Nur manche mögen's heiß Bewegend, aber nicht immer spektakulär: Die "Tatort"-Ermittler und ihr fahrbarer Untersatz

Schöne Autos im "Tatort"-Land: Ganze vorne dabei sind US-Car-Fan Schenk in Köln und Porsche-Nostalgiker Lannert in Stuttgart.
15.01.2010, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Frank Rauscher

Schöne Autos im "Tatort"-Land: Ganze vorne dabei sind US-Car-Fan Schenk in Köln und Porsche-Nostalgiker Lannert in Stuttgart.

Sag mir, was du fährst, und ich sag' dir, wer du bist. - Damals, beim Saar-Kommissar Palu (Jochen Senf), war es einfach: Der gemütliche Ermittler war alles in Tateinheit - Radfahrer, Rotweinliebhaber, alternativer Bonvivant und Verbrecherjäger der alten Schule. Das passte - fast so gut wie der Stern auf den Dienst-Benz, an dessen Steuer sich Palu nur hin und wieder setzte. Bei seinen Nachfolgern ist es oft komplizierter, vom fahrbaren Untersatz auf die Persönlichkeit zu schließen. Wie soll man den Fahrer eines 5er-Dienst-BMWs, wie ihn die BR-Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) durch München steuern, charakterisieren? Und was ist vom Stuttgarter Porschefahrer Thorsten Lannert (Richy Müller) zu halten?

Die "Tatort"-Kommissare und ihre Dienst-Kfz - eine bewegte Geschichte, bei der die Oldtimer des Kölners Freddy Schenk (Dietmar Bär) für die schönsten Pointen sorgen. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Ballauf (Klaus J. Behrendt) gönnt sich Schenk im männlichsten aller "Tatort"-Settings zur Currywurst wenigstens eine anständige Karre. Jedes Mal eine andere - konfiszierte Verbrecher-Boliden aus dem Fundus der Polizei. Kleiner Running-Gag der "Tatort"-Macher vom Rhein, wie WDR-Sprecherin Barbara Feiereis erklärt: "Während Freddy Schenk alles an Oldtimern fährt, was der Polizeihof hergibt, hat Ballauf mit Autos gar nichts am Hut." Automobile Höhepunkte waren eine 64er Corvette und, im jüngsten Fall "Klassentreffen", ein unfassbar schöner, grüner 1966-er Plymouth Valiant Signet-Convertible ... Da seufzt der Nostalgiker.

In Amerika - product placement ist dort sexy - ist ein schnittiger Wagen obligatorisch bei der Verbrecherjagd. Man denke an die vierrädrigen Waffen (schwarzer Testarossa!), mit denen Sonny Crockett in "Miami Vice" über den Ocean Drive raste. Und was lieferte Magnum im knallroten Ferrari 308 GTS für herrliche Sonnenbilder ins deutsche 80er-Jahre-Wohnzimmer! In den 70-ern war es Steve McQueen, der als Leutnant Bullitt mit seinem Mustang Fastback über die Straßen von San Francisco bretterte. Und in Deutschland? Wird sofort losgenölt, wenn eine Mittelklasselimousine eine Sekunde zu lange im Bild ist ... Langweilig. Aber seit einiger Zeit, scheint es, kommt der "Tatort" flotter ins Rollen.

Es war Schimanski (Götz George), bei dem es in der Beziehung TV-Kommissar/Kfz erstmals um mehr ging als um die "Harry, fahr schon mal den Wagen vor"-Posse. Sein fahrbarer Untersatz sagte etwas über den Charakter aus. Was das für Wagen waren? Passend zur legendären Schimanski-Jacke: nicht gerade stylish, aber hart im Nehmen. Vom Ford Taunus bis zum Citroën CX reichte die Wagenpalette des Duisburger Raubeins. Ähnlich legendär die Symbiose, die "Fahnder" Klaus Wennemann mit seinem grünen Ford Granada einging - ein Mann in einem Männerauto! Im modernen "Tatort" zählen andere Kritirien, es geht überwiegend gediegen, zeitgemäß zu. "Wir orientieren uns an der Lebensrealität der bayerischen Polizei", heißt es beim BR nüchtern zur Frage nach den Dienstwagen der "Tatort"-Kommissare. Richtig: Die echten bayerischen Kriminaler, das bestätigt die Münchner Polizei auf Nachfrage, fahren tatsächlich BMW: 3-er, 3er-Touring, manchmal auch 5-er ... Längst Geschichte, der rote Porsche vom jungen Leitmayr Anfang der 90-er.

Ähnlich lebensnah wie in München, aber auch etwas unspektakulär sieht der Fuhrpark der meisten TV-Mordkommissionen aus. Aktuelle Modelle deutscher Hersteller bestimmen dienstlich wie privat die Szenerie. - Auch Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in Ludwigshafen oder Inga Lürsen (Sabine Postel) in Bremen fahren BMW, die Berliner Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) steigen wie Klara Blum (Eva Mattes) in Konstanz sowie die Leipziger Kommissare Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) überwiegend in die C- und E-Klasse von Mercedes, und bei Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in Lübeck steht Volkswagen hoch im Kurs. Auch ihr Kieler Kollege Borowski (Axel Milberg) fährt VW, aber da ist immerhin mal ein alter Passat mit Gasbetankung dabei.

