Menschheitsretter mit Halbwertszeit 3sat würdigt den 100. Todestag Robert Kochs mit der Themenwoche "Stille Killer" (Mo., 17., bis Fr., 21. Mai)

Zum 100. Todestag des medizinischen Revolutionärs Robert Koch rüttelt 3sat ein bisschen am Denkmal des Forscherstars und schaut mit bangem Blick in die Zukunft. War der Triumph des Bakteriologen nur von kurzer Dauer?
14.05.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jens Szameit

Zum 100. Todestag des medizinischen Revolutionärs Robert Koch rüttelt 3sat ein bisschen am Denkmal des Forscherstars und schaut mit bangem Blick in die Zukunft. War der Triumph des Bakteriologen nur von kurzer Dauer?

Erlösergestalten haben es schwer in der Menschheitsgeschichte. Irgendwann bröckeln die Denkmäler, und die unfehlbaren Giganten schrumpfen wieder in Richtung Lebensgröße. Da geht es Lukas Podolski prinzipiell gesprochen nicht anders als Robert Koch, dem Tuberkulosebekämpfer, Menschheitserretter und wissenschaftlichen Superstar der Kaiserzeit. 3sat widmet dem medizinischen Revolutionär vom 17. bis 21. Mai eine ganze Themenwoche und beweist einmal mehr, dass man beim Mainzer Kulturkanal vor der epischen Ausbreitung sperriger Themen nicht zurückschreckt. Die ultimative Lobhudelei zum 100. Todestag des Mitbegründers der Bakteriologie (27. Mai) ist allerdings nicht geplant. So kommen nicht nur Kochs charakterliche Ambivalenzen aufs Tableau der Beitragsreihe. Weit Besorgnis erregender ist, dass sein medizinisches Erbe in Gefahr ist. Die "Stillen Killer" schlagen zurück.

Schiller, Rousseau, Novalis, Kafka, Chopin, Balzac, Tschechow ... Die zerstörerische Kraft des Tuberkulose-Erregers lässt sich am besten an seinen prominenten Opfern ablesen. Jahrhundertelang siechten zahllose Menschen an der Infektionskrankheit dahin. Und hätte Robert Koch nicht 1882 ihre Ursachen erkannt, wäre das vielleicht noch heute so.

Doch Robert Koch, so legen es René Krischey und Thomas Hauer in der Dokumentation "Die Ökonomie der Erreger" (Mo., 17. Mai, 20.15 Uhr) dar, war nicht nur der Wegbereiter der modernen Bakteriologie. Er war auch der Urahn der kapitalistischen Pharmaindustrie. Mit allen wünschenswerten wie unschönen Begleiterscheinungen.

Koch hielt die Zusammensetzung seiner Wirkstoffe geheim und schreckte auch vor fatal verlaufenen Menschenversuchen in den deutschen Afrika-Kolonien nicht zurück. Trotz aller Rückschläge und Zweifel: Irrtümer gestand der Überflieger-Doktor zumindest öffentlich nie ein. Wer nicht für ihn war, war gegen ihn - den Einkommensmillionär, wenn man sein üppiges Salär auf heutige Maßstäbe umrechnet. "Im Blickfeld des Forschers stand weniger Objektivität als Karriere und Geld", so die Filmemacher.

Dass seine medizinischen Errungenschaften nur rund 100 Jahre später derart ins Wanken geraten würden, hätte der Forscherstar vermutlich auch nicht gedacht. Und wohl gleich gar nicht, dass die Infektionsgefahr einmal dort am gefährlichsten sein würde, wo Gesundheit doch eigentlich alles ist: in den Krankenhäusern. Rund 35.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an dem multiresistenten Krankenhauskeim MRSA, für etwa 1.500 Patienten pro Jahr hat das tödliche Konsequenzen.

Und das sind noch vergleichsweise überschaubare Zahlen, wie der Beitrag "Killer-Keime" (Mo., 17. Mai, 21.45 Uhr) von Valentin Thurn und Frank Bowinkelmann zeigt. In amerikanischen Krankenhäusern sind heute bereits 60 Prozent der MRSA-Erreger multiresistent. Wer erkrankt, hat ein ernsthaftes Problem. Denn viele Bakterien haben sich innerhalb kürzester Zeit genetisch gegen die klassische Antibiotika-Therapie immunisiert. Und es werden immer mehr: Die prä-antibiotische Ära wird zurückkehren, schreibt der Immunologe Martin Krönke im Begleitheft zur Themenwoche: "Die wird man dann eben die post-antibiotische Ära nennen."

Dass die Wissenschaft hinter den so wandlungsfähigen Krankheitserregern wohl immer einen Schritt zurückbleiben wird, gibt auch Meike Srowig in ihrer Forscher-Doku "Die Unbesiegten" (Mo., 17. Mai, 21.00 Uhr) zu verstehen. Und Moderatorin Kristina zur Mühlen prognostiziert im "nano spezial: Die Rückkehr der Keime" (Di., 18. Mai, 18.30 Uhr), dass der Kampf gegen Bakterien schon bald die größte Herausforderung für die Menschheit überhaupt sein könnte.

Eine einzige Wiederholung findet sich in der Themenwoche voller brisanter Erstausstrahlungen, doch auch die ist von unverminderter Aktualität. Petra Höfer, Freddie Röckenhaus und Francesca D'Amicis legten pünktlich zur Schweinegrippenpanik von 2009 eine umfassende Studie über "Das Imperium der Viren" vor - ausgehend von der letzten großen Pandemie: dem Ausbruch des SARS-Virus 2003. 3sat zeigt die zweiteilige Dokumentation am Donnerstag, 20. Mai, und am darauffolgenden Freitag, jeweils um 20.15 Uhr.

Fernsehen fatal. Wer soll so viel geballte Katastrophenangst nur eine Woche lang aushalten? Immerhin Gert Scobel bemüht sich um eine produktive Diskussion der Thematik. Wenn der universalgelehrte Talkmoderator am Donnerstag, 20. Mai, 21.00 Uhr, mit Gästen über "Robert Koch und die geheime Weltmacht" debattiert, beherzigt er einen alten rheinischen Lehrsatz: Es ist nichts so schlecht, dass es nicht doch für irgendetwas gut ist. Die meisten Bakterien sind für den Menschen nämlich nützlich. Hindert ihr schlechter Ruf die Wissenschaft womöglich an produktiver Forschungsarbeit?

Die Beiträge der 3sat-Themenwoche "Stille Killer" im Überblick:

Mo., 17.05., 20.15 Uhr: "Die Ökonomie der Erreger. Robert Koch und die Illusion von der Beherrschbarkeit der Natur"

Mo., 17.05., 21.00 Uhr: "Die Unbesiegten. Die Jagd auf Viren und Bakterien"

Mo., 17.05., 21.45 Uhr: "hitec: Killer-Keime. Der Kampf gegen Antibiotika-resistente Bakterien"

Di., 18.05., 18.30 Uhr: "nano spezial: Die Rückkehr der Keime"

Mi., 19.05., 20.15 Uhr: "wissen aktuell: Die Macht der Zellpiraten"

Do., 20.05., 20.15 Uhr: "Das Imperium der Viren. Teil I: Lautlose Killer"

Do., 20.05., 21.00 Uhr: "scobel: Robert Koch und die geheime Weltmacht"

Fr., 21.05., 20.15 Uhr: "Das Imperium der Viren. Teil II: Unsichtbarer Feind"

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