Der Leiter des Zentrums für Baukultur über Bremens Architektur und Gebäude, die Geschichten erzählen „Es herrscht viel Gefühl für die Umgebung“

Ende des Jahres erscheint ein Buch, das sich mit Bremens Bauten in den Jahren 1950 bis 1979 beschäftigt. Dafür verantwortlich ist das Bremer Zentrum für Baukultur, darunter Eberhard Syring und seine Studenten.
10.08.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Es herrscht viel Gefühl für die Umgebung“
Von Silke Hellwig

Ende des Jahres erscheint ein Buch, das sich mit Bremens Bauten in den Jahren 1950 bis 1979 beschäftigt. Dafür verantwortlich ist das Bremer Zentrum für Baukultur, darunter Eberhard Syring und seine Studenten. Silke Hellwig sprach mit ihm zum Auftakt einer neuen Serie über Gebäude aus der Nachkriegszeit, die Geschichten erzählen.

Herr Syring, Sie setzen eine Reihe über Bremer Bauten fort – wie viele Bände gibt es bereits?

Eberhard Syring:

Es gibt bislang zwei. Der erste Band „Bremen und seine Bauten“ erschien 1900, der zweite kam 1952 heraus und befasste sich mit Bremens Bauten von 1900 bis 1950.

Sie setzen eine Arbeit fort, die vor mehr als 60 Jahren beendet wurde? Wieso ist so viel Zeit zwischen den Bänden verstrichen?

Das hat mehrere Ursachen. Zum einen ist Baukultur immer schwer zuzuordnen. Gehört das Thema ins Kulturressort oder ins Bau- oder ins Wirtschaftsressort, weil es auch die wirtschaftliche Entwicklung widerspiegelt? Die Architekturgeschichte einer Stadt fällt so schnell durch die Raster und führt dadurch oft eine Art Schattendasein. Außerdem fehlt es an Personal und Geld, um mal eben so ein Buchprojekt zu verwirklichen.

Ist das in allen Städten so? Das Bremer Zentrum für Baukultur ist auch erst vor elf Jahren gegründet worden.

Ja, das ist in fast allen Städten so. Bremen hat sogar eine Vorreiterrolle inne: Andere Baukulturinitiativen aus anderen Städten sind ganz angetan von dem, was mittlerweile hier entstanden ist.

Viele Bremer verbinden mit bremischer Vorzeigearchitektur das historische Rathaus auf der einen und das spektakuläre Universum auf der anderen Seite. Aber es gibt vermutlich noch viele bemerkenswerte, aber unbekanntere Gebäude.

Das stimmt. In der Zeit, mit der sich das Buch beschäftigt, ist zum Beispiel die St.-Lukas-Kirche in Grolland zu nennen, ein ungeheuer interessant

es Bauwerk, weil es sehr experimentell ist. Ein anderes Beispiel sind die Wohngebäude der Bediensteten des ehemaligen amerikanischen Generalkonsulats in der Marcusallee, in denen mittlerweile ein Pflegeheim untergekommen ist.

Wie kann man Bremens Architektur in der Zeit von 1950 bis 1979 charakterisieren?

Auf der einen Seite war Bremen immer ein eher konservatives Pflaster, auch in der Architektur. Viele Architekten wollten in der Zeit des Wiederaufbaus Altes bewahren und haben so weiter gebaut als wäre nichts passiert, im Stil der Altbremer Häuser. Bestes Beispiel ist die Südseite des Marktplatzes – das sind alles Nachkriegsbauten, mit wiederaufgebauten historischen Fassaden. Auf der anderen Seite gab es die Modernisten. Zwischen beiden tobte ein Art Kulturkampf.

Die Bremische Bürgerschaft gilt als Paradebeispiel dieses ästhetischen Konflikts.

Ja, Wassili Luckhardts moderner Entwurf stand gegen den eher traditionellen von Gerhard Müller-Menckens. Das war in der öffentlichen Diskussion vermutlich schon das größte Extrem.

Und wie sah die Architektur ab 1965 aus?

