Social-Media-Journalismus

Eva Schulz: „Wir müssen direkt ballern“

Die Journalistin Eva Schulz spricht im Interview über ihr Politik-Format „Deutschland 3000“, verstaubte Talkshow-Formate und das Fernsehen der Zukunft.
02.08.2019, 20:06
Lesedauer: 7 Min
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Eva Schulz: „Wir müssen direkt ballern“
Von Katharina Frohne
Eva Schulz: „Wir müssen direkt ballern“

Das Medium Magazin wählte Eva Schulz 2018 zur Unterhaltungsjournalistin des Jahres.

Paula Winkler

Frau Schulz, Sie machen Videos, die Sie auf Facebook und Instagram teilen und in denen Sie junge Menschen über das politische Geschehen aufklären. Warum?

Eva Schulz: Weil ich etwas vermisst habe. Das war Anfang 2017, ein gutes halbes Jahr vor der Bundestagswahl. Ich wusste, was politisch los ist in Deutschland, aber bei vielen Themen fiel es mir schwer, mir eine fundierte Meinung zu bilden. Also habe ich nach jungen Stimmen gesucht, nach Leuten, die Ahnung haben und sich einmischen. Da fiel mir auf: In den Debatten im Fernsehen kommen junge Menschen nicht vor. Die einzige Möglichkeit war, zu gucken, was Böhmermann in der aktuellen Sendung macht.

Jan Böhmermann macht satirischen Late-Night-Talk, um Information geht es höchstens nebenbei.

Er nimmt eine Haltung ein – und genau darum ging es mir. Ich habe nach verschiedenen Meinungen gesucht, um mich an ihnen orientieren zu können.

Und dann?

Entstand „Deutschland 3000“. Mit meiner Idee bin ich zu Funk gegangen, dem jungen Online-Medienangebot von ARD und ZDF, für das ich damals schon ein anderes Format gemacht habe. Anfang Juni, gut drei Monate vor der Wahl, ging das erste Video online, Thema war die Ehe für alle.

Und das kam an?

Extrem gut sogar. Schon am nächsten Tag hatte es sechsstellige Klickzahlen auf Facebook. Damals wurde mir klar: Diesen Bedarf habe nicht nur ich, den haben offenbar sehr, sehr viele.

Woher rührt dieses Bedürfnis nach Haltung?

Was unsere Zuschauer eint, ist Überforderung. Die Welt ist krass komplex, jeden Tag passiert wahnsinnig viel. Und dann ist da immer dieser Konflikt: Einerseits kommen ständig neue Nachrichten per Push-Mitteilung aufs Smartphone, andererseits ist oft gar nicht klar, was das, was die in Berlin entscheiden, mit mir und meinem Alltag zu tun hat. Genau da setzen wir an. Wir zeigen Politik nicht da, wo sie gemacht wird, sondern da, wo sie ankommt.

Wie das?

In einem der neueren Videos erkläre ich zum Beispiel, was es mit der Mehrwertsteuer auf sich hat. Der Satz wurde vor vielen Jahren festgelegt – und ist daran schuld, dass Trüffel bis heute niedriger versteuert sind als Tampons, Mineralwasser oder Babynahrung. Letztere sind laut Gesetz nicht lebensnotwendig, erstere aber schon.

Dabei ist absolut klar, was Sie davon halten. Sie schneiden Grimassen, sprechen von „absurdem Steuerchaos“ und „unfairen“ Verhältnissen. Geht das nicht über das bloße Anbieten einer Haltung hinaus?

Nein, ich stülpe meine Ansichten ja niemandem über. Die Zuschauer können sich an ihnen reiben, sich vielleicht sogar provoziert fühlen. Und ich haue nicht nur Meinungen raus, ich belege alles, wirklich alles mit Argumenten. Ich mache immer genau nachvollziehbar, wie ich zu meiner Position gekommen bin. Mein Wunsch ist, dass meine Zuschauer ins Nachdenken geraten, Lust bekommen, zu diskutieren, eigene Argumente zu entwickeln. Eines der erklärten Ziele des Formats ist es, eine breite Diskussion in den sozialen Netzwerken in Gang zu setzen.

Funktioniert das? Kommentarspalten sind üblicherweise nicht gerade für fruchtbare Auseinandersetzungen bekannt.

Das ist nur so, weil die Diskussionen oft noch nicht ausreichend begleitet werden. Ich sehe das so: Wer eine Debatte startet, muss sie pflegen.

Wie meinen Sie das?

Die Diskussionen unter Videos, beispielsweise von Polit-Talkshows, zeigen ja nur, dass ein riesiger Gesprächsbedarf besteht. Durch das Internet hat jeder die Möglichkeit, sich direkt zu äußern. Zeitgemäße Formate müssen das noch stärker mitdenken – zumindest, wenn es wirklich darum gehen soll, einen echten Austausch anzuregen.

Gelingt das bei Ihnen?

Auf jeden Fall. Wir kalkulieren die Debatte während und nach der Produktion schon mit ein, entsprechend intensiv moderieren wir die Kommentare auf Facebook oder Instagram. Ich habe dadurch gelernt, dass auch in sozialen Netzwerken konstruktiv diskutiert werden kann. Diesen Ruf haben die Plattformen aktuell nicht. Das Potenzial ist aber da – wenn man es richtig macht.

Sie sprachen gerade von zeitgemäßen Formaten. Es heißt ja oft, herkömmliche Informations- und Talksendungen interessierten die Jungen nicht mehr, die Altersgruppe der 14-29-Jährigen gilt als schwer zu erreichen. Woran liegt das?

