Festivals in der Corona-Krise

Was die Absage des Hurricanes für Scheeßel und die Fans bedeutet

In diesem Sommer macht die Pandemie Festivals unmöglich. Auch das Hurricane in Scheeßel muss ausfallen. Was heißt das für die Fans und den kleinen Ort, wenn die Party plötzlich vorbei ist?
20.06.2020, 08:28
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Was die Absage des Hurricanes für Scheeßel und die Fans bedeutet
Von Nico Schnurr

Ein altes Wohnmobil ruckelt über einen Schotterweg neben dem Eichenring in Scheeßel. Staub wirbelt auf, als der Wagen langsamer wird und an einer Wiese hält. Die Türen knarzen, zwei Frauen steigen aus. Sie ziehen Dosenbier aus dem heruntergewohnten Kasten, Lautsprecher, Stifte, Pappkartons. Die Frauen, Schwestern, beide Mitte 30, setzen sich ins Gras, knacken die Dosen auf, schalten die Musikbox an. Bianca und Manuela Ulken schauen über das Feld, Hunderte Meter Grün, sonst nichts, und aus den Lautsprechern weht die Stimme von Sven Regener: „Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist.“

Regener singt von Delmenhorst, nicht von Scheeßel, aber das macht an diesem Mittwochabend keinen Unterschied. Eigentlich würden Tausende nun Zelte aufschlagen und palettenweise Bier über Felder karren, um sich auf das Hurricane vorzubereiten, das an diesem Wochenende stattfinden sollte. Stattdessen hocken nur die beiden Schwestern auf der verlassenen Festivalwiese, hören Element of Crime und bemalen ein Pappschild. Als sie fertig sind, steht da: „Hurricane! Wir sind hier. Wo bist du?“

Lesen Sie auch

Schon häufiger hat das Hurricane nicht so stattfinden können, wie es stattfinden sollte. Dann stürmte und schüttete es. Zelte sackten unter den Wassermassen zusammen, aus Wiesen wurden Schlammpisten. Ein Festivaltag fiel aus, einige verpassten ihre Lieblingsband, doch manchmal konnte es schon am Tag darauf weitergehen mit den Auftritten. In diesem Jahr liegen die Dinge anders. Eine Pandemie ist kein Gewitter, das kurz ein paar Konzerte verhindert und dann vorüberzieht.

Das Coronavirus ist da, und es wird noch eine Weile den Alltag verändern, solange es keinen Impfstoff gibt. In diesem Sommer macht die Pandemie Festivals unmöglich. Auch das Hurricane in Scheeßel, wo sich sonst 70.000 Menschen treffen, um sich nahe zu sein statt Abstand zu halten, muss ausfallen. Keine Tänze im Matsch, keine Trinkspiele auf dem Zeltplatz, keine geprellten Rippen beim Pogo vor der Bühne. Was heißt das, wenn die Party plötzlich vorbei ist?

Wir waren dennoch da

Wo sonst die Bühnen stehen, haben die Schwestern nun Campingstühle aufgeschlagen. Bianca und Manuela Ulken sitzen da, weil sie noch vor der Pandemie ein Wohnmobil für dieses Wochenende gemietet haben. Der Wagen war günstig, 90 Euro pro Tag, da war es ihnen egal, dass die Sache einen Haken hatte: Absage ausgeschlossen. Also haben sie die alte Kiste trotzdem abgeholt und sind losgefahren nach Scheeßel, wie jedes Jahr um diese Zeit, „reine Routine“. Sie wollen kein Wochenende bleiben, nur ein paar Stunden, Fotos für Freunde schießen, seht her, wir waren dennoch da, dann soll es weitergehen. Jetzt aber hocken sie da, am Ort ihrer Jugend, und erinnern sich an die Jahre, in denen sie auf dem Acker gefeiert haben, anfangs überschwänglich, zuletzt ruhiger.

„Unsere Mutter meint: Wenn ihr irgendwann nicht mehr aufs Hurricane gehen solltet, werdet ihr alt“, sagt Bianca Ulken, „eigentlich fahren wir deswegen noch immer her: Damit wenigstens unsere Mutter uns nicht für alt hält.“ Gelächter auf den Campingstühlen, die Schwestern haben Spaß. Sie rattern nun eine Festivalgeschichte nach der anderen runter, betrunkene Fremde im eigenen Zelt, explodierende Raviolidosen, der normale Wahnsinn. „Eigentlich denkt man nach jedem Hurricane: Das war es, ich bin durch damit“, sagt Manuela Ulken, „aber wenn ich jetzt hier sitze, merke ich: Verdammt, da fehlt was.“

