Menschen, Tiere, Emotionen Christoph Kappel trainiert Tiere für den Film und nun auch Menschen fürs Fernsehen

Der professionelle Tiertrainer Christoph Kappel hat zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen begleitet. Nun stand er selbst für RTL II vor der Kamera.
30.07.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kai-Oliver Derks

Der professionelle Tiertrainer Christoph Kappel hat zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen begleitet. Nun stand er selbst für RTL II vor der Kamera.

Irgendwann, am Ende der Dreharbeiten, kauert Ross Antony am Boden und beginnt zu heulen. Nicht aus Frustgefühlen heraus, wie damals im Dschungelcamp. Er heult wie ein Wolf. Mit den Tieren um sich herum, die alsbald mit in den Chor einstimmen. Der Bro'sis-Sänger von einst ist angekommen im Rudel, in der Welt der Tiere. "Die meiste Zeit war Ross so, wie man ihn kennt. Ziemlich hyperaktiv. Aber in diesem Moment schlug er leise, sensible Töne an. Ich gebe zu: Das war ein Bild, das mich beeindruckte", sagt Christoph Kappel, der Antony und eine Reihe anderer Prominenter für eine neue Doku-Soap bei RTL II in die Tierwelt begleitete. "Es ging darum, dass sie die Tiere verstehen lernen. Und sich darüber am Ende ihrer eigenen Instinkte bewusst werden."

"Das Tier in mir" lautet der Titel der neuen Reihe, die RTL II am 16. August startet (fortan montags, 21.15 Uhr). Das Thema: Prominente verbringen eine Woche mit Tieren, passen sich ihrer Lebensweise an, beginnen eine neue Körpersprache zu entwickeln. Begleitet werden sie dabei von professionellen Tiertrainern: Nicole Degener und eben Christoph Kappel, der seit rund 20 Jahren Tiere für Fernseh- und Kinoproduktionen schult.

Zahlreiche namhafte Produktionen finden sich in seiner Filmografie: Er hetzte tausende Heuschrecken auf die Darsteller im oscargekrönten Kinoerfolg "Nirgendwo in Afrika", ordnete Bienenvölker im TV-Film "Die Bienen - Tödliche Bedrohung", arbeitete mit Bären, Schlangen, Skorpionen. Doch am Anfang seiner Karriere stand "ein kleiner zotteliger Köter" namens Sally. "Ein extrem talentierter Hund. Mit einem Schlappohr, das andere stand aufrecht. Wir haben viel voneinander gelernt." Sally hatte Auftritte bei "Derrick", "Der Alte" und im "Tatort". So fing alles an.

Wobei: Schon in der Kindheit entwickelte Kappel, heute 40 Jahre alt, eine besondere Beziehung zu Tieren. "Mein erstes war ein Hase. Schnuffi. Und dann habe ich aufgestockt. Bei Nachbarn, meiner Oma - ich hatte immer überall Tiere platziert." Als Kind hatte Kappel vor dem Fernseher gesessen, "Lassie" und "Flipper" verfolgt, und sich vor allem eines gefragt: Wie kriegt man die Tiere so weit, dass sie all das tun, was später im Film zu sehen ist? "Ich wollte Tiertrainer werden, seitdem ich denken kann."

Schon mit 18 verließ er seine Heimat Nürtingen und ging nach München, Enten und Kanarienvögel im Gepäck, und stellte sich bei Tieragenturen vor. Längst besitzt er nun selbst eine. "Es ist mein Talent, dass ich Talente bei Tieren erkennen kann." Nebenan, auf Kappels Hof in der Nähe von Allershausen bei München, liegen die neun Welpen einer stolzen Pyrenäenberghündin. Vier Wochen sind sie alt, doch Kappel hat unter ihnen das Tier mit den besonderen Fähigkeiten längst ausgemacht. Der Schlüssel: "Ich verbringe viel Zeit mit den Tieren, beobachte sie, und aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, wie sie sich entwickeln werden." Nach Jahren des Trainings - das Wort "Dressur" verwendet Kappel nicht ein einziges Mal - steht dann die Bewährungsprobe an. Das Fernsehen wartet.

