Über Canossa nach Oslo

ARD und ProSieben suchen Seite an Seite "Unseren Star für Oslo" (ab Di., 02.02., 20.15 Uhr, abwechselnd bei ProSieben und im Ersten)

TV-politisch ohne Beispiel: Um endlich einen Ausweg aus der Grand-Prix-Misere zu finden, übt die ARD den Kniefall vor ProSieben-Zampano Stefan Raab.
08.01.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jens Szameit
ARD und ProSieben suchen Seite an Seite "Unseren Star für Oslo" (ab Di., 02.02., 20.15 Uhr, abwechselnd bei ProSieben und im Ersten)

ProSieben-Moderator Matthias Opdenhövel und 1LIVE-Kollegin Sabine Heinrich führen durch die acht Vorentscheid-Shows "Uns

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TV-politisch ohne Beispiel: Um endlich einen Ausweg aus der Grand-Prix-Misere zu finden, übt die ARD den Kniefall vor ProSieben-Zampano Stefan Raab.

"Na also, geht doch ..." - Viel lakonischer hätte Stefan Raab nicht kommentieren können, was unterm Strich eine kleine Fernsehsensation ist. Der ProSieben-Zampano und der öffentlich-rechtliche NDR machen gemeinsame Sache - ein bislang einmaliger TV-politischer Vorgang. Aber es steht nicht weniger auf dem Spiel als Wohl und Wehe des deutschen Schlagers. Platz 20 sprang 2009 für das aseptische Diskoduo Alex Swings Oscar Sings! beim Eurovision Song Contest in Moskau heraus. Das (vorläufige) Ende einer schier endlosen Verkettung nationaler Grand-Prix-Demütigungen. So konnte, so durfte es nicht weitergehen. Da frisst der Teufel lieber Fliegen, und sogar die ARD springt über den langen Gremienschatten. Wenn ab Dienstag, 02. Februar, 20.15 Uhr, "Unser Star für Oslo" gesucht wird, dann hat das "unser" einen besonderen Klang: Die Musik-Castingshow läuft abwechselnd im Programm der neuen Kooperationspartner ProSieben und ARD.

"Die Entscheidungswege in der ARD sind derart kompliziert, dass sie mit unserer Arbeitsweise nicht vereinbar sind", hatte Stefan Raab erste Annäherungsversuche seitens der für den Grand Prix verantwortlichen ARD-Rundfunkanstalt NDR abgekanzelt, wo man sich seinerseits auch nicht ganz einig war. Die anschließende Verkündung, ProSieben und ARD werden das deutsche Schlagerschiff nun doch gemeinsam flott machen, kam entsprechend überraschend.

Nicht jedoch für Raab. Unstimmigkeiten? Habe es nie gegeben, wiegelte der Unterhaltungsgigant auf Nachfrage nonchalant ab: "Für die Tatsache, dass die ARD an dieser Veranstaltung beteiligt ist, ging es sogar noch recht schnell." Autsch, das saß! Und gegenüber dem NDR-Medienmagazin "Zapp" legte der sonst so Interview-scheue Entertainer noch mal kräftig nach: "Die Unterhaltung in der ARD ist etwas traditioneller und bei den Privaten vielleicht ein bisschen progressiver, innovativer. Wir versuchen hier auch, etwas vom Glanz des Privatfernsehens ins Öffentlich-Rechtliche hineinzutragen."

Klar, Raab kostet seinen Triumph genüsslich aus. Die stolzen Macher des gebührenfinanzierten Fernsehprogramms kommen schließlich nicht alle Tage an, um auf Knien um Nachhilfe zu bitten. Doch wie sieht das aufpolierte Produkt der "Win-Win-Win"-Allianz (ProSieben-Geschäftsführer Andreas Bartl) nun konkret aus? Und dient es tatsächlich dem nationalen Anliegen, beim Eurovision Song Contest endlich mal wieder einen wettbewerbsfähigen Teilnehmer aufzubieten?

Die NDR-Pressestelle gibt sich bis auf Weiteres geheimnisvoll und verweist auf eine Pressekonferenz am 21. Januar in Berlin, die letzte Rätsel beseitigen soll. Doch auch so sind die wichtigsten Konturen der Schlagerstar-Findungssendung bereits sichtbar. ProSieben-Allzweckwaffe Matthias Opdenhövel und 1LIVE-Radiomoderatorin Sabine Heinrich werden gemeinsam durch die acht Ausscheidungs-Shows führen. Die Auftaktsendung läuft bei ProSieben. Das Finale zeigt das Erste am Freitag, 12. März, um 20.15 Uhr.

Mehr als 4.500 Bewerber haben sich deutschlandweit zu den Castings eingefunden. Und auch wenn die Identität der 20 Künstler und Bands, die es in die Sendung geschafft haben, vorab geheim gehalten wird, dürfte es sich vorwiegend um unverbrauchte Gesichter und Namen handeln. Ganz so wie das dem jetzigen Chefjuror Stefan Raab 2004 mit seinem bis dato unbekannten Schützling Max Mutzke glückte, der in Istanbul immerhin achter wurde.

Jeweils zehn Kandidaten treten in den ersten beiden Shows gegeneinander an. Je fünf erreichen die nächste Runde, deren Anzahl sich unter den Augen prominenter Gastjuroren wie Sarah Connor, Marius Müller-Westernhagen und Jan Delay dann zusehends dezimiert. Das Besondere: Die Zuschauer entscheiden am Ende per Voting zuerst über den Siegertitel und dann noch einmal getrennt über den Interpreten, der die Reise in die norwegische Hauptstadt antreten darf.

Wer immer zu dieser Mission auserkoren wird, eine hohe Zielsetzung gibt's quasi als Reisegepäck gratis oben drauf. Top Ten, hatte Stefan Raab vollmundig erklärt, sollte schon drin sein. Sollte sich Deutschlands nächste Schlagerhoffnung jedoch erneut als Rohrkrepierer erweisen, könnte das auch an der Aura des vermeintlich unfehlbaren Entertainers kratzen, der eine "nationale Aufgabe von historischer Tragweite" erkannt hatte. Ob er denn jetzt Retter des deutschen Schlagers sei, wurde Raab gefragt, dem an falscher Bescheidenheit nicht viel gelegen war: "Doch, doch", antwortete er angemessen ironisch, die Feststellung sei durchaus "nicht untertrieben".

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