Lesen Sie auch

Was genau in diesem Sommer fehlt, soll Scheeßels Bürgermeisterin erklären. Das Rathaus wird saniert, deswegen empfängt Käthe Dittmer-Scheele ihre Gäste gerade im Eckbüro einer Schule, die sie früher selbst besucht hat. Die Bürgermeisterin ist seit knapp zwei Jahrzehnten im Amt, fast so lange, wie es das Hurricane gibt. Man muss ihr keine großen Fragen zum Festival stellen, sie erzählt gleich los. Die Bürgermeisterin hat miterlebt, wie sich das Hurricane über die Jahre gewandelt hat. Weniger Gitarrenmusik, mehr Menschen. Weniger Dosenravioli, mehr Luxus. „Das Festival ist kommerzieller geworden.“ Wenn Dittmer-Scheele das sagt, klingt sie nicht wie ein verbitterter Fan, der sich die Indierock-Jahre zurückwünscht. Die Bürgermeisterin mag das Hurricane nach wie vor, sie hat ihrem Mann in diesem Jahr Tickets zum Geburtstag geschenkt. Da hatte auch sie noch nichts von einer Pandemie geahnt.

Zuletzt hat Dittmer-Scheele viel telefoniert, auch mit dem Bürgermeister von Wacken. In den Gesprächen ging es auch darum, was es für einen kleinen Ort bedeutet, wenn in diesem Sommer Zehntausende wegbleiben. Ein wirtschaftliches Problem sieht Dittmer-Scheele nicht. Vielleicht machten die Bäcker im Ort etwas weniger Umsatz, aber sonst? Seit es auf dem Hurricane einen Supermarkt gibt, profitierten die Händler kaum noch vom Festival. Die Besucher müssen das Gelände nicht mehr verlassen, um Bierhelme und Gummistiefel zu kaufen, alles da, das Hurricane hat seine eigene Einkaufsmeile. Auch die Gemeinde hat nicht viel vom Millionengeschäft, Hurricane-Veranstalter FKP Scorpio zahlt seine Steuern in Hamburg. Dittmer-Scheele glaubt, dass man nicht in Geld messen kann, was das Festival für den Ort wert ist.

Scheeßel, eine sehr durchschnittliche Kleinstadt?

Die Menschen in Scheeßel leben in Rotklinkerhäusern und manchmal auch in Fachwerk. Durch den Ort schlängeln sich zwei Flüsse, es gibt eine kleine Innenstadt, und jede Stunde hält ein Zug auf dem Weg nach Bremen. Im Grunde ist Scheeßel eine hübsche, aber sehr durchschnittliche Kleinstadt. Bloß wie durchschnittlich kann ein Ort sein, für den schon David Bowie und Björk gespielt haben?

Wenn sie im Urlaub sage, dass sie aus Scheeßel sei, hätten die Leute oft sofort ein Bild vor Augen, sagt Dittmer-Scheele. Hurricane, Party auf dem platten Land. Manchen falle auch gleich noch ein Künstler ein, der schon mal in Scheeßel gespielt habe. „Die Leute verbinden etwas Positives mit dem Ort“, sagt die Bürgermeisterin, „das Festival ist eine gute Werbung.“ Anfangs hätten die Scheeßeler einiges mitmachen müssen wegen des Festivals, alleine die vielen Staus. Inzwischen seien Ort und Festival zusammengewachsen. „Das Hurricane ist so etwas wie unsere fünfte Jahreszeit.“ Rechts neben der großen Bühne stehe ein Bierwagen, an dem sich die Scheeßeler während des Festivals treffen. Auch sie schaue dort vorbei, sagt die Bürgermeisterin. Normalerweise. „Dieses ausgelassene Zusammensein, das fällt in diesem Sommer einfach weg.“

Lesen Sie auch

Wenige Kilometer vom Eichenring entfernt liegt das Beekebad, ein Freibad im Grünen. Bademeister Marcus Hils steht auf seinem Aussichtsturm, er hat seine Kappe gegen die Mittagssonne tief ins Gesicht gezogen und beobachtet, wie links Schwimmer ihre Bahnen ziehen, rechts Kinder planschen. Eigentlich würde er an diesem Wochenende besonders viel zu tun haben. Früher gingen die Festivalbesucher ins Freibad, um zu duschen. Seit es auch auf dem Festivalgelände Duschen gibt, die den Namen verdienen, kommen die Hurricane-Gäste nur noch vorbei, um sich angetrunken etwas abzukühlen.

Bademeister Hils muss dann besonders aufpassen. An diesem Wochenende nicht nötig. Deutlich weniger Einnahmen erwartet er dennoch nicht. Auf seine Stammgäste, die das Bad während des Hurricanes gemieden hätten, könne er zählen. „Ein bisschen traurig ist das trotzdem“, sagt der Bademeister, „war doch auch immer nett mit denen vom Festival, da war mal was los.“

„Das Festival ist ein Ausbruch“

Am Mittwochnachmittag läuft Folkert Meyer über seinen Acker am Eichenring, als er an einen Hurricane-Auftritt von Fettes Brot denken muss, der auf der Wiese vor ihm stattgefunden hat. Während die Band spielte, sah der Bauer hinten auf der Bühne zu. Meyer beobachtete, wie Zehntausende wild auf seinem Acker herumhüpften. Der Bauer dachte nicht daran, ob das seinen Boden ruinieren könnte. Meyer staunte bloß, wie viele fremde Menschen da gemeinsam sangen und tanzten. Oben auf der Bühne, meint Meyer, als er über seine verlassene Wiese schlendert, da habe er wirklich verstanden, warum die Leute nach Scheeßel kommen.

