Händchenhalter und Lebensretter Festivalgesichter: Die Sanitäter auf dem Hurricane-Festival

Ob auf dem Amphibienfahrzeug, im Rettungswagen oder im Büro – die Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes sind auf dem Hurricane-Festival überall präsent.
23.06.2018, 13:55
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Festivalgesichter: Die Sanitäter auf dem Hurricane-Festival
Von Alice Echtermann

Das Interview mit dem Einsatzleiter des Deutschen Roten Kreuzes beim Hurricane-Festival muss noch ein bisschen warten. Gerade macht sich Sanitäter Nils Bade fertig für eine Spritztour mit dem Gerät, von dem wohl viele Technikbegeisterten träumen: „Argo 8x8“, ein rotes Amphibienfahrzeug mit acht Rädern, der ganze Stolz des DRK-Teams in Scheeßel.

Bade, 43, Kinnbart und sportliche Sonnenbrille, setzt sich den Helm auf, die Zigarette im Mundwinkel. Dann schwingt er sich auf den Fahrersitz des „Argo“ und fährt vor. Als er Gas gibt, bricht das Quad-ähnliche Gefährt mit dem Heck aus und driftet durch den weichen, lehmigen Boden. Passagiere können dort Platz nehmen, wo sonst die Trage für Patienten befestigt ist. „Ihr braucht keinen Helm, den tragen wir auch nur zur Show“, scherzt Bade, und dann geht es vorwärts, auf und ab durchs Gelände des Hurricane-Camps.

Das Amphibienfahrzeug fährt ein bisschen wie die Wilde Maus. Achterbahn am Erdboden. Selbstsicher und nie um einen Spruch verlegen, rattert Bade damit zwischen Zelten und Wohnwagen hindurch, bejubelt von den meist männlichen Festivalbesuchern. Mehr als einer will mitfahren, mehr als einer schwört, dass er sich auch so ein Gefährt kaufen werde. Bade macht das nicht nur für die Sicherheit, sondern sichtlich auch deshalb, auch weil es ihm Spaß macht.

Amphibienfahrzeug ist widerstandsfähiger als ein normales Quad

Eigentlich fährt der 43-Jährige seinen „Argo“ für das DRK Kaltenkirchen auf dem Wacken-Festival in Schleswig-Holstein. Doch für das Hurricane ist er mitsamt Fahrzeug nach Scheeßel gekommen, um das Team für vier Tage zu unterstützen. „Wir haben das Fahrzeug 2017 auf dem Wacken ausprobiert“, erzählt er, „und wir waren so begeistert, dass wir einen Spendenaufruf gestartet haben, um uns selbst eins zu finanzieren.“ 24.000 Euro habe das Amphibienfahrzeug gekostet; es ist das erste, das dem DRK gehört. Der „Argo“ sei einfach widerstandsfähiger als ein normales Quad, erklärt Bade. Logisch, schließlich kann das Fahrzeug sogar schwimmen. Was die Bodenverhältnisse am Freitag auf dem Hurricane angeht, ist er allerdings fast enttäuscht. So gut wie kein Schlamm, trotz des Dauerregens in der Nacht. „Das Gerät ist total unterfordert.“

Und wie ist das Hurricane so im Vergleich zum Wacken? Bade verzieht das Gesicht und grinst: „Ganz ehrliche Antwort? Langweilig.“ Das Publikum in Scheeßel sei im Schnitt 15 Jahre jünger, schätzt er. Und das bedeutet: Wesentlich mehr Alkoholvergiftungen. Viele Leute überschätzten sich einfach komplett, sagt der Sanitäter. Auf dem Wacken sei das anders – einfach, weil die Besucher dort schon älter seien. „Da haben wir dann Herzinfarkte und Schlaganfälle, wirklich wahr!“, sagt er und lacht.

Bislang 300 Einsätze

Zurück im DRK-Hauptquartier an der Hauptstraße, einer Ansammlung von Containern und einem Dutzend Fahrzeugen aller Größenordnungen. Einsatzleiter Jan Bauer sitzt in seinem kleinen Büro und trinkt Kaffee mit einigen Kollegen. Er hat glänzende Laune, wirkt völlig entspannt. Von Mittwochabend bis Freitagmittag gab es bisher etwa 300 Einsätze, sagt er. Alles im Normalbereich.

Seit 15 Jahren ist Bauer jedes Jahr auf dem Hurricane-Festival. Ehrenamtlich und freiwillig, so wie alle Sanitäter des DRK. Die Sicherheitsanforderungen seien gestiegen in den vergangenen Jahren, erzählt er. Rettungssanitäter und Feuerwehrleute müssten sich inzwischen auch akkreditieren, vorab überprüfen lassen und Schulungen für das Festival besuchen. Der Grund: die Möglichkeit eines Anschlags. So gering die Wahrscheinlichkeit auch sei, spätestens seit dem Breitscheidplatz seien diese Dinge Pflicht und auch notwendig, findet der Einsatzleiter.

Den Helfern ist der Ernst ihres Einsatzes stets bewusst, trotzdem denken sie nicht ständig daran, wer könnte das schon. „Alle nehmen sich Urlaub hierfür, da muss etwas Spaß auch erlaubt sein“, sagt Bade mit einem Augenzwinkern. Viele Helfer übernachteten gemeinsam in einer Unterkunft in Westervesede und ließen es nach Feierabend auch gut krachen. Er selbst ist das Hurricane auch noch nicht müde geworden. „Es ist eine witzige Abwechslung.“ Man erlebe die seltsamsten Geschichten. Am Mittwoch hätten sie doch tatsächlich Leute erwischt, die ihre Getränke auf dem Feld vergraben hätten. Wozu? „Na, damit sie ihre Kisten nicht schleppen müssen.“

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Jan Bauer ist ein Mensch, dessen rundes Gesicht immer zu lächeln scheint. Der Verständnis für jede Verrücktheit hat. Aber auch er findet Scheeßel etwas „nerviger“, wie er es ausdrückt, als andere Festivals, wegen der vielen jugendlichen Besucher. Viele seien nicht gut vorbereitet, hätten keine warme Kleidung oder Gummistiefel dabei. Außerdem seien die jungen Leute oft recht wehleidig. Anders als die „gestandenen Männer beim Wacken“, von denen auch Nils Bade gesprochen hat. „Unsere Aufgabe ist auch oft einfach Trösten“, sagt Bauer. „Manchmal ist das hier die reinste Teddyklinik.“

Aber natürlich gibt es auch die ernsten Verletzungen, die bedrohlichen Situationen. Bis zum Ende des Wochenendes werden die Sanitäter um Jan Bauer und Nils Bade 2000 bis 3000 Einsätze erlebt haben. Ihre gute Laune wird ihnen das nicht nehmen. Und nächstes Jahr sind sie mit Sicherheit wieder beim Wacken oder Hurricane-Festival im Einsatz.

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