Woodstock: Die Geschichte

Wie ein Festival zur Legende wurde

Im August 1969 schrieb ein Festival auf einer Wiese in Bethel, New York Geschichte: Das Woodstock-Festival. Mehr als eine halbe Million Menschen kamen damals zusammen. Und nicht alles lief nach Plan.
29.06.2019, 06:00
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Wie ein Festival zur Legende wurde
Von Alexandra Knief
Wie ein Festival zur Legende wurde

Rund eine halbe Million Menschen versammelten sich im August 1969 beim Woodstock-Festival in Bethel, New York, um gemeinsam Musik zu hören und ihre Ablehnung gegenüber dem Vietnamkrieg zum Ausdruck zu bringen.

James M Shelley

Als Lynda Landy sich 1969 in Paris in ein Flugzeug setzt, um zu einem Festival in den USA zu fliegen, hat sie nicht den blassesten Schimmer, was sie erwartet. Im Gepäck hat sie nichts weiter als ein paar T-Shirts, frische Unterwäsche und einen Koffer mit elektrischen Lockenwicklern. Vor dem Festival habe sie sich noch schnell ein Motel suchen und ihre Haare machen wollen, schreibt die Autorin rückblickend. Kein Problem, sollte man meinen. Von wegen.

Währenddessen in Bethel, einer Kleinstadt rund 160 Kilometer von New York City entfernt. Der 24-jährige Michael Lang fährt mit seinem Motorrad über eine Wiese und begutachtet die Aufbauarbeiten. Hier soll schon bald das von ihm geplante Event Woodstock Music & Art Fair beginnen, „3 Days of Peace & Music“, wie es auf den roten Werbeplakaten heißt, die ein weißer Vogel ziert, der auf einer Gitarre sitzt. Bis zu 200 000 Zuschauer erwarten Lang und seine Kollegen. Heute, genau 50 Jahre später, weiß man: Die tatsächliche Zahl der Festivalbesucher sollte Dimensionen annehmen, mit denen niemand rechnen konnte. Und das Woodstock-Festival sollte in die Geschichte eingehen.

Ein Fest mit Nonnen und Kühen

400 000 bis 600 000 Menschen versammelten sich von 15. bis zum 18. August 1969 in Bethel, um Musik zu hören und zum Frieden aufzurufen. Zählt man all die Menschen mit, die auf den Straßen feststeckten und gar nicht erst beim Festival ankamen, waren es noch weitaus mehr. Beteiligte sprechen von bis zu 1,5 Millionen Menschen. Bis heute ist das Festival ein Mythos, der von einer gewissen Verklärung begleitet wird: Angeblich roch es überall nach Erdbeeren.

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Nonnen feierten mit, Polizisten ließen sich von der Atmosphäre anstecken, kleine Kinder tapsten nackt durch die Menge, die größeren tobten auf einem Spielplatz herum, den die Erwachsenen aus Heu und Baumstämmen für sie gebaut hatten. Auch Tiere liefen frei über das Gelände – vom Hund bis zur Kuh. Es gab Yogastunden und andere Angebote, die Menschen organisierten sich fast wie in einer improvisierten Stadt. Sie alle wurden zur „Woodstock Nation“, einer Gegenkultur, die die Werte und den Lebensstil der Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft infrage stellte. Ihre Gemeinsamkeiten lagen in einer liberalen Haltung gegenüber Sex und Drogen, sowie in einer Ablehnung der amerikanischen Beteiligung am Vietnamkrieg. Doch von vorne.

Max and Miriam Yasgur on their land after the Woodstock Music & Art Fair.

Erschöpft aber zufrieden: Farmer Max Yasgur nach dem Festival.

Foto: Bill Eppridge

In ganz Amerika lag etwas in der Luft. Die Sechziger- und frühen Siebzigerjahre waren eine Zeit der Veränderung und der Rebellion. Es gab Märsche der Bürgerrechtsbewegung, Menschen protestierten gegen den Krieg in Vietnam. Die Gegenkultur machte sich stark für Antimilitarismus, für Gleichberechtigung von Frauen, Schwarzen und Homosexuellen, für eine künstlerische und sexuelle Befreiung. Die Waffen der Bewegung: Spirituelle Lehren, halluzinogene Drogen und Musik, die auch vor politischen Themen nicht zurückschreckte.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war in der kleinen Stadt Woodstock im Staat New York eine Kolonie entstanden, in der sich viele Künstler, Schriftsteller und Musiker niederließen. Mitte der Sechziger machte sich auch hier der Zeitgeist bemerkbar, Künstler wie Bob Dylan ließen sich in Woodstock nieder, Musiker wie Jimi Hendrix, Janis Joplin oder Joan Baez waren regelmäßige Gäste. Immer wieder gab es kleine Open-Air-Festivals, die den Künstlern die Chance gaben, sich ungezwungen auszuprobieren.