„Die Gesellschaft ist verkorkst, das Miteinander fehlt, das Festival ist ein Ausbruch“, sagt der Bauer, „alle sind ausgelassen, alles ist anders, weil für ein paar Tage alle gleich sind.“ Und wenn das bedeutet, dass sein Acker danach kurz mal hinüber ist, hat Meyer nichts dagegen. Seit Jahren verpachtet er 40 Hektar Land ans Hurricane. Doch in diesem Sommer werden seine Felder nicht gebraucht. Er könnte sich ärgern, weil er deswegen auf nicht wenig Geld verzichten muss. Doch eigentlich ärgert er sich vor allem darüber, dass an diesem Wochenende nicht Zehntausende über seine Wiesen springen können.

Lesen Sie auch

Auf dem Acker, wo sonst die Zelte stehen, hat Meyer nun spontan Mais angebaut. Sein Hof liegt gleich daneben, ein Stall mit Schweinen, einer mit Kühen, dahinter ein Landhaus mit Terrasse und Garten. Während des Hurricanes übernachten dort die Bühnentechniker. Auch in der Gartenhütte hat Meyer schon Festivalbesucher untergebracht, als es mal wieder gewittert hat. An solchen Wochenenden fährt der Bauer mit seinem Traktor über die Schlammpisten und schleppt stundenlang Autos aus dem Matsch. Meyer macht das freiwillig, weil er glaubt, dass Scheeßel das Hurricane braucht. „Es ist wichtig, dass das Festival nach der Pandemie weitergeht“, sagt Meyer, „damit hier etwas passiert.“

Am Straßenrand nicht weit von Meyers Hof parkt am Mittwochabend ein Cabrio. Mike Schmidtsdorf öffnet den Kofferraum, er holt einen Topf heraus und versenkt ein kleines Stück Rasen darin. „Heiliger Acker“, sagt Schmidtsdorf, „das ist ein bisschen bekloppt, aber wenn ich dieses Jahr schon nicht in Scheeßel feiern kann, brauche ich wenigstens ein Stück Hurricane für zu Hause.“ Mike Schmidtsdorf und seine Frau Doreen, beide Mitte 40, haben kaum eine Ausgabe des Festivals verpasst. Jedes Jahr, in dem er in Scheeßel gewesen ist, hat Schmidtsdorf sich auf die Wade tätowieren lassen. 1998, 2001, 2002, 2003, immer so weiter, fast den ganzen Unterschenkel runter. Nennt man den beiden eine der Zahlen, antworten sie mit Anekdoten.

Mit schlecht rasiertem Irokesenschnitt zur Arbeit

Die beiden erzählen von Pogo im schwarzen Anzug, tanzen im Comic-Kostüm. Wetten verlieren, am Montag mit schlecht rasiertem Irokesenschnitt zur Arbeit kommen. Freunde in der Menge verlieren, neue finden. Konzerte sehen, die alles für einen verändern. Konzerte verpassen, weil man Bier-Nachschub holen will und das Auto unterwegs mitten im Nichts liegen bleibt. Die eigene Tochter mit 15 Jahren zum ersten Mal zum Festival mitnehmen.

Hört man Doreen und Mike Schmidtsdorf zu, wie ihnen eine Anekdote nach der anderen einfällt, wie sie dabei mit jedem Satz euphorischer werden, wie sie sich noch immer über die eingeübten Pointen freuen, da glaubt man etwas im Grunde ziemlich Banales zu verstehen: Die Leute gehen auf Festivals, um Dinge zu erleben, die sie später, in Geschichten verpackt, erzählen können. Die feiernden Schwestern im Schlamm. Der Bauer im Backstage. Die Bürgermeisterin am Bierstand. Darum geht es: Geschichten, die nach einem Festival bleiben. Und in diesem Jahr? Da müssen die alten Anekdoten reichen, weil keine neuen dazukommen.

Mike Schmidtsdorf hat sich noch nicht damit abgefunden, für irgendeine Pointe muss dieses Seuchenjahr doch gut sein. Er will sein Tattoo auf der Wade erweitern. Eine Jahreszahl soll nicht dazukommen, auf 2018 und 2019 soll nicht 2020 folgen. Stattdessen ein Wort, das bald unter seine Haut geht. Schmidtsdorf hat sich für eines entschieden, das gerade selbsterklärend ist: Virus.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+