Blick hinter die Kulissen der TV-Kultserie

Armer Flipper

Am 19. September vor 50 Jahren tauchte ein Delfin namens Flipper erstmals als Serienheld im US-Fernsehen auf. In Deutschland zeigte das ZDF von Januar 1966 bis März 1969 die Abenteuer des Delfins.
19.09.2014, 00:00
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Von Michael Ossenkop
Armer Flipper

Szene aus einer „Flipper“-Folge: Der von Luke Halpin gespielte Sandy sorgt sich um seinen verletzten Delfin.

dpa Picture-Alliance / United Archives/IFTN, picture alliance / united archiv

Am heutigen 19. September vor 50 Jahren tauchte ein Delfin namens Flipper erstmals als Serienheld im US-Fernsehen auf. In Deutschland zeigte das ZDF von Januar 1966 bis März 1969 die Abenteuer des Delfins. Dank zahlreicher Wiederholungen bleibt seine Popularität bis heute ungebrochen. Noch im vergangenen Jahr kürte eine Rankingshow der ARD den Delfin zum beliebtesten TV-Tier aller Zeiten.

Die TV-Serie „Flipper“ löste vor 50 Jahren einen regelrechten Delfin-Hype aus und begründete den Ruf des Meeressäugers als fröhlich-verspieltem Freund des Menschen. „Man ruft nur Flipper, Flipper, gleich wird er kommen, jeder kennt ihn, den klugen Delfin“, sang ein Kinderchor mit glockenhellen Stimmchen. Doch das wahre Schicksal hinter den Kulissen des „Lieblings aller Kinder“ wurde erst im Nachhinein bekannt.

Wie unterschiedlich die Titelmelodie zu Flipper in verschiedenen Ländern klingt, sehen Sie in unserem Flipper-Videospecial.

Nach anderen tierischen Serienstars wie dem Hund Lassie und dem Pferd Fury war laut Drehbuch auch Flipper mit einer nahezu menschenähnlichen Intelligenz ausgestattet, die ihm obendrein noch eine moralische Integrität verschaffte. Nicht die einzige Fiktion. Entgegen des weitverbreiteten Glaubens war der Delfin nicht einmal männlich. Beim Dreh schlüpften insgesamt fünf weibliche Tümmler in seine Rolle. Flipper wurde hauptsächlich von Susie „gespielt“, mitunter auch von Kathy. In manchen Szenen mussten Patty, Scotty oder Squirt einspringen.

Die weiblichen Delfine wurden ausgewählt, weil sie weniger aggressiv als ihre männlichen Artgenossen waren und ihre Haut keine Narben aufwies. Denn die holen sich männliche Tümmler häufig bei Revierkämpfen. Das berühmte Gezwitscher und schnatternde Quäken Flippers stammte übrigens im Original von Schauspieler Mel Blanc, der seine Stimme auch Comicfiguren wie Daffy Duck, Bugs Bunny und Barney Geröllheimer lieh.

„Wir lieben Flipper, Flipper den Freund aller Kinder, Große nicht minder lieben auch ihn“, säuselte die kultige Erkennungsmelodie weiter. Das Original stammte von dem Komponisten Henry Vars, der auch für die Musik des Serienhits mit dem schielenden Löwen „Daktari“ verantwortlich war. Die deutsche Version interpretierte Hans Blum als „Hans Delphin und seine Kinder“. Der Schlagerkomponist und -texter schrieb später Lieder, unter anderem für Howard Carpendale („Das schöne Mädchen von Seite 1“), Wencke Myhre („Beiß nicht gleich in jeden Apfel“) und gemeinsam mit Frank Farian und Fred Jay den letzten Boney-M.-Klassiker „El Lute“. Mit „Im Wagen vor mir“ und dem „ratatatata“ verbuchte er 1977 unter dem Pseudonym Henry Valentino einen weiteren Hit.

Trainer der Serien-Delfine war Richard O‘Barry, der damals von allen nur „Delfinmann“ genannt wurde. Er hatte sich durch seine Arbeit für die berühmten Shows im Seeaquarium von Miami angeboten. Hier sprangen die Tiere unter tosendem Beifall durch Reifen oder spielten Basketball. Da lag es nahe, den Dreh ins Aquarium zu verlegen. Für die Unterwasseraufnahmen flog die Crew auf die Bahamas.

Der Transport der Delfine in Kisten war jedoch eine Tortur, auch wenn O‘Barry während der gesamten Zeit nicht von ihrer Seite wich, ihre Augen mit Vaseline einrieb und die Nasen mit Wasser benetzte. Im Durchschnitt schafften die Macher eine Folge pro Woche. Kurz nach Drehschluss wurde das gelehrige und verspielte Tümmlerweibchen Susie – von O‘Barry selbst gefangen und aufgezogen – als Flipper-Original an einen Zirkus in Europa verkauft und starb bald darauf an einer Lungenentzündung. Auch Kathy überlebte nicht lange, nach Ansicht O’Barrys beging sie Selbstmord, indem sie ihren Kopf immer wieder an die Wände des Betonbeckens rammte.

Die Serie „Flipper“ war nur eine TV-Idylle. Das Leid der Tiere machte aus O‘Barry einen engagierten Aktivisten, der inzwischen die geregelte Auswilderung gefangener Tiere organisiert: „Den Rummel, der auf Flipper folgte, habe ich mitbegründet. Nun kämpfe ich dagegen an.“ Im Jahr 2009 deckte er in seinem Dokumentarfilm „Die Bucht“ grausame Delfinfangmethoden auf. Und wies dabei nach, dass jedes Jahr Tausende Delfine im japanischen Fischerort Taiji zusammengetrieben werden, die schönsten Exemplare für den Verkauf an Delfinarien aussortiert und die restlichen Tiere brutal abgeschlachtet werden. Mit den vermeintlich glücklich Überlebenden gehen die lukrativen Geschäfte weiter, ein dressiertes Tier kann bis zu 100 000 Euro kosten.

Obwohl im Oktober 2012 das Delfinarium in Münster geschlossen wurde, werden in Deutschland immer noch im Zoo Duisburg und im Tierpark Nürnberg Delfine gehalten. Sie sind gezwungen, täglich bis zu fünf Mal aufzutreten. Die Tierschutzorganisation Peta hält das für Tierquälerei. Auch Wissenschaftler kommen zunehmend zu dem Schluss, dass die intelligenten Meeressäuger in winzigen Schwimmbecken nichts verloren haben. In den kleinen Betonpools werden die Sonar-Wellen vielfach reflektiert, was die empfindlichen Säuger völlig reizüberflutet. In Gefangenschaft sterben mehr als ein Drittel der Tiere innerhalb der ersten fünf Jahre. Delfinschützer O’Barry bezeichnet den Zoo Duisburg als den „größten Delfin-Friedhof der Welt“. Statistiken des Umweltbundesamtes belegen, dass in den vergangenen 20 Jahren hier 15 Delfine umgekommen sind. „Wüssten die Menschen die Wahrheit, würden sie für die Shows keine Eintrittskarten mehr kaufen“, sagt O’Barry.

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