Ein verkleideter Beamter kämpft als Superheld für die Werte der Europäischen Union Europas blaues Wunder

Tagsüber Beamter, nachts Superheld: Captain Europe will das angekratzte Image der Europäische Union aufpolieren – und tritt im selbst gebastelten Kostüm gegen Vorurteile und Nationalismus an.
01.10.2013, 00:00
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Europas blaues Wunder
Von Stefan Lakeband

Tagsüber Beamter, nachts Superheld: Captain Europe will das angekratzte Image der Europäische Union aufpolieren – und tritt im selbst gebastelten Kostüm gegen Vorurteile und Nationalismus an.

Ein hautenger blauer Ganzkörperanzug, knallgelbe Stiefel und eine ebenso auffällige Badehose: So sieht sie aus, die Rettung der Europäischen Union (EU). Oder wenigstens die Arbeitskleidung von Captain Europe, dem selbsterklärten Superhelden , der für die europäische Gemeinschaft eintritt.

Captain Europe – der erste und wahrscheinlich auch einzige Superheld, der sich für eine supranationale Organisation einsetzt. Seine wahre Identität will er – so gehört es sich nun mal für echte Superhelden – nicht verraten. Nur so viel: „Ich arbeite irgendwo im europäischen öffentlichen Dienst“, sagt Captain Europe. Ein cleverer PR-Gag der EU sei er aber nicht. Er tue dies aus freien Stücken. Superheldenehrenwort!

Es war 2006, also noch vor Euro-Krise, Schuldenschnitten und Troika, als Captain Europe in Brüssel dachte: Warum eigentlich nicht auch ein europäischer Superheld. „Ich habe auf einer Kostümparty mehrere Personen gesehen, die als Supermann oder Batman verkleidet waren“, erzählt er. Das sei der Impuls gewesen, sein Alter Ego zu erfinden. Zwei Jahre später ist er dann selbst in die Superhelden-Branche eingestiegen und kämpft für eine Sache, von der Captain Europe überzeugt ist: die EU.

Doch anders als die amerikanischen Vorlagen, die meist der Feder eines Comiczeichners entspringen und mit technischen Spielereien oder Superkräften gegen fiese Clowns oder verrückte Wissenschaftler kämpfen, sind die Widersacher des Helden in blau wesentlich abstrakter: Nationalismus, Pessimismus und Extremismus. „Ich versuche den Leuten zu zeigen, dass wir gemeinsam stärker sind, als wenn jeder sich in seine Ecke zurückzieht.“ Seine Hauptwaffen gegen diese Bedrohungen sind Twitter und Facebook. Hier mischt sich Captain Europe in Diskussionen ein und versucht, Euroskeptiker von den Vorteilen der EU zu überzeugen.

Eiswürfel im Anzug

Manchmal schlüpft der Superheld aber auch in sein selbstentworfenes Kostüm, trägt stolz zwölf gelbe Sterne auf der Brust und bindet sich die EU-Fahne als Umhang um den Hals. Sein Einsatzgebiet sind aber keine dunklen Gassen oder schmierige Gangster-Kneipen, sondern öffentliche Anlässe. Beispielsweise der Tag der offenen Tür der europäischen Institutionen oder das 40. Jubiläum der Jungen Europäischen Föderalisten in Kopenhagen. „Das war auch mein erster Auftritt außerhalb von Brüssel“, erinnert sich Captain Europe. „Viele Menschen haben positiv auf mich reagiert, obwohl Dänemark ein angeblich euroskeptisches Land ist.“ Sowieso sei das Leben als europäischer Superheld bis jetzt noch nicht sonderlich gefährlich. „Einmal hat mir eine betrunkene Frau auf einer Veranstaltung Eiswürfel in meinen Anzug gesteckt“, erinnert er sich, gibt dann aber auch sofort zu: „So schlimm war es nun auch nicht.“

Erst kürzlich hat er Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, getroffen und mit ihr über Gebühren fürs Telefonieren mit dem Handy im Ausland gesprochen. Einer Partei gehört er aber nicht an. „Als Superheld bin ich neutral“, versichert er und nur den europäischen Werten verpflichtet.

Diese scheinen aber noch nicht alle überzeugt zu haben: Eurokraten, Demokratiedefizit und ein intransparentes Bürokratiemonster sind Schlagwörter, die man allzu oft in Verbindung mit der Europäischen Union hört. So richtig scheint der Kampf gegen die Widersache der EU also noch nicht zu laufen. „Von den mehr als 500 Millionen EU-Bürgern habe ich bis jetzt nur einen Bruchteil erreicht“, gibt Captain Europe zu. Dafür sprechen auch die Zahlen des zwei Mal jährlich erscheinende Eurobarometers: Die Akzeptanz der EU bei der Bevölkerung sinkt. Wurde die Europäische Union im Frühjahr 2007 noch von 52 Prozent der EU-Bürger positiv bewertet, waren es im Mai dieses Jahres nur noch 30 Prozent.

Angesichts dieser Werte kann die EU einen Superhelden also wirklich gebrauchen. Und als Vorbild macht Captain Europe allemal eine gute Figur. Neben Englisch spricht er auch Französisch, Deutsch, Italienisch und Niederländisch fließend. Und seine Heimat sei kein Nationalstaat: „Ich bin in Europa geboren“, betont er.

Kleine Erfolge hat Captain Europe schon erzielt. „Ein paar Leute haben schon Interesse daran gezeigt, mein Sidekick zu sein“, erklärt er. Für alle, die es ihm gleichtun möchten, hat Captain Europe auch einige Tipps parat. „Ausgewogen essen, vor allem Obst und Gemüse, mindestens drei Mal die Woche Sport und niemals, niemals rauchen“, sagt der europäische Retter. Er selbst mache sechsmal in der Woche Sport. Hohe Hürden also für potenzielle Mitstreiter.

Momentan kommt Captain Europe sowieso noch ohne einen Gehilfen aus. Und irgendwann, so hofft er, wird er seinen Umhang, den hautengen blauen Anzug und die gelben Stiefel an den Nageln hängen können. Bis dahin ist er aber weiterhin ein einfacher EU-Beamter am Tag und ein Superheld in der Nacht.

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