Dass die Inhalte Menschen in meinem Alter nicht interessieren, halte ich für einen Trugschluss. Die Informationskanäle sind einfach andere. Die wenigsten sehen noch linear fern und sitzen um acht auf dem Sofa, um Nachrichten zu gucken. Stattdessen kommen die Infos den ganzen Tag über zu ihnen aufs Smartphone. Vieles läuft über die sozialen Netzwerke. Gelesen und geguckt wird vor allem unterwegs. Gefragt sind deshalb erst mal kleine Häppchen, was zum Wegsnacken.

Was bedeutet dieses veränderte Nutzungsverhalten für die Formate selbst?

Für uns heißt das, dass wir dahin gehen, wo die Leute sich sowieso aufhalten, und das sind Facebook, Youtube und Instagram. Wenn wir unsere Videos posten, wissen wir genau, dass wir nur wenige Sekunden haben, um potenzielle Zuschauer reinzuziehen. Die Dramaturgie ist deshalb eine ganz andere. Wir können nicht langsam einen Spannungsbogen aufbauen, wir müssen direkt ballern.

Was heißt das konkret?

Viele Nutzer haben ihr Smartphone stumm geschaltet. Unsere Videos funktionieren deshalb auch ohne Ton, haben also Untertitel. Das Thema wird direkt eingeblendet, es gibt eine zentrale Frage, deren Beantwortung wir quasi gleich zu Beginn versprechen. Ein Video von uns könnte nie im Fernsehen laufen. Meine Großmutter würde hintenüberkippen, wenn sie sowas vorgesetzt bekäme.

Wie entscheiden Sie, welche Themen Sie bringen?

Wir richten uns da komplett nach den Interessen unserer Zielgruppe, also Menschen unter 30. Da wir selbst alle jung sind, wissen wir, was gerade so anliegt. Dabei ist uns besonders wichtig, zu verfolgen, was junge Nicht-Akademiker interessiert. Mit meiner Redaktion bin ich beispielsweise in Facebook-Gruppen unterwegs und beobachte, was junge Pflegerinnen oder Landwirte beschäftigt. Total gut liefen auch die Beiträge zu Ehegattensplitting oder Altersarmut.

Themen, die längst nicht nur junge Menschen betreffen.

Das stimmt; ich möchte auch auf keinen Fall Altersdiskriminierung betreiben – grundsätzlich freue ich mich über jeden, der Spaß an unserem Format hat. Wir nehmen aber eben eine junge Perspektive ein und gucken, welche Relevanz das Thema Rente für eine Mittzwanzigerin haben kann.

Sie sind 29 und haben den Großteil Ihrer Karriere noch vor sich. Was glauben Sie, wie sich politische Videoformate in den kommenden Jahren verändern werden?

Das Medium Smartphone wird immer mehr mitgedacht werden. Ansonsten hoffe ich, dass sich vor allem Talkshow-Formate wandeln werden. Die sind derzeit nicht darauf ausgelegt, einen Konsens zu finden – sondern, überspitzt formuliert, die Leute gegeneinander auszuspielen. Es werden Menschen eingeladen, die Positionen vertreten, die sich möglichst extrem voneinander unterscheiden – und die sollen sich dann streiten. So lerne ich als Zuschauerin zwar auch verschiedene Ansichten kennen, aber konstruktiv ist das nicht. Ginge es tatsächlich um Austausch, könnte man den Gästen auftragen, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Oder gemeinsam eine Aufgabe zu lösen, sodass sie zusammenarbeiten müssen. Ich glaube, es wird zukünftig mehr darum gehen, Diskussionsformate zu schaffen, die nicht nur für ein, zwei Stunden unterhaltsam sind, sondern die nachwirken.

Das Gespräch führte Katharina Frohne.

Info

Zur Person

Eva Schulz (29)

wuchs im münsterländischen Borken auf und studierte Kommunikation, Kultur und Wirtschaft in Friedrichshafen. Ihre Bachelorarbeit schrieb sie über „Innovationsverhinderung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“. Vom „Medium Magazin“ wurde sie 2018 zur Unterhaltungsjournalistin des Jahres gewählt. Schulz' Mission: unterhaltsam über Politik reden.

Info

Zur Sache

Plaudern mit Kühnert, Albern mit Thelen

Seit zwei Jahren moderiert Eva Schulz das Format „Deutschland 3000“. Produziert wird es von Funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, das sich an Zuschauer zwischen 14 und 29 Jahren richtet. Die Video- und Podcast-Formate werden nicht im Fernsehen ausgestrahlt, sondern in den sozialen Netzwerken ausgespielt, etwa auf Youtube, Facebook, Twitter, Whatsapp oder Instagram.

Schulz steht für „Deutschland 3000“ nicht nur selbst vor der Kamera, sie leitet die Redaktion, schreibt die Texte und entscheidet über die Themen. Die Idee: in kurzen Videos das politische und gesellschaftliche Tagesgeschehen kommentieren – gut recherchiert, aber mit Humor.

Im vergangenen Jahr wurde die Sendung für den Grimme-Online-Award in der Kategorie Information nominiert. Schulz experimentiere gekonnt mit den Möglichkeiten von Social Media und biete jungen Menschen eine Diskussionsplattform, hieß es in der Begründung der Jury.

Ihr Format, sagt Schulz, wolle sie stetig weiterentwickeln. Seit April dieses Jahres produziert sie mit „Deutschland 3000“ den Interview-Podcast „'Ne gute Stunde mit Eva Schulz“, in dem sie mit Juso-Chef und SPD-Hoffnung Kevin Kühnert über sein Coming-out spricht oder Start-up-Investor Frank Thelen fragt, ob er „ein böser Kapitalist“ ist. 16 Folgen sind bislang erschienen.

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