Bilateraler Balanceakt ARTE-Präsident Gottfried Langenstein über Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland

Der scheidende ARTE-Präsident Gottfried Langenstein über erstaunliche Unterschiede zwischen französischer und deutscher Mediennutzung und seine Vision davon, wie es mit dem "alten Medium" Fernsehen weitergehen soll.
12.11.2010, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Eric Leimann

Der scheidende ARTE-Präsident Gottfried Langenstein über erstaunliche Unterschiede zwischen französischer und deutscher Mediennutzung und seine Vision davon, wie es mit dem "alten Medium" Fernsehen weitergehen soll.

Vier Jahre lang stand der Medienmanager Gottfried Langenstein an der Spitze des Kultursenders ARTE - Anfang 2011 übernimmt turnusmäßig eine Französin das Ruder. Unter der Ägide des 56-jährigen Medienmanagers ist ARTE jünger, bunter und moderner geworden - ohne dabei an Qualität einzubüßen. Im Interview spricht der ARTE-Chef, der dem Unternehmen als Vize-Präsident erhalten bleibt, über den enormen Druck aufs Fernsehen durch das Internet. Er erläutert erstaunliche Unterschiede zwischen französischer und deutscher Mediennutzung und wagt eine Vision, wie es mit dem alten Medium Fernsehen weitergehen soll.

teleschau: ARTE steckt derzeit viel Entwicklungsarbeit ins Internet. Sie sind mit Ideen wie der neuen Kunstplattform ARTE Creative innovativer im Netz als die meisten anderen TV-Sender. Wird ARTE bald mehr Multimediamarke als klassisches Fernsehen sein?

Gottfried Langenstein: In Frankreich trifft man auf eine ganz andere Dynamik, was die Weiterentwicklung des Mediums Fernsehen betrifft. Die öffentlichen Institutionen, auch die Regierung, verlangen von den Fernsehunternehmen, dass sie sich intensiv um die jungen Zuschauer und ihre veränderten Sehgewohnheiten kümmern. In Deutschland wurde das öffentlich-rechtliche Fernsehen in dieser Hinsicht eher durch Gesetze an die Kette gelegt. In Frankreich dagegen ist man überzeugt, dass man durch einen ganz starken Gang ins Internet junge Leute an interessante, kulturell wichtige Stoffe heranführen muss. Die Sorge, dass die jungen Generationen dem Fernsehen und qualifizierten Wissensangeboten verloren gehen, ist dort viel ausgeprägter.

teleschau: Wissen Sie, warum das so ist?

Langenstein: Das hat historische Gründe. Die Deutschen lernten den Umgang mit dem Internet erst durch das Internet selbst kennen. Das begann im Jahr 1995. Erst ab 1998 gab es umfangreichen Content im Netz. Und dann dauerte es noch bis ins Jahr 2000, bis der Deutsche auch mal Bahnfahrkarten dort bestellte. In Frankreich gab es das schon 15 Jahre früher durch Minitel. Das war eine interaktive Version des Teletextes, jeder Fernsehzuschauer hatte ein kleines Terminal zu Hause, und die Menschen nutzten das, um ihre Restaurant-Reservierung vorzunehmen oder Tickets zu bestellen. Man konnte sogar in Communities miteinander in Kontakt treten. Den Franzosen ist es deshalb schon länger in Fleisch und Blut übergegangen, dass man über ein elektronisches Terminal Dinge des Lebens regelt und erfährt.

teleschau: Wie muss sich Fernsehen verändern, damit die Generation Internet das Medium weiterhin spannend findet?

