Bora Aksen, Referent für gesellschaftliche Vielfalt am Focke-Museum

Fährmann zwischen den Kulturen

Wer in Giengen an der Brenz das Licht der Welt erblickt, einem Städtchen im Osten Baden-Württembergs, kommt kaum umhin, ein spezifisches kulturelles Interesse zu entwickeln. Das gilt auch für Bora Aksen, Jahrgang 1977, der in dem Ort geboren wurde und aufwuchs, den die Spielwarenfabrikantin Margarete Steiff im späten 19.
24.06.2018, 00:00
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Fährmann zwischen den Kulturen
Von Hendrik Werner

Wer in Giengen an der Brenz das Licht der Welt erblickt, einem Städtchen im Osten Baden-Württembergs, kommt kaum umhin, ein spezifisches kulturelles Interesse zu entwickeln. Das gilt auch für Bora Aksen, Jahrgang 1977, der in dem Ort geboren wurde und aufwuchs, den die Spielwarenfabrikantin Margarete Steiff im späten 19. Jahrhundert als Produktionsstätte für weltweit geschätzte Kuscheltiere etablierte. Als Kind bot Bora einem Wildschwein dieser Marke Obdach – und taufte die knuffige Kreatur gar auf seinen Vornamen.

Dass er als Heranwachsender die Leistungskurse Englisch und Sport belegte, deckt sich mit seinen damaligen Passionen: Bis in die Landesliga trug ihn sein Faible für Basketball, bis nach Großbritannien seine Begeisterung für englischsprachige Filme. Nach dem Abitur im Schwäbischen war der junge Mann im Jahr 1996 nach Bremen-Walle gezogen, um an der hiesigen Universität Anglistik und Kulturwissenschaften zu studieren; 1998 führte ihn das Austauschprogramm Erasmus an die University of North London, wo er vorzugsweise Film Studies betrieb.

Zugleich eignete sich der aufgeschlossene Twentysomething im englischen Studentenwohnheim, wo gewissermaßen ganz Europa zu Gast war, eine internationale und integrative Perspektive an, die ihn zum kundigen Fährmann zwischen den Kulturen qualifiziert. Seinen Master machte Aksen in Bremen; die anschließende Promotion – über die Medienkompetenz türkischer Migranten – finanzierte er sich durch Jobs beim Kinderhilfswerk und als wissenschaftliche Hilfskraft. Bewegte Bilder sind seine Leidenschaft geblieben – und mehr als ein bloßes Steckenpferd; von seinen fachlichen, pädagogischen und didaktischen Kenntnissen profitiert jede Einrichtung, für die er arbeitet. Desgleichen von seiner zugewandten, sachdienlichen und verbindlichen Art.

Attribute, die ihm naturgemäß nützlich waren, als er seinen ersten Vollzeitjob in Bremerhaven antrat. Dort, am Deutschen Auswandererhaus, leitete Bora Akşen das „Forum Migration“, ein vom Bund gefördertes Vermittlungsprojekt, das die interkulturellen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern stärken soll. Dass er nunmehr als Migrationsforscher mit musealem Hintergrund angesehen wurde, arbeitete seinem Wechsel an das Bremer Focke-Museum zu, an dem er die Ausstellung „Protest + Neuanfang, Bremen nach ‚68“ durch bedeutsame Aspekte der hiesigen Migrationsgeschichte bereicherte.

Ebenfalls am Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte ist seine neue Tätigkeit angesiedelt, die mit einem hübschen Titel verbunden ist: Wissenschaftlicher Referent für gesellschaftliche Vielfalt darf er sich seit dem 1. April nennen. Das ist einem Programm der Kulturstiftung des Bundes zu danken: „360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft“ beschert auch weiteren wesernahen Einrichtungen – dem Theater Bremen, der Stadtbibliothek und der Kunsthalle – einschlägig qualifiziertes Personal. Diese Ballung interkulturell beschlagener Experten spreche „für die Weltoffenheit von Bremen“, sagt Aksen, der mit seiner Frau, einer Lehrerin, und den gemeinsamen Kindern (drei und fünf Jahre alt) in Schwachhausen lebt. Fußläufig zu seinem idyllisch gelegenen Arbeitsplatz.

Für seine ersten Monate in dem zunächst auf vier Jahre befristeten Job hat sich Aksen vor allem die Vernetzung mit weiteren interkulturellen Akteuren vorgenommen. „Ich fange quasi bei Null an“, sagt er. Weitere wichtige Vorhaben auf der Agenda des Referenten sind das Kuratieren von Ausstellungen – und, im Idealfall damit verbunden, das Einbringen seiner überbordenden Leidenschaft für Film. Als deren Motivation macht er unter anderem Werke von Fatih Akin („Gegen die Wand“) und Spike Lee („Malcolm X“) namhaft, die auf strukturell vergleichbaren Integrationsbaustellen tätig sind.

Gegen moderate Assimilation hat Bora Aksen, dessen Vorfahren aus Ankara stammen, übrigens grundsätzlich nichts einzuwenden, sofern sie Identität, Herkunft und Selbstverständnis der Migranten nicht unbotmäßig beschädigt. Schließlich gebe es hierzulande gleich eine Handvoll Primärtugenden – mindestens! –, die für Zugezogene von nicht nur integrativem Wert sein könnten. Er selbst schätze hierzulande übrigens, obwohl es klischiert klinge, den Sinn für Pünktlichkeit. Auch den Umstand, dass seine Mutter die deutsche und die türkische Küche gleichermaßen beherrsche, bewertet Aksen positiv. Und das wohl nicht nur deshalb, weil er gern ihren im Schwäbischen kultivierten Käsespätzle zuspricht. Vielleicht koppelt der gut genährte Wissenschaftsreferent seinen Erkenntnishunger ja irgendwann an ein kulinarisches Projekt.

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