Tom Wlaschiha im Interview "Es gibt immer Leute, die nichts aus der Geschichte lernen"

"Game of Thrones" machte ihn zum international begehrten Darsteller, aktuell ist er in der dritten Staffel "Das Boot" zu sehen: Tom Wlaschiha spricht über eine Antikriegs-Serie in Kriegszeiten, seinen Schnauzbart und die Herausforderung, einen Nazi zu spielen.
14.05.2022, 07:30
Lesedauer: 6 Min
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Von teleschau - Maximilian Haase

Einst machte er sich als Namenloser in "Game of Thrones" einen Namen, vor allem auch auf dem internationalen Parkett. Drei Jahre nach dem Ende der Erfolgsserie darf Tom Wlaschiha gut und gerne als einer jener deutschen Schauspieler gelten, die es im Ausland "geschafft" haben. Zuletzt spielte der gebürtige Sachse, aufgewachsen in der Nähe von Dresden, im italienischen Film "Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel" und in der Amazon-Serie "Jack Ryan". Ab 27. Mai ist er in der vierten Staffel der Netflix-Hitserie "Stranger Things" zu sehen. Seine Spezialität: geheimnisumwitterte Charaktere und undurchschaubare Bad Guys. So auch in der dritten Staffel der länderübergreifenden Sky-Serie "Das Boot" (ab 14. Mai), in der der 48-Jährige abermals die Rolle des Gestapo-Ermittlers Hagen Forster übernimmt. Den verschlägt es diesmal in Zivil ins neutrale Portugal, wo es von Spionen der verfeindeten Nationen nur so wimmelt. Was Tom Wlaschiha, auch in Sachen Modestil, von der neuen Story hielt, was es bedeutet, einen ideologisch zweifelnden Nazi zu spielen, und wie sich der Blick auf Antikriegs-Serien angesichts eines Krieges in Europa verschiebt, erklärt er im Interview.

WESER-KURIER: Als Sie die dritte Staffel "Das Boot" abgedreht hatten, war der Krieg in der Ukraine noch nicht abzusehen. Hat sich Ihre Perspektive als Darsteller einer Antikriegs-Serie seither geändert?

Tom Wlaschiha: Für unsere und schon Generationen vorher war Krieg etwas Abstraktes. Obwohl natürlich irgendwo auf der Welt auch seit 1945 immer Krieg herrschte. Es hat uns nur nicht besonders interessiert, weil es nicht in unserer Nachbarschaft passierte. Jetzt geschieht es leider nebenan - und Krieg bekommt für uns einen ganz anderen Stellenwert. Das ist sehr traurig, zeigt auf der anderen Seite aber auch: Es gibt immer Leute, die nichts aus der Geschichte lernen.

WESER-KURIER: Ihre Figur in der Serie, Hagen Forster, ist ambivalent: ein Nationalsozialist, der langsam zu zweifeln beginnt. Wie finden Sie da eine Balance, ohne Klischees zu spielen oder zu verharmlosen?

Wlaschiha: Gar nicht. Man kann die Rolle nicht als Nazi spielen. Man kann nur versuchen, die Figur als Mensch zu spielen. Wenn es eine gut geschriebene Rolle ist, was bei Forster der Fall ist, dann ist es ein vielschichtiger Charakter. Die moralische Wertung bleibt immer beim Zuschauer. Wenn ich ihn spiele, muss ich versuchen, die Beweggründe und Motivationen zu verstehen. Ich muss den Nazi in der Figur rechtfertigen.

WESER-KURIER: Was bedeutet das?

Wlaschiha: Er hängt offensichtlich verqueren Denkmustern und einer Ideologie an, die jetzt nicht meine ist. Aber das muss ich als Schauspieler in sich rechtfertigen. Die Nazis sind auch damals nicht morgens aufgestanden, haben in den Spiegel geschaut und sich überlegt: "Was könnte ich denn heute Abgründiges und Böses tun?" Sondern sie waren überzeugt davon, dass bestimmte Sachen für das Erreichen eines höheren Ziels notwendig sind. Privat konnten Nazis etwa absolute Kunstliebhaber und Familienväter sein. Die Frage: "Wie geht das zusammen" macht das Ganze ja erst spannend.

WESER-KURIER: Was ist für Sie das Spannende daran?

Wlaschiha: Wenn eine solche Figur eine menschliche Dimension besitzt, sind ihre Handlungen in ihrer Wirkung viel abgründiger und grausamer, als wenn man sie als Klischee spielt. Letzteres wäre einfach "böse" - und das ist langweilig. Ich denke: Gut und Böse existieren im Leben als Kategorien nicht. Handlungen sind zielorientiert - und die Frage ist, ob das Ziel die Mittel rechtfertigt.

"Rechtsradikalismus oder Ausländerfeindlichkeit sind keine regionalen Probleme"

WESER-KURIER: Auch nach 1945 gab und gibt es in Deutschland Menschen, die menschenfeindlichen Ideologien folgen. Nicht selten gerät dabei Ostdeutschland in den Blick, wo Sie aufwuchsen. Was bekamen Sie als junger Erwachsener etwa von der Stimmung im Sachsen der 90er-Jahre mit?

Wlaschiha: Zum Glück auch nur das, was in der Zeitung stand und in den Nachrichten kam. Allerdings war ich auch sofort nach der Wende ein Jahr in Amerika - und habe danach in Leipzig zu studieren begonnen. Aber Rechtsradikalismus oder Ausländerfeindlichkeit sind keine regionalen Probleme und haben immer auch gesellschaftliche Ursachen. Die Politik täte gut daran, da genau hinzusehen.

