Der britische Schauspieler Bill Nighy drehte "Best Exotic Marigold Hotel" in Indien Befeuert vom Paralleluniversum

"Fluch der Karibik" ließ ihn weltweit berühmt werden. Dabei gibt Bill Nighy zu: "Gebrannt habe ich noch nie."
08.03.2012, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Kerstin Lindemann

"Fluch der Karibik" ließ ihn weltweit berühmt werden. Dabei gibt Bill Nighy zu: "Gebrannt habe ich noch nie."

Das drohende Altersheim, die Chance auf eine billige Operation oder die Suche nach der verlorenen Jugendliebe: Die jeweiligen Gründe für ihre Reise nach Indien sind bei der britischen Seniorentruppe um Evelyn (Judi Dench), Douglas (Bill Nighy), Muriel (Maggie Smith) und Graham (Tom Wilkinson) so vielfältig wie traurig. Alle stranden gemeinsam im abgewrackten "Best Exotic Marigold Hotel" (Kinostart: 15.03.) und machen das Beste aus ihrem Unglück. Die Farbenpracht Indiens und die innere Schönheit seiner Bewohner bewirken dann in John Maddens Komödie wahre Wunder. Eine Verbeugung vor der Toleranz, dem Alter - und der äußerst belebenden Wirkung von scharfem Essen, findet jedenfalls Bill Nighy (62) in einem sehr entspannten Gespräch über Chili, Blues und den Fluch des Pyjamas in "Fluch der Karibik".

teleschau: Übt Indien tatsächlich eine solche Magie aus?

Bill Nighy: Indien verändert dein Leben - wenn du den Hitzeschock überstanden hast! Ich hatte ständig das Gefühl, ich trage ein Haus auf meinem Kopf umher, und fragte mich: Wie kann man in dieser Hitze existieren? Aber letztendlich bin ich nicht mal ohnmächtig geworden. Es war super, mit den indischen Kollegen zu drehen. Sie sind wahnsinnig schnell und extrem gut ausgebildet. Die Hotels, in denen man wohnt, sind allesamt ehemalige Paläste. Man schläft in exotischen Maharadscha-Betten.

teleschau: Und wie steht's mit dem exotischen Essen?

Nighy: Ich liebe extrem gewürzte Speisen, wie es sie in Thailand und Indien gibt. In Restaurants verlange ich grundsätzlich nach einer Extradosis Chili. Zu scharf gibt es bei mir nicht. Aber in indischen Restaurants sind sie bei Europäern vorsichtig. Man könnte ja puterrot anlaufen und zu heulen beginnen. Sie behandelten mich wie einen Amateur. Aber wenn es um Schärfe geht, bin ich ein Profi. Erst nach ein paar Testläufen bekam ich dann auch "richtig scharf", wenn ich das bestellte.

teleschau: Hatte die Filmcrew da nicht Angst um Sie?

Nighy: Vor einem Dreh sagt die Versicherung als Erstes: Trinken Sie nicht, atmen Sie nicht, essen Sie nicht, sprechen Sie mit niemandem, gehen Sie nirgendwo hin! Das ist wie mit der Rauchwarnung auf der Rückseite der Zigarettenschachtel. Aber man kann nach Feierabend ja nicht nur bei einem Glas destillierten Wasser im Hotel hocken. Jeder von uns ist während des Drehs mal krank geworden. Aber ein bisschen Durchfall ist ja nicht schlimm.

teleschau: Es behindert einen beim Sightseeing am Wochenende.

Nighy: Ach, ja? Manche Kollegen sind an drehfreien Tagen zum Taj Mahal geflogen. Ich nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ungefähr 30 Minuten. Wenn man sechs Tage pro Woche arbeitet, ist man nicht mehr allzu unternehmungslustig. Ich gehe nie irgendwo mit, wenn ich drehe. Ich will nichts sehen. Ich liebe mein Hotelzimmer und die umliegenden Restaurants. Ich liebe es zu lesen und Musik zu hören.

teleschau: Welche?

Nighy: John Lee Hooker war mein Soundtrack für Indien. Und natürlich die Rolling Stones und Bob Dylan.

teleschau: Hätte nicht Ravi Shankar näher gelegen?

Nighy: Ich bin einfach ein Fan schwarzer, amerikanischer Musik. Ich stehe auf "Mr. Lucky", "The Healer", "Don't Look Back". Ich liebe sämtliche Duette, die John Lee Hooker mit Van Morrison gemacht hat.

teleschau: Wären Sie privat mal nach Indien gefahren?

Nighy: Ich würde es allein nicht mal bis zum Flughafen schaffen. Nur wenn meine Frau mich zu einem Indienurlaub verdonnern würde. Ich bin ziemlich schlecht im Urlaub machen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Reise gebucht.

teleschau: Und wenn Sie mal Rentner sind?

Nighy: Das ist ja das Tolle an der Schauspielerei: Solange du gehen und halbwegs verständlich sprechen kannst, darfst Du arbeiten. Ich habe das Glück, viel beschäftigt zu sein in einem Beruf, den ich liebe. Das ist ein Privileg, dessen ich mir bewusst bin. Warum sollte ich das freiwillig aufgeben?

teleschau: Wann weiß man eigentlich, dass man ein guter Schauspieler ist?

Nighy: Nie. Ich erinnere mich an den Anfang meiner Karriere. Da hat Laurence Olivier mal auf die Frage, was denn die wichtigste Eigenschaft eines Schauspielers sei, geantwortet: 100 Prozent Selbstvertrauen. Ich hatte Null. Rod Steigers Antwort auf dieselbe Frage war: Du musst innerlich brennen! Ich habe noch nie gebrannt. Ich habe allerdings eine Gabe, die mir hilft: Ich kann unbewusst ein feindliches Paralleluniversum in meinem Kopf erschaffen. In dieser Welt bin ich unfähig zu spielen und stehe kurz vor dem Rausschmiss, also muss ich mich richtig anstrengen. Das befeuert mich.

teleschau: Welchen Unterschied macht es für Sie ob Sie für Shakespeare oder für den "Fluch der Karibik" vor der Kamera stehen?

Nighy: Wenn ich auf irgendetwas in meinem Leben stolz bin, dann darauf, dass ich nach dem ersten Drehtag zu "Fluch der Karibik" nicht zum Flughafen gefahren und abgehauen bin.

teleschau: Warum?

Nighy: Ganz einfach: Sie zeigen dir vor dem Dreh Bilder von Davy Jones, der furchterregendsten Kreatur auf sämtlichen Weltmeeren, die du angeblich verkörperst. Aber am Set stecken sie dich dann in einen weißgetupften Pyjama, kleben Gummipfropfen auf dein Gesicht und setzen dir einen lächerlichen Helm auf. So verkleidet darfst du dann Johnny Depp die Hand schütteln ...

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