Fashion Week in Berlin Ist die Zeit der Jogginghose vorbei?

Zu Jahresanfang wanderte die Fashion Week wegen der Pandemie ins Netz. Nun sitzen wieder Menschen in Reihe eins und diskutieren darüber, inwieweit sich die Mode auch durch die Pandemie verändert hat.
07.09.2021, 17:06
Lesedauer: 4 Min
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Von Julia Kilian

Eine Weile waren sie einfach praktisch. In der Pandemie ließ es sich in Jogginghosen gut aushalten - oder wahlweise in Schlafanzügen, mit dicken Strümpfen an den Füßen. Während des monatelangen Lockdowns dürften so manche Menschen auch modisch andere Wege gegangen sein. Oder sagen wir: keine Wege.

Nach langer Pause findet nun in Berlin erstmals wieder eine Modewoche vor Publikum im Saal statt. Dabei steht auch die Frage im Raum, wie die Krise unseren Stil verändert. Oder ob sie das überhaupt tut. Vielleicht verändern sich auch manche Prioritäten.

Designerin Florentina Leitner glaubt, dass Menschen wieder mehr Lust aufs Experimentieren bekommen könnten. Mit ihren Entwürfen wurde am Montagabend der große Laufsteg im Kraftwerk Berlin eröffnet. „Manchmal trage ich auch eine Jogginghose“, sagte Leitner. Sie habe aber in diese Kollektion keine eingebaut, weil sie hoffe, dass „die Jogginghosen-Zeit“ jetzt etwas vorbei sei.

Sie glaube, dass Menschen mit Mode den tristen Alltag wieder etwas hinter sich lassen wollten. Und dafür hat sie dann auch ein paar Vorschläge. Enge Körperanzüge zum Beispiel, bedruckt und glänzend. Blumenmuster und Federschmuck. Oder einen Body mit Schwan. Manche Schnitte erinnern an eine Matrosenuniform. Daneben gibt es auch einen bequemen Kapuzenpullover und übergroße Hemden.

Inspiriert sind Leitners Entwürfe von der Frage, wie eine Reise zum Mond aussehen könnte – und vom Mondsee in Österreich. Sie sei in ihrer Kindheit öfter an dem See gewesen, sagte die Designerin, die aus Österreich stammt. Sie habe sich von dem Land inspirieren lassen wollen, von Trachten und Blumen. Und ihr habe die Verbindung der gegensätzlichen Elemente gefallen – Weltall und Seengebiet.

Bis ins Weltall dürfte es auch vor der Krise kaum jemand geschafft haben. Viele mussten wegen der Pandemie ihren Urlaub ausfallen lassen oder konnten nur von daheim aus arbeiten. Andere mussten zwar weiter zur Arbeit fahren, konnten aber nicht mehr ins Fußballstadion, in die Kneipe oder ins Kino. Alles Dinge, die Einfluss auf Mode haben können.

Journalistin Christiane Arp hält es aber für ein Klischee, wenn man nun glaubt, Menschen würden in der Jogginghose versacken. „Ich denke, dass es eine Zeit lang für uns alle gut funktioniert hat. Weil wir eben zu Hause waren“, sagte Arp, die lange Chefredakteurin der deutschen "Vogue" war. Aber das Rausgehen und sich Schmücken mache ihr und anderen auch Spaß _ „und heute noch viel mehr nach diesen Monaten“.

Mit der Eröffnungsschau zeigte sich Arp zufrieden. „Genau davon müssten wir in Berlin mehr sehen“, sagte sie. Es sei wichtig, dass junge Kreative Plätze hätten, um sich auszuleben, und auch den Mut. Später gebe es für Designer mehr wirtschaftliche Zwänge. Arp sagte, für sie persönlich sei Mode immer noch der Platz, um sich kreativ auszuleben. „Und wenn ich das hier sehe, dann ist das toll.“

Kollektionen von Lena Meyer-Landrut und Leni Klum

Unter dem Dach der Berliner Modewoche laufen mehrere Veranstaltungen. Zuletzt sind Teile der Modewoche nach Frankfurt abgewandert, in Berlin gibt es weiterhin etliche Schauen, Konferenzen und andere Formate. Neben der Mercedes-Benz Fashion Week sind etwa später noch Schauen von About You geplant, mit Kollektionen von Sängerin Lena Meyer-Landrut und Leni Klum, der Tochter von Heidi Klum.

Am Dienstag wurden auch Entwürfe von Isabel Vollrath gezeigt – etwa grün-gemusterte Prints, die nach einem Ausflug in den Urwald aussehen. An diesem Mittwoch ist unter anderem eine Präsentation von Marc Cain geplant, dort wird US-Schauspielerin Kate Bosworth („Blue Crush“, „Still Alice“) erwartet.

Weiterhin auch hybride Veranstaltung in der Mode-Branche

Bei der Eröffnung der Modewoche war auch Berlins Regierungschef Michael Müller dabei. Es sei schön, dass es wieder losgehe und man Mode feiern könne, sagte der SPD-Politiker. Es seien wie immer ein paar Sachen dabei, bei denen man sich vorstellen könne, dass man das gut tragen könne. „Und bei anderen bin ich da sehr skeptisch.“

Er glaube, dass sich nach der Pandemie auch in der Mode wie in der Messe- und Kongresswelt hybride Formate wiederfinden werden. Damit sind Veranstaltungen gemeint, die sowohl vor Ort als auch im Internet stattfinden. Bei der Modewoche etwa werden einzelne Veranstaltungen schon länger auch online übertragen. Und wie ist Müllers Meinung zu Jogginghosen? „Ist nicht mein Ding.“

Zur Sache

Neo.Fashion Week

Junge Mode von Nachwuchstalenten zeigt die Neo.Fashion Week in einer dreitägigen Veranstaltungsreihe im Rahmen der Fashion Week in Berlin. Die Neo.Fashion will auf die Vielfalt und die Qualität der staatlichen Hochschulstudiengänge im Bereich Modedesign aufmerksam machen. Mit dabei sind auch zehn Absolventinnen und Absolventen der Bremer Hochschule für Künste (HfK). Jonathan Apfel und Kim Bill, Nina Sophie Muehlenberg, Gongxu Sun, Jana Hofmann, Jacob Dehn, Marcel Naumann, Caro Becker, Bea Sita Bruhn und Sarah Frede präsentieren ihre Kollektionen unter dem diesjährigen Slogan "The September Issue". Sechs Monate lang haben sie daran gearbeitet. Wie der Bremer Look in der Hauptstadt ankommt, wird sich am Mittwochabend bei der Verleihung der Neo.Fahion Awards im Kraftwerk Berlin zeigen. Unter den insgesamt 13 Nominierten ist auch eine Bremerin: Caro Becker mit ihrer Kollektion zum Thema "Nur Steine leben länger". Auch der Sound zur Show kommt von einem der Bremer Studierenden: Sassan Eskandarian. Damit unterstreicht die Hochschule ihre interdisziplinäre Philosophie.

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