Hurricane-Veranstalter im Interview

„Es ist eine Katastrophe, ein richtig großes Problem“

„Es ist eine Katastrophe, ein richtig großes Problem“, sagt Stephan Thanscheidt, Booker und Geschäftsführer von Veranstalter FKP Scorpio, über das Corona-Aus für das Hurricane-Festival in Scheeßel.
20.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Es ist eine Katastrophe, ein richtig großes Problem“
Von Pascal Faltermann
Was passierte bei FKP Scorpio, als feststand, dass es in diesem Sommer durch die Corona-Pandemie keine Festivals geben wird?

Stephan Thanscheidt: Wir haben die Situation im Team natürlich schon länger beobachtet, aber der erste Moment der endgültigen Klarheit war dann doch erschütternd. Wir machen das alles mit viel Liebe und Herzblut, aber wenn dann final das Kartenhaus zusammenbricht, an dem man ein Jahr gebaut hat, ist das schon hart für alle Beteiligten. Nach der Bekanntgabe des bundesweiten Veranstaltungsverbots haben wir noch am selben Abend die Festivals abgesagt.

Wir haben sofort die Ärmel hochgekrempelt und mit Hochdruck daran gearbeitet, uns möglichst schnell mit einer guten Lösung zurückzumelden. Durch Videokonferenzen und eine Millionen Telefonate hat sich ein unglaublicher Spirit entwickelt. Wir haben die komplette Nacht durchgearbeitet und alle Bands über unseren Plan, sie für 2021 neu buchen zu wollen, informiert.

Und innerhalb von ein paar Wochen haben fast alle bestätigten Künstler auch für das nächste Jahr zugesagt?

Ja, es ist wahnsinnig cool, dass sich die meisten Bands so schnell mit uns solidarisch gezeigt haben. Diese Solidarität geht aber in beide Richtungen: Wir haben den Künstlern – vom Headliner bis zum Opener – ohne lange nachzudenken, exakt die gleichen Slots für das nächste Jahr wieder angeboten. Den Musikern fehlen ja ebenfalls die Einnahmen und die Plattformen. Sie sollten uns bis Ende Mai eine Bestätigung geben. Nach ungefähr drei bis fünf Tagen waren 80 Prozent der Künstler wieder bestätigt, obwohl sie fünf Wochen Zeit gehabt hätten. Die Manager und Booker hatten sich eben auch mit der Situation beschäftigt.

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Wie sieht das bei Konzerten aus?

Wir haben teilweise ganze Tourneen von März und April in den Juni verlegt, dann in den September und mittlerweile ins Frühjahr 2021. Das haben wir gemacht, weil wir eine ganze Zeit lang noch zu Recht davon ausgegangen sind, dass sich die Situation bis dahin bessern würde. Die Lage war für uns und unzählige andere Menschen, innerhalb und außerhalb der Kulturbranche, eben insbesondere am Anfang sehr unübersichtlich.

Was bedeutet die komplette Absage nicht nur vom Hurricane Festival rein wirtschaftlich für Veranstalter?

Es ist eine Katastrophe, ein richtig großes Problem. Die Live-Branche ist als Erstes geschlossen worden und wird als Letztes wieder offen sein. Geisterspiele beim Fußball sind zwar nicht schön, aber sie funktionieren. Für uns ist das absolut nicht möglich. Klar, wir können Digitalevents oder ein Autokino machen, aber am Ende ist das wirtschaftlich leider alles unvernünftig.

Und für FKP Scorpio?

Aufgrund der guten letzten Jahre sind wir für die derzeitige Durststrecke gewappnet. Fest steht aber: Wir und alle anderen Kulturschaffenden können langfristig nur überleben, wenn der Normalbetrieb bald wieder anlaufen kann. Bis es so weit ist, haben wir keinerlei Einnahmen und müssen versuchen, diese Zeit so sparsam wie möglich zu überstehen.

Ist diese Corona-Absage irgendwie vergleichbar mit anderen Szenarien?