Die Qualität eines Tiertrainers zeigt sich am Set. Stets richtet sich dort alles auf den Star des Films aus. Nebendarsteller, Crew und auch die Tiere müssen problemlos funktionieren. "Wenn eine Kuh von A nach B laufen soll, dann kriegst du dafür keine halbe Stunde. Du hast vielleicht drei Minuten." Anfangs, so erinnert sich Kappel, habe er den Kardinalsfehler aller Tiertrainer gemacht. "Ich gab den Druck am Set an die Tiere weiter. Die merken, dass du anders drauf bist und stellen auf stur. Mein Gott, was habe ich für Pleiten erlebt." Doch das ist Vergangenheit. Kappel kennt die Situation am Drehort und nicht selten die Darsteller, Regisseure, Produzenten. Was auch bedeutet: Er wird schon im Vorfeld mit in die Besprechungen einbezogen. "Wenn im Drehbuch steht, dass eine Katze durch eine Scheibe springen soll, ist es an mir, den Leuten zu sagen, dass das nicht gehen wird. Sie ist schlicht zu leicht."

Katzen - immer wieder Katzen. Wer Kappel nach seinen spektakulärsten Aufträgen befragt, bekommt nicht etwa Exotisches zur Antwort. Nein - Katzen. Beim Kinofilm "Bibi Blocksberg" zum Beispiel. "Katzen brauchen einen besonderen Zugang, eine sehr umfangreiche Vorbereitung. Sie sind die einzigen Tiere, die dicht bei uns leben und trotzdem unabhängig bleiben." Nicht selten arbeitet er dann mit Doubles - "die eine hat ein Lauftalent, die zweite eine Fresstalent, die dritte ein Kuscheltalent. Und eine muss die Stunts machen."

Für RTL II nun wurde Kappel vom Tier- zum Menschentrainer. Er berät Prominente bei ihrer Eingliederung in eine neue Welt, erklärt Verhalten der Tiere und bringt den Menschen die richtigen Signale bei.

Die Schauspielerin Katy Karrenbauer zwischen 100 Eseln, die Blondine Gina-Lisa Lohfink bei den Erdmännchen, Neun-Live-Moderatorin Anna Heesch bei den Affen. Und Dschungelkönigin Ingrid van Bergen bekam es mit einer Herde Schafe zu tun. RTL II setzt auf die optischen Effekte, hält drauf, wenn sie fast alle mit Tierkot eingerieben werden, was, wie Kappel sagt, durchaus eine Nähe zwischen Tier und Mensch schafft. Doch vor allem ging es ihm darum, beim Zuschauer und auch bei den Prominenten Respekt vor den Tieren zu erzeugen. Und darum, das Bewusstsein dafür zu wecken, dass sich auch der Mensch wieder an seine ureigenen Instinkte erinnern soll. "In der Gesellschaft von heute werden wir vor allem durch unseren Kopf, durch unsere Vernunft gesteuert. Unsere Instinkte verdrängen wir. Versorgung, Fortpflanzung, Selbstschutz - Themen wie diese beschäftigen Tiere wie Menschen gleichermaßen. Doch Tiere kennen keine Vernunft, keine Emotionen."

Derzeit arbeitet Kappel an einem Buch, das sich mit eben diesem Thema auseinandersetzen wird und Ostern 2011 auf den Markt kommt. "Ich will erklären, warum die Klarheit, mit der Tiere durchs Leben gehen, auch für uns bisweilen ein guter Ratgeber sein kann. Meine Zielorientiertheit, meine Entschlossenheit - das habe ich von den Tieren gelernt. Es sind unsere Instinkte, die uns im laufenden Wettbewerb mit den Computern als Mensch unersetzlich machen." Kappel wendet sich wieder seinem Hof zu. Bonnie, eine Kuh aus der vom Aussterben bedrohten Rasse der Hinterwälder, hat vor Kurzem Zwillinge bekommen. "Das Einsetzen der Ohrmarken hat ihnen gestern doch ziemlich Angst gemacht. Die brauchen meine Zeit." Sagt's und geht hoch zur Weide. Wo das große Kino weit, weit weg ist ...

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