Nicht so wichtig, lässt der Saarländische Rundfunk zum Thema Auto wissen. Gefahren werde, was man auf deutschen Straßen findet ... Auch beim Frankfurt-"Tatort" spiele das Thema keine wesentliche Rolle, heißt es auf Nachfrage. Immerhin: Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) fuhr zuletzt einen Polo-Kombi, älteres Modell. Seventies-Rock-Fan Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) cruiste im coolen, alten 5er-BMW übers Land - sein Rockerimage wird allerdings mit einer Yamaha V-Max, einem zweirädrigen Geschoss mit 200 PS, mit Nachdruck unterstrichen.

Gerichtsmediziner Dr. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers), der affektierte Connaisseur und lustigste Vogel im gesamten "Tatort"-Zirkus, hat's ebenfalls gerne individuell. Der Pathologe aus Münster ist in der hochpreisigen Klasse unterwegs - edel und stark - und gerne oben offen. Mercedes SLK, Porsche, Jaguar ... "Eben Autos, die zu diesem Großmaul ganz gut passen", lacht Barbara Feiereis. Welch famoser Kontrast zu Thiel (Axel Prahl), dem geerdeten Kommissar aus Münster, der meist per Velo (oder als Beifahrer) ermittelt und so etwas wie der legitimie Nachfolger von Max Palu sein könnte - wenn er nur nicht als St. Pauli-Fan und schnoddrigster aller Kommissare so gar nichts mit dem saarländischen Öko-Bohemian gemein hätte. Münster ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie der fahrbare Untersatz zur Vertiefung der Ermittlerfiguren beitragen kann. Einmal damit angefangen, sind köstlichste Zuspitzungen drin: Im "Tatort: Höllenfahrt" zwängten sich Thiel und Boerne in den kleinen Fiat 500 von "Alberich" (ChrisTine Urspruch), und jüngst, in "Ruhe sanft", hockten beide im Kofferraum eines Leichenwagens und fuhren mit dem Seitenwagenmotorrad übers Land ...

Auch beim SWR versteht man was von schöner Fahren. Der Ludwigshafener Mario Kopper (Andreas Hoppe) darf im "Tatort" die Ehre der italienischen Autohersteller hochhalten. Und die betagten Karossen - zuletzt saß er in einem grauen Fiat A 130, Baujahr 1971 - stehen ihm gut. Der Wagen hat Charisma. Kein Angeberteil, aber er fällt auf - was unbedingt auch für Kopper gilt, der vielleicht unangepasstesten Figur im ganzen "Tatort"-Land, die zwischen Elvis Presley, neapolitanischem Pizzabäcker und Ludwigshafener Hafenarbeiter oszilliert. SWR-Sprecherin Annette Gilcher bringt es auf den Punkt: "Kopper fährt seinen Oldtimer zum einen wegen seiner Begeisterung für italienische Autos, was ja seiner halbitalienischen Abstammung entspricht, zum anderen mag er Autos, die mit Liebe hergestellt wurden, die noch Wertarbeit sind und vor allem: Charakter haben."

Auch bei Thorsten Lannert (Richy Müller) in Stuttgart ist das Thema Dienstwagen eine Charakterfrage. Sein brauner Porsche gehöre zu den wenigen Dingen, die der neue Kommissar aus seinem alten Leben mitgebracht habe, erklärt Annette Gilcher. "Er ist mit diesem Wagen geradezu verwachsen, hat allerdings keinerlei Tüftlerattitüde. Würde er samstags den Wagen ausputzen und ihn in der (nicht vorhandenen) Garage stundenlang liebevoll aufbrezeln, könnte er bei der 'Heiligs Blechle-Mentalität' seiner schwäbischen Nachbarn sicher Punkte machen. Das ist aber nicht Lannerts Ding. Für ihn ist der Wagen Ästhetik, Power und Identität." Im ersten "Tatort" war der Porsche noch nicht nach Stuttgart überführt. Einmal Porsche, immer Porsche: Der Mercedes, den Staatsanwältin Emilia Álvarez (Carolina Vera Squella) ihm zur Verfügung stellte, hat seinen Einsatz mit Lannert am Steuer nicht überlebt ...

In Konstanz fuhr Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) zunächst im schwarzen Chrysler-Coupé vor. Ein blutjunger Kommissar, der auf dicke Hose macht, obwohl er sich diesen Style gar nicht leisten kann - das sah nach einer schön schräg geschliffenen Kante im Profil eines Ermittlers aus. "In seinen schnöseligen Anfangstagen hatte Perlmann auch das dazu passende Angeber-Auto", weiß Annette Gilcher. Aber leider, leider, so wird der Autofan sagen, ist Perlmann "inzwischen gelassener und ernsthafter, die Automarke spielt keine Rolle mehr".

Aber gut: Gelassen und ernsthaft - das muss nicht zwangsläufig langweilig heißen. Es kann, wie im Falle von Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), auch einfach nur cool bedeuten. Der Chefinspektor wird gerne unterschätzt, weil er immer so aussieht, als käme er ein bisschen zu spät zur Arbeit. Tatsächlich ist niemand im "Tatort" mit solcher Souveränität und Lässigkeit Herr der Lage wie Eisner, das personifizierte Understatement aus Wien. Und was fährt so einer? VW-Golf. Passt - wie seinerzeit das Rad zum guten Palu.

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