Langenstein: Wenn es um Information und Wissen geht, müssen wir klare und eindrucksvolle Erzählformen finden. Gezieltes Suchen und Finden von Informationen sind die Leute aus dem Netz gewohnt. Außerdem drängt uns das Netz zu neuen Darstellungsformen, was die Qualität der Bilder betrifft. Ich kann nicht langatmig vom Geparden oder einem Wal erzählen, sondern muss zeigen, wie das Tier von innen aussieht, beispielsweise welchen Weg seine Nahrung nimmt. Ein arbeitendes Herz oder eine Herz-OP möchte man von innen begleiten können. Deshalb experimentierten wir mit 3-D-Fernsehen. 3D wird sich wegen des hohen Produktionsaufwandes in unserem Medium nicht flächendeckend durchsetzen. Für besondere Programme, zum Beispiel zur plastischen Wissensvermittlung, macht das aber durchaus Sinn.

teleschau: Klingt, als wären epische Erzählformen nicht mehr gefragt. Die Serie "Im Angesicht des Verbrechens", die im Frühjahr bei ARTE lief, bezog unter anderem daraus ihren Reiz, einfach mal zehn Minuten einer exzessiven Russenparty beizuwohnen. Wird es diese Art Fernsehen bald nicht mehr geben?

Langenstein: Das sehe ich nicht. Bei uns ist diese großartige Serie durchaus gut gelaufen, auch wenn sie jetzt bei der ARD nicht die Quote erreicht hat, die man sich dort gewünscht hat. Sie hatte mitunter langsame Szenen, aber zu langsam war sie nicht. Die Serie hatte eine eindringliche Erzählform, die mitunter Langsamkeit geradezu einfordert. Die Entwicklung von Charakteren beispielsweise. Bedeutende Serien sehe ich heute als Ersatz für die verloren gegangene Großfamilie oder das Lesen von Romanen. Wenn es nicht um Info und Wissen geht, hat Langsamkeit und damit episch erzähltes Fernsehen durchaus Zukunft.

teleschau: Warum erreichen Free-TV-Premieren bedeutender Fernsehfilme oder Serien, die später bei ARD oder ZDF laufen, niemals auch nur annähernd die Quoten, die sie in den großen Programmen erzielen? Und das, obwohl Tageszeitungen und Programmzeitschriften deutlich auf diese Ereignisse bei ARTE hinweisen ...

Langenstein: Weil die Zuschauer nur zum Teil vorher entscheiden, welches Programm sie sehen wollen. Die Menschen haben vielleicht drei oder vier Programme auf ihrer Fernbedienung, die sie standardmäßig durchzappen - auf der Suche nach etwas Interessantem. Das ist eine ganz normale psychologische Reaktion, um sich in einem großen Angebot zurechtzufinden. Fast niemand geht abends auf der Fernbedienung zu mehr als zehn oder zwölf Kanälen. Damit haben die großen Kanäle einen ähnlichen Reichweitenvorteil wie vergleichsweise ein Restaurant in bester Lage an einem Marktplatz.

teleschau: Ihre Zeit als ARTE-Präsident geht zu Ende. Der Sender war von Beginn an ein deutsch-französisches Kulturprojekt. In Frankreich war es aber lange Zeit sehr viel erfolgreicher als hier ...

Langenstein: Zunächst einmal haben sich die Zuschauerzahlen in den letzten Jahren aufeinander zubewegt. In Frankreich, wo das digitale Fernsehen später begann, hatten wir bis 2005 die komfortable Situation, dass viele Haushalte nur fünf Sender über den terrestrischen Weg empfangen konnten - ARTE war einer davon. In Deutschland gab es durch das Satellitenfernsehen, das ab den 80-ern und 90-ern enorm boomte, eine bereits frühe große Konkurrenz. In Frankreich hatte wir früher drei bis vier Prozent Marktanteil, in Deutschland waren es 0,5 oder 0,6 Prozent. Jetzt liegen wir in Deutschland bei knapp einem Prozent, in Frankreich bei etwa 2,2. Im Internet sind wir noch dichter beieinander. Da zählen wir etwa 55 Prozent französische Zugriffe, 45 Prozent kommen schon aus Deutschland.

teleschau: Sind auch die Sehgewohnheiten von Franzosen und Deutschen gleicher geworden, oder haben sie sich auseinanderentwickelt?