Mega-Event statt Tonstudio

1968 kam Michael Lang nach Woodstock, weil er von der regen Musikkultur gehört hatte, die es hier gab. Der gerade einmal 23-jährige Lang hatte zuvor das Miami Pop Festival organisiert, außerdem war er Manager der Gruppe „Train“, für die er in New York einen Plattenvertrag an Land ziehen wollte. Und er hatte Pläne: Gemeinsam mit dem Produzenten Artie Kornfeld, damals Vizepräsident des Plattenlabels Capitol Records und Freund von Lang, wollte er in Woodstock ein Tonstudio errichten. Finanzieren wollten sie ihre Idee durch die Veranstaltung eines kleinen Festivals. Um etwas Startkapital zu erhalten, wandten Lang und Kornfeld sich an die zwei Risikokapitalgeber Joel Rosenman und John Roberts. Zusammen gründeten die vier Woodstock Ventures. Die Tonstudio-Idee rückte in den Hintergrund (und wurde tatsächlich nie umgesetzt). Es war die Festival-Idee, die das frisch gegründete Unternehmen angehen wollte. Eine Idee, die mit jedem Planungstag ein kleines bisschen größer wurde.

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Weil Anwohner protestiert hatten, war schnell vom Tisch, dass das Festival direkt in Woodstock oder der unmittelbaren Umgebung stattfindet. Seinen Namen behielt das Event dennoch, und auch ein alternativer Standort war schnell gefunden: in Wallkill, rund 60 Kilometer südlich. Doch zu früh gefreut: Auch hier scheiterte das Unterfangen, erneut protestierten Anwohner gegen das Festival. Ein Schock für die Veranstalter, denn die Vorbereitungen hatten bereits begonnen, viel Zeit blieb nicht mehr, um eine neue Location zu finden. Der Besitzer des Geländes in Wallkill erinnert sich: „Diese Jugendlichen bewegten Bäume und riesige Felsbrocken. Alles, was sie den ganzen Sommer lang vorbereitet hatten, wurde von Wallkill nach Bethel geschafft. Es sah ziemlich abenteuerlich aus.“

Viele Festivalbesucher steckten bereits viele Kilometer vor dem Konzertgelände im Stau fest. Also gingen sie zu Fuß weiter. Kofferraumdeckel dienten als Pausenbank.

Viele Festivalbesucher steckten bereits viele Kilometer vor dem Konzertgelände im Stau fest. Also gingen sie zu Fuß weiter. Kofferraumdeckel dienten als Pausenbank.

Foto: Ric Manning

Verantwortlich dafür, dass das Festival schließlich im etwa 90 Kilometer von Woodstock entfernten White Lake/Bethel stattfinden konnte, war Elliot Tiber. Jeden Sommer unterstützte der 34-jährige Innenarchitekt seine Eltern in deren völlig heruntergekommenem Motel. Gäste verirrten sich nur selten in die Gegend, was also tun? Tiber war Präsident der Handelskammer und engagierte sich für Kunst und Theater. Er hatte sogar eine Dauergenehmigung für Musik- und Kunstfestivals in der Gegend – nur hatten die bisher nie mehr als ein paar wenige Nachbarn angelockt. Als er in der Zeitung las, dass das Woodstock-Festival nicht wie geplant in Wallkill stattfinden darf, lud er Michael Lang kurzerhand zu sich ein. Doch das Motel-Grundstück erwies sich als zu klein und zu sumpfig für ein Festival. Und so kam ein weiterer Mann ins Spiel, der später als „Engel von Woodstock“ in die Geschichte eingehen sollte.

Milchbauer mit Herz

Max Yasgur war 49 Jahre alt, als Tiber und Lang an seine Tür klopfen. Bei einem Glas Kakao – Yasgur war schließlich Milchbauer – sprachen sie übers Geschäft: Woodstock Ventures brauchte eine große Wiese, Yasgur hatte eine. 50 000 Dollar und das Versprechen, hinterher alles wieder sauber zu machen später, hatten der Milchbauer und die Konzertmacher einen Deal. Auch, als Nachbarn sich gegen ihn wandten und zum Boykott seines Milchgeschäfts aufriefen, hielt der Farmer zu den jungen Festivalmachern. Er selbst hatte zwar nichts mit den Hippies gemein, fand aber, sie hätten ein Recht darauf, ihre Meinung kundzutun.