Sie war von einer Rationalisierung geprägt. In diese Phase gehören beispielsweise die Hochhäuser in Tenever. Wegen der Schülerschwemme mussten auch schnell große Schulen entstehen, oft aus Fertigbetonteilen wie die Gesamtschule Ost. In der Zeit ist eine gewisse architektonische Qualität verloren gegangen. Auf der anderen Seite sind in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre viele Kirchen entstanden, bei deren Bau experimentiert werden konnte.

Unterscheidet sich Bremen in seiner Architektur von anderen Städten?

Andere Städte haben sich klar für einen neuen Weg entschieden. Hannover und Kassel zum Beispiel haben sich dazu bekannt, ihre Städte nicht wieder wie zuvor aufzubauen. Die Bremer haben einen Mittelweg gesucht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen dem typisch Bremischen und dem Modernen.

Wie sieht es heute aus? Gibt es eine Art architektonischer Identität?

Ich denke schon. Viele neuere Gebäude sind vom sogenannten Neorationalismus geprägt, eine sehr strenge Architektur, die modern ist, aber versucht, sich an die Umgebung anzupassen. Das gelingt oft auch sehr gut.

Kann man die Architektur als hochwertig bezeichnen? In der Überseestadt hat man den Eindruck, dass die Gebäude aussehen wie alle neuen Bauten in der Republik.

Grundsätzlich gibt es viel Mittelmäßiges in Bremen, aber es gibt auch Qualitätvolles. Die Gebäude in der Überseestadt sind zum großen Teil Ergebnisse von Architektur-Wettbewerben, was an sich schon zu mehr Qualität führen sollte. Aber es gibt in der Architektur auch so etwas wie Moden, seit Mitte der 90er-Jahre hat sich dabei die sogenannte zweite Moderne durchgesetzt, bei der sehr kubisch gebaut wird. Spötter sprechen von Würfelhusten. Aber die Beurteilung von Architektur ist natürlich immer auch eine Geschmacksfrage.

Braucht eine Stadt einen architektonischen Masterplan?

Ja, ich denke schon. Man sollte eine Idee haben, wohin sich eine Stadt entwickeln soll, und da auch eine klare Kante zeigen. Eine Stadt braucht eine Identität, und die schafft man auch durch Bauwerke.

Hat Bremen eine solche Philosophie?

Ich finde schon. Man merkt beispielsweise, dass in der Stadt eine große Bereitschaft besteht, die Menschen einzubinden. Und Bremen ist nicht so fixiert auf Symbolbauten wie andere Städte. Bremen lebt bewusst von seinem Understatement, auch in der Architektur. Das sehe ich als eine Qualität an, in Bremen herrscht viel Gefühl für die Umgebung.

Wir haben das Universum.

Ja, aber die Zahl derart zeichenhafter Gebäude ist von bescheidenem Umfang. Das ist insgesamt alles sehr dezent geblieben.

Welches sind die architektonischen Herausforderungen der Zukunft?

Wir müssen die Städte am gesellschaftlichen Wandel ausrichten. Es gibt ein Zurück in die Städte, es gibt mehr alte und multikulturelle Bewohner. Es gibt einen großen Bedarf nach nachhaltigen Entwicklungen.

Und? Ist Bremen den Herausforderungen gewachsen?

Ich denke, da könnte mehr passieren. Es gibt beispielsweise wenige Baugemeinschaften, die sich als Investoren, Bauherren und Bewohner zusammentun. Das könnte man gezielter fördern.

Welches sind Ihre Lieblingsbauten aus dem Band?

Die Kirche in Grolland muss man gesehen haben, vor allem von innen. Auch das Innere des ehemaligen Radio-Bremen-Sendesaals ist großartig. Das Haus der Bürgerschaft ist ebenfalls total spannend. Es gibt viele schöne Bauten aus dieser Zeit.

Im nächsten Teil unserer Serie erfahren Sie morgen mehr über die spektakuläre St.-Lukas-Kirche in Grolland.

Zur Person: Eberhard Syring (63) hat an der Hochschule für Künste Architektur studiert. Er war von Beginn an wissenschaftlicher Leiter des Bremer Zentrums für Baukultur und lehrt an der Hochschule für Künste.

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