WESER-KURIER: Jahre später hatten Sie Ihren Durchbruch mit der Rolle des Jaqen H'ghar in der Erfolgsserie "Game of Thrones". Wie oft werden Sie auf der Straße darauf angesprochen?

Wlaschiha: Es passiert mir schon ab und zu, dass mich Leute erkennen und etwa "Valar Morghulis" rufen, meinen Spruch aus "Game of Thrones". Und das ist auch okay so. Wenn ich auf der Straße angesprochen werde, schmeichelt das ja auch meinem Schauspielerego. Wobei das in Berlin tatsächlich seltener passiert.

WESER-KURIER: Und wie oft kommt "Game of Thrones" - so wie jetzt - noch in Interviews zur Sprache?

Wlaschiha: In fast jedem kommt es noch vor. Aber das stört mich nicht. Es ist toll, dass ich die Chance hatte, in der Serie dabei zu sein. Es war eine sehr schöne Erfahrung - gerade im Hinblick auf zukünftige Projekte.

WESER-KURIER: Etwa mit Blick auf "Stranger Things"?

Wlaschiha: Ob es dafür ausschlaggebend war, weiß ich nicht. Für "Stranger Things" habe ich natürlich auch an einem Casting teilgenommen. Aber klar: Die Möglichkeiten sind durch "Game of Thrones" mehr und größer geworden. Warum man nun konkret eine Rolle bekommt, weiß man als Schauspieler aber nicht. Ich habe seitdem auch viele Castings gemacht und die Rolle nicht bekommen. Es läuft eben nicht so, dass gesagt wird: "Sie sind der aus 'Game of Thrones', und deshalb spielen Sie für uns jetzt alles". Auch wenn das schön wäre (lacht).

WESER-KURIER: Inzwischen verkörpern Sie oft den geheimnisvollen "Bad Guy". Lehnen Sie auch mal Angebote ab, um dieses Bild nicht zu bedienen?

Wlaschiha: Es gibt nur gut oder schlecht geschriebene Drehbücher. Ich schaue eher danach, ob mich die Geschichte interessiert - und ob es sich um etwas handelt, das ich in den letzten zwei Jahren vielleicht nicht gespielt habe. Für meinen privaten Spaß versuche ich ein wenig Abwechslung reinzubringen. Ich würde auch eine Heldenfigur absagen, wenn sie langweilig wäre.

WESER-KURIER: Auch wenn sie von Marvel oder DC käme?

Wlaschiha: Ein Marvel-Film wird ja auch nur dadurch interessant, dass die Superheldenfiguren menschliche Dimensionen besitzen. Sie dürfen keine Abziehbilder sein.

"Ich bin keine Stilikone!"

WESER-KURIER: Mochten Sie die etwas überraschende Entwicklung der Geschichte Ihrer Figur in der neuen "Boot"-Staffel in Richtung Agentenstory von Anfang an?

Wlaschiha: Ja, das fand ich cool. Nach der zweiten Staffel hatte ich ein wenig die Befürchtung, dass Hagen Forster in gewisser Hinsicht auserzählt ist. Deshalb war ich über diese ganz neue Wendung froh. Dass er erstmals als Zivilist auftritt und in eine Spionage- und Film-Noir-Story à la "Casablanca" hineingerät.

WESER-KURIER: Zumal Ihnen die entsprechende Kleidung und der Hut ja auch stehen. Letztes Jahr erhielten sie von der "GQ" einen "Men of the Year"-Award, kürzlich zierten Sie die Stilbeilage des "Playboy". Was würden Sie sagen, wenn man Sie als Stilikone bezeichnete?

Wlaschiha: (lacht) Ich bin keine Stilikone! Das sind andere. Klar: Ich mag Mode, auch als Kunstform. Aber das heißt nicht, dass ich nun jeden Tag ausgefallene Klamotten anziehen würde.

WESER-KURIER: Den Schnauzbart aus der Serie haben Sie immerhin behalten!

Wlaschiha: Im Moment ist der Schnauzer privat - das wechselt immer so hin und her. Aktuell ist es eher Faulheit, sich zu rasieren (lacht) Ich muss ohnehin gut überlegen, ob ich ihn abrasiere, weil es dann wieder drei Wochen dauert, bis er wieder da ist. Wenn ich aber für eine Rolle vorsprechen würde, käme er natürlich ab.

WESER-KURIER: Als ein Markenzeichen könnte man auch Ihren seltenen Nachnamen bezeichnen. Haderten Sie jemals damit?

Wlaschiha: Nein, ich fand den eigentlich immer gut. Anfangs dachte ich nur, dass es etwas schwierig ist, ihn sich zu merken. Und ich muss ihn am Telefon ständig buchstabieren. Aber es kam für mich nie infrage, ihn zu ändern.

WESER-KURIER: Kennen Sie die Herkunft des Namens? Es heißen ja nur wenig mehr als ein Dutzend Menschen in Deutschland so ...

Wlaschiha: Ja, das ist alles der erweiterte Familienkreis (lacht). Was die Herkunft angeht, sind wir noch nicht zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen. Es gibt verschiedene Deutungsmöglichkeiten, was das mal geheißen haben könnte. Sicher ist, dass es aus dem Tschechischen kommt und die Schreibweise verändert wurde.

(Die neuen Folgen der dritten Staffel von "Das Boot" ab dem 14. Mai immer samstags, ab 20.15 Uhr, in Doppelfolgen auf Sky One. Die komplette Staffel steht auf Abruf über Sky Q, Sky Go und Sky Ticket zur Verfügung.)

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