die Moderatorin. Doch die Netzgemeinde hat kaum kritische Fragen an die Ministerin. Die Leute wollen wissen, wie genau Hendricks’ Kampagne durchgeführt wurde. „Wie wurde das Szenario vorher durchgespielt? Welche Social-Media-Strategie habt ihr angewandt? Gab es Pre-rolled-Spots?“ Da gibt Hendricks das Mikrofon weiter und lässt die Agentur-Vertreter für sie antworten. Sie muss dann auch los – „weitere Termine“, so ihr Sprecher. „Bleibt kritisch“, sagt sie noch und erntet krachenden Applaus.

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