Wir haben schon einiges mitgemacht. Wir hatten Schweinegrippe und EHEC auf den Festivals. Wir kennen also Dinge dieser Art, die uns vor große Herausforderungen gestellt haben – sie alle sind von der Größenordnung aber nicht vergleichbar mit der aktuellen Situation.

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Wie war das für das Hurricane, als sich 2011 der Ehec-Erreger rasant ausbreitete?

Wir haben sehr viel für die Sicherheit aller Beteiligten getan. Natürlich halten wir unsere sanitären Einrichtungen und das Festivalgelände immer möglichst sauber. Aber damals bei EHEC hatten wir beispielsweise spezielle Reinigungskräfte in Schutzanzügen im Einsatz, die in sehr kurzen Abständen die Toiletten mit speziellem Desinfektionsmittel ausgespritzt haben. Daran haben wir uns sofort erinnert gefühlt, als wir die ersten Diskussionen über die Corona-Pandemie hatten. Da haben wir noch gehofft, dass Covid-19 nicht in Europa Fuß fasst.

Konnten Sie sich irgendwie auf diese Corona-Krise vorbereiten?

Um sicher zu gehen, haben wir sehr früh mit den Versicherern gesprochen, einfach weil wir sehr viel erlebt haben in den vergangenen Jahren. Wir können uns selbst beglückwünschen, dass wir vorab einige Weichen gestellt haben, sonst sähe es jetzt noch schlimmer aus.

Warum haben Sie nicht früher abgesagt?

Wir mussten auf Politik, Behörden und diverse andere Akteure warten, um ein Festival dieser Art überhaupt abzusagen zu können. Das hatte verschiedene juristische und logistische Gründe und hat eine ganze Weile gedauert.

Was bedeutet die Absage für die zahlreichen Menschen hinter und neben den Bühnen?

Die Wertschöpfungskette der Branche ist enorm, wenn man einmal schaut, wer damit alles verknüpft ist. Von den Auftrittsorten bis zu den Sicherheits-, Bühnen- oder Technikfirmen – auch die Gastronomie – die sind alle massiv betroffen. Für die Branche ist das bisher die größte Krise überhaupt.

Wie viele Festivalbesucher nutzen den kostenlosen Umtausch der Festival-Tickets in ein neues für 2021?

Die Rücktauschrate der Leute ist unglaublich. Nahezu jeder, der ein Ticket gekauft hatte, tauscht es gegen eine Karte für 2021. Für Hurricane und das Schwesterfestival Southside sind das mehr als 100.000 Gäste.

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Wenn fast alle Besucher 2021 erneut kommen, gibt es dann überhaupt ein zusätzliches Kontingent an Tickets?

Es wird ein gutes, wenn auch etwas kleineres Kontingent an neuen Tickets geben.

Brauchen Sie für mehr Besucher und vielleicht mehr Abstand nicht mehr Platz und größere Campingplätze in Scheeßel?

Diese Frage lässt sich noch nicht seriös beantworten, denn wir haben noch keinerlei Informationen über mögliche Vorgaben für 2021.

Wäre ein Festival mit Hygiene- und Abstandsregeln überhaupt möglich?

Nein, das geht nicht. So lange es Abstandsregeln von 1,5 Metern gibt, wird es keine größeren Konzerte oder Veranstaltungen geben. Gleichzeitig sind wir natürlich absolut dafür, alles zu tun, damit die Pandemie eingedämmt werden kann.

Was haben Sie sich für dieses Jahr als Alternative ausgedacht?

Es wird an diesem Wochenende ein interaktives Sonderprogramm mit unseren Partnern vom Norddeutschen Rundfunk und Arte geben, das direkt über www.hurricane.de zu sehen ist. Zudem hat der NDR eine abendfüllende Hurricane-Show auf dem Eichenring mit Überraschungsgästen produziert, die am Samstag, 20. Juni, im NDR Fernsehen von 23.15 Uhr bis 3 Uhr unter dem Motto „Kultur trotz Corona – dein Festival“ gesendet wird.

Das Interview führte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person

Stephan Thanscheidt ist Booker und Geschäftsführer von FKP Scorpio. Das Hamburger Unternehmen richtet seit 1997 das Hurricane-Festival in Scheeßel aus.

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