„Moskito-Küste“ bei Apple TV+

Abenteuer statt Probleme: Warum ausgerechnet Apple Handys zu Teufelszeug erklärt

Apple versucht sich an Kapitalismuskritik und zwingt einen genialen Erfinder mitsamt Familie zur Flucht vor den US-Behörden. Im Seinem gewaltigen Ego aber aber kann niemand entkommen.
28.04.2021, 21:28
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Von Andreas Fischer
Abenteuer statt Probleme: Warum ausgerechnet Apple Handys zu Teufelszeug erklärt

Handys hat Papa streng verboten, also muss Dina (Logan Polish) auf altmodische Art und Weise telefonieren.

Apple TV+

Neun Jahre, sechs Identitäten, versteckt vor der Welt: Allie Fox (Justin Theroux) ist ein brillanter Erfinder - mit mehreren Geheimnissen. Um sie nicht preisgeben zu müssen, flieht er mit seiner Familie aus den USA nach Mittelamerika: Sieben Episoden lang folgt die Serie „Moskito-Küste“ ab 30. April bei Apple TV+ einem Mann, der so genial wie mysteriös ist, auf einer umgekehrten Flüchtlingsroute.

Spannender als die durchaus interessante Überlegung, wie man aus den USA illegal nach Mexiko kommt, sind dabei die Fragen: Warum ist Allies Ego so groß, dass er seine Familie in Gefahr bringt? Und warum lassen sich seine Frau (Melissa George) und die beiden Kinder (Logan Polish, Gabriel Bateman) im Teenageralter ein Leben auf der Flucht und als Aussteiger gefallen, obwohl sie es augenscheinlich gar nicht wollen? Und was zum Teufel ist in der Vergangenheit schief gelaufen, dass sich die ganze Familie ständig in Lebensgefahr begibt?

Antworten bleibt die Serie, die auf einem 1981 erschienen Roman von Paul Theroux (Justin Theroux' Onkel) basiert und von Peter Weir mit Harrison Ford in der Hauptrolle fürs Kino (1986) adaptiert wurde, schuldig. Die Version von Apple TV+ ist am ehesten eine Art Vorgeschichte des Aussteigers, der seine Familie einem manischen Idealismus opfert. Der tiefere Sinn bleibt freilich eine Andeutung, wenngleich gesellschaftskritische Töne prominent, um nicht zu sagen plakativ in Szene gesetzt werden.

Ausgerechnet Apple verteufelt den Konsum-Hedonismus

Kapitalismus, Wegwerfgesellschaft, Ressourcenverschwendung - all das wird prominent an den Serienpranger gestellt. In einer Serie wohlgemerkt, die von Apple produziert wurde, dem Konzern, der den Konsum-Hedonismus der Neuzeit wenn nicht gleich erfunden, doch aber zumindest wohlwollend gefördert hat. So ist es unfreiwillig komisch, wenn Allie gleich in der ersten Folge Handys im Allgemeinen verteufelt und im Speziellen ein uraltes Klapphandy seiner Tochter wutentbrannt aus dem Fenster seines Pickups schleudert.

Zudem hat die Sache mit dem Konsum noch einen anderen Haken: Allie würde nämlich gern seine eigene Erfindung, eine Art ökologische Energiewollmilchsau, an den Mann bringen. Nicht nur, dass damit viele Energieprobleme auf der Welt gelöst werden könnten, auch sein notorisch leeres Konto würde sich füllen. Wie Allie seinem Teilzeitjob-Boss erst die komplette Erfindung mit Exklusivrechten für viel Geld, dann die Lizenzierung als preiswerteres Abomodell aufschwatzen will - das ist köstlich und entbehrt ob des marktwirtschaftlichen Know-hows des Kapitalimushassers nicht einer gewissen Ironie. So einen Pitch jedenfalls hätte kein Chief Sales Officer besser hinbekommen.

Frei von Widersprüchen ist „Moskito-Küste“ also keineswegs, aber wichtiger als der inhaltliche Eiertanz ist ohnehin der kinoreif gefilmte Abenteuer- und Actionaspekt. Die Serie sieht umwerfend elegant aus, die Cliffhanger sind auf den Punkt inszeniert, die Spannungskurve ist solide. Und nicht zuletzt hat Allie Fox auf der gefährlichen Flucht den einen oder anderen „MacGyver“-Trick auf Lager.

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