Viele Tausend Besucher reisten bereits Tage vor Festivalbeginn an, als Zäune noch nicht aufgebaut und auch sonst längst nicht alle Vorkehrungen getroffen worden waren. Menschen campten, wo später eigentlich geparkt werden sollte, die Kassenhäuschen standen noch nicht und die wenigen Zäune, die schon aufgestellt waren, wurden im Nullkommanix umgetrampelt.

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Lang und die anderen standen also vor einer Entscheidung. Erste Option: Sie lassen das Gelände räumen und müssen mit den Konsequenzen – Tausende von wütenden Hippies – klarkommen. Zweite Option: Sie lassen alles laufen, erklären das Festival zu einer kostenfreien Veranstaltungen und müssen mit anderen Konsequenzen – einem finanziellen Verlust in Millionenhöhe – umgehen. Die Entscheidung fiel auf die zweite Alternative.

Gute Gäste, schlechte Gäste

Auch Lynda Landy hat das Festivalgelände mittlerweile erreicht. Ohne gemachte Haare, denn rund acht Kilometer vom Festivalgelände entfernt blieb sie mit ihrem Auto im Stau stecken und ging zu Fuß weiter. Ein freies Motel zum Frischmachen gab es nicht. Ihre Lockenwickler nahm sie trotzdem mit.

Einige Anwohner fanden das Spektakel, das sich plötzlich in ihren Vorgärten abspielte, aufregend, und lobten, wie freundlich die jungen Gäste waren. Sie gaben ihnen Wasser und ließen sie ihre Toiletten benutzen – auch, wenn sie selbst dadurch mit Einschränkungen fertig werden mussten: Er habe seit drei Tagen nichts anderes gegessen als Cornflakes, berichtet ein Anwohner in der Woodstock-Dokumentation und lacht dabei. Was anderes habe er nicht im Haus gehabt. Einkaufen? Durch das Verkehrschaos unmöglich. Und die Supermärkte im Ort waren wie leer gefegt. Andere Anwohner waren ihren Gästen gegenüber weniger tolerant. Sie kritisierten ihren Drogenkonsum und ihr verlottertes Aussehen.

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Foto: WK

Ein Nachbar verglich die Woodstock-Besucher mit menschenfressenden Marabunta-Ameisen. Für andere war das Ganze einfach nur ein „shitty mess“ – eine Riesensauerei. Und die war Woodstock tatsächlich. Spätestens, als der Regen einsetzte. Schon vor dem eigentlichen Beginn hatte sich abgezeichnet, dass das Festival in einem Fiasko enden könnte. Und das reichte der Regierung, um das Gelände zum Katastrophengebiet zu erklären. An den Telefonzellen vor Ort standen Tausende Jugendliche Schlange, um ihren Eltern zu sagen, dass es ihnen gut geht.

Das Essen der kommerziellen Stände war bereits am ersten Tag ausverkauft. Einige Festivalbesucher hatten Nahrungsmittel dabei, viele aber nicht. Helfer von der Hog Farm, einer Hippie-Kommune, die mit deeskalierenden Mitteln wie Umarmungen die Sicherheitskräfte vor Ort unterstützen sollte, bereiteten kostenloses Essen vor und verteilten mehr als 1500 Pfund Bulgur, ebenso viele Haferflocken, dazu Obst und Gemüse, das sie bei einer Farm in der Nähe gekauft hatten. Viele Besucher halfen freiwillig mit. Auch die Nationalgarde kam angeflogen und warf aus Flugzeugen Nahrungsmittel ab. Der Frauenkreis des jüdischen Gemeindezentrums in Monticello schmierte 30 000 Sandwiches, die von Schwestern der Abtei St. Thomas verteilt wurden. Die Menschen teilten die wenigen Nahrungsmittel, die sie dabei hatten. Bilder des Festivals zeigen, wie mit Schlamm bedeckte junge Männer auf der Erde sitzen und mit den Händen eine Wassermelone auskratzen. Eine junge Festivalbesucherin erzählt später: „Ich kann mich erinnern, dass ich von einer Dillgurke abbiss und sie weiterwandern ließ."

Schlam(m)assel

Kurz bevor es zum ersten Mal zu regnen begann, hatte Lynda Landy ihr Zelt gegen zwei Joints getauscht. Eine dumme Idee. Ein paar Fremde boten ihr glücklicherweise einen Platz in ihrem Zelt an. Lynda zeigte sich erkenntlich: Sie verteilte Haarklammern aus ihrem Lockenwickler-Set als Kippenhalter. „Eine brillante Idee“, wie sie rückblickend schreibt.