Langenstein: Natürlich gibt es Differenzen: Schauspieler, Stars, große Schriftsteller und Philosophen, die im jeweils anderen Land weniger bekannt sind. Auf der anderen Seite hat ARTE hier durchaus eine spannende Brückenfunktion, um Themen erstmals in das andere Land zu transportieren. Ich erinnere mich an die Dokumentation, die wir über die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Masuren gesendet haben - unterstützt durch Fiction zum gleichen Thema. Diese Sendungen hatten in Frankreich erstaunliche Quoten, teilweise bis vier oder fünf Prozent Marktanteil. Man diskutierte in der Öffentlichkeit sehr leidenschaftlich über die Tatsache, dass auch viele Deutsche im Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Vielen Franzosen war das neu.

teleschau: Werden die deutschen Fernsehspiele, die ARTE zusammen mit ARD und ZDF produziert, und die bei ARTE vorab gezeigt werden, von den Franzosen wahrgenommen?

Langenstein: Deutsche Fernsehspiele werden dort durchaus wahrgenommen und erzielen auch gute Quoten. In Frankreich gibt es diese Fernsehspielkultur ja nicht so wie bei uns. Dort hat man immer stark auf die Kinoförderung gesetzt. Deutsche Fernsehspiele haben oft eine hervorragende Qualität. Sie spiegeln immer mehr aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Debatten wider. Für die Franzosen ist das Betrachten eines solchen Films eine interessante Möglichkeit, sich in unsere Gesellschaft und Befindlichkeit hineinzudenken.

teleschau: Was wird sich in den nächsten Jahren bei ARTE tun?

Langenstein: Die neue Präsidentin Véronique Cayla war zuvor Präsidentin der französischen Filmförderung. Deshalb bin ich sicher, dass wir uns weiterhin sehr intensiv um die Förderung des europäischen Kinos kümmern werden. Zudem werden wir großes Augenmerk auf die Entwicklungen im Internet legen, um uns dort als Plattform für Kunst und Kultur zu etablieren. Unsere neue Seite ARTE Creative ist hierfür ein gutes Beispiel.

teleschau: In Deutschland sagt man den großen öffentlich-rechtlichen Sendern nach, dass ihr Programm eher flacher wird - resultierend aus dem gestiegenen Quotendruck. Macht es diese Entwicklung einem reinen Kultursender wie ARTE nicht sogar leichter, ein größeres Publikum für sich zu gewinnen?

Langenstein: Zunächst einmal muss ich ARD und ZDF verteidigen. Ich bin mir sicher, wenn die großen Kanäle deutlich unter zehn Prozent Marktanteil sänken, bekämen wir eine politische Diskussion in Deutschland - darüber, ob öffentlich-rechtliches Fernsehen noch Sinn macht. Außerdem nützen die großen Reichweiten dieser Sender auch anspruchsvollen Sendungen, die im Geleitzug der Reichweiten mitfahren: Nachrichten beispielsweise oder Diskussion über Gesellschaft und Politik. Die brauchen diese zehn oder zwölf Prozent, um die Gesellschaft auch zu durchdringen. Wir als ARTE können uns dagegen durchgehende Avantgarde im Programm leisten, denn unsere Aufgabe als Kultursender ist einfach eine andere, und man sollte uns deshalb nicht gegeneinander ausspielen.

teleschau: Noch einmal: Nutzt ARTE der gestiegene Quotendruck bei ARD und ZDF?

Langenstein: Der Quotendruck steigt bei uns allen an, und er wird weiter steigen. Auch bei ARTE. Erst recht, wenn die Digitalisierung voll umgesetzt ist. Heute sind erst 47 Prozent des deutschen Fernsehmarktes digitalisiert. Mit der Abschaltung des analogen Fernsehens am 30. April 2012 ist unser Markt dann weitgehend digitalisiert. Es gibt dann zwar noch eine Weile Analoges aus dem Kabelnetz, aber 75 bis 80 Prozent der Deutschen werden dann schon digital fernsehen. Kleine Digitalkanäle, die bisher kaum eine Rolle spielten, werden dann plötzlich 80 Prozent technische Reichweite besitzen. Das wird noch mal einen großen Entwicklungsschub beim Fernsehen geben.

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