Nicht alle Festivalbesucher waren so gut ausgestattet wie dieser junge Mann. Tausende waren dem Regen schutzlos ausgeliefert.

Nicht alle Festivalbesucher waren so gut ausgestattet wie dieser junge Mann. Tausende waren dem Regen schutzlos ausgeliefert.

Foto: James M Shelley

Bereits am ersten Festivaltag regnete es. Das richtige Unwetter, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 60 Stundenkilometern, brach am Sonntag los. Die Veranstalter hatten Angst, dass die Lautsprecher- und Beleuchtungs-Türme umstürzen könnten und mahnten das Publikum, nicht mehr darauf herumzuklettern und Abstand zu halten. Die Bühnenelektronik wurde vorübergehend abgeschaltet. Es dauerte rund zwei Stunden, bis die Konzerte fortgesetzt werden könnte. Und die Besucher? Die waren zwar schlammiger als zuvor, aber immer noch da. „Man musste sich von den Vorstellungen, wie es hätte sein sollen, verabschieden und für den Moment leben“, erinnert sich eine Besucherin später.

Viele Menschen sprangen nackt in einen nahegelegenen Teich, um sich den Schlamm von den Körpern zu waschen. Auch diese Bilder gingen hinterher um die Welt. Die Besucher machten das Beste aus der Situation, und so blieb das Festival trotz allem friedlich. Die Gegenkultur bewies, was sie beweisen wollte: Dass ein friedliches Miteinander möglich ist. „Die Menschen in diesem Land können stolz auf diese Kinder sein. Ich rede nicht von ihrer Kleidung oder ihren Frisuren, das ist ihre Privatsache. Aber ihre inneren Werte, ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten können nicht infrage gestellt werden“, sagte ein Polizeichef während des Festivals in einem Interview.

Nach dem Festival

„Heute herrscht überall große Erleichterung – im Haus des Gouverneurs ebenso wie in den Polizeistationen im ganzen Bundesstaat, beim öffentlichen Gesundheitsdienst und möglicherweise auch bei Tausenden von Eltern im ganzen Land –, als sich eine Menschenmenge, zweimal so groß wie bei der Schlacht von Gettysburg, von der Stadt Bethel aus auf den Heimweg machte.“ Das schrieb der britische „Guardian“ nach Woodstock.

Dass das Festival nicht in einer Katastrophe endete, grenzt bis heute an ein Wunder. Und natürlich war nicht alles Liebe und Frieden: Am Ende des Festivals roch es nicht mehr nach Erdbeeren. Das Feld war das reinste Chaos. Bis zu 80 000 Schlafsäcke, so schätzten die Verantwortlichen, lagen noch herum. Von dem Müll, den Essensresten, den vergessenen, verlorenen und völlig verdreckten Zelten und Kleidungsstücken ganz zu schweigen. Viele Freiwillige halfen dabei, die Überbleibsel einzusammeln und verbrannten die textilen Hinterlassenschaften.

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Alles war voller Schlamm und viele Besucher wussten nicht, wie sie überhaupt von dem Gelände wegkommen sollen. Woodstock Ventures hatte mehr als eine Million Dollar Miese gemacht, die abgezahlt werden mussten. Bauern forderten Schadensersatz, weil ihre Felder zertrampelt und ihre Ernten zerstört wurden; Menschen, die im Vorfeld ein Ticket gekauft, es wegen des Verkehrschaos aber nicht auf das Gelände geschafft hatten, wollten ihr Geld zurück. Die Gewinnbeteiligung an der Woodstock Dokumentation, die 1970 von Warner Brothers vertrieben wurde und mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, sollte die Schulden tilgen. Es dauerte allerdings mehr als zehn Jahre, bis die Festivalmacher alles abgezahlt hatten.

Die Gegenkultur hat das Leben in den USA und der Welt mit Woodstock nicht unmittelbar und grundlegend verändert. Erst 1973 endete die amerikanische Intervention im Vietnamkrieg mit der Unterzeichnung eines Friedensabkommens in Paris. Die meisten Hippies fanden früher oder später in den Alltag zurück. Dennoch bleibt das Festival ein soziales Phänomen. Denn für drei Tage war auf einem Acker in Bethel eine neue Welt entstanden. Eine friedliche Welt. Eine Welt, in der zwar nicht alles perfekt war, aber vieles genau deshalb umso schöner. Und Lynda Landy? Die ist ohne ihre Lockenwickler zurück nach Hause gefahren. Dafür aber mit jeder Menge Erinnerungen.

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