Das Fernsehen und der Film bei der 60. Berlinale Das Festival als große Bühne

Das Fernsehen und seine Beteiligung bei der 60. Berlinale.
11.02.2010, 00:00
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Von Kai-Oliver Derks

Das Fernsehen und seine Beteiligung bei der 60. Berlinale.

Nur ein Beispiel: Birgit Minichmayr triumphierte 2009 als beste Darstellerin ("Alle anderen"). Auch wenn sich das Beziehungsdrama in den deutschen Kinos später schwer tat, die Auszeichnung mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin bei der Berlinale lenkte die Aufmerksamkeit von Publikum und Kritikern gleichermaßen auf den Film. Anders als noch in den 90er-Jahren mischt Deutschland im Wettbewerb des Festivals längst wieder in nennenswerter Weise mit. Längst vorbei die Zeiten, in denen man mit kruden, schwer vermarktbaren Kunstfilmen ("Abschied von Agnes", 1994; "Transatlantis", 1995) punkten wollte. Mittendrin und entscheidend beteiligt am Wiedererstarken des deutschen Festivalkinos: das Fernsehen als Produzent.

Die Zahl der Beiträge, die von öffentlich-rechtlichen Sendern Unterstützung erfuhren, ist stabil hoch. Mehr als 40 Filme sind es insgesamt, die noch bis zum Samstag, 20. Februar, in den Kinos der Hauptstadt gezeigt werden. Allen voran die offiziellen Wettbewerbsbeiträge aus Deutschland.

Der 51-jährige Regisseur Oskar Roehler ist bereits Stammgast bei der Berlinale. Diesmal vertritt sein Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen" das Gastgeberland im Wettbewerb. Im Mittelpunkt steht der Schauspieler Ferdinand Marian, der 1940 die Titelrolle in Veit Harlans NS-Propagandafilm "Jud Süß" übernahm. Hauptrollen in dem prominent besetzten Drama spielen Tobias Moretti, Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck. Im Herbst wird der Film in den deutschen Kinos starten. Er entstand unter Mitwirkung der ARD Degeto, die in diesem Jahr erstmals Ko-Partner der Festspiele ist. Hauptmedienpartner bleibt weiterhin das ZDF.

Ebenfalls im Wettbewerb läuft die österreichisch-deutsche Koproduktion "Der Räuber". Autor und Regisseur Benjamin Heisenberg erzählt auf der Grundlage des gleichnamigen Romans die Geschichte von Johann Rettenberger (Andreas Lust), erfolgreicher Marathonläufer und Serienbankräuber. Auch diesem Drama liegt eine wahre Geschichte zugrunde. Es startet am 26. Februar in den Kinos, beteiligt waren hier ZDF, ARTE und der ORF.

Gleichsam mit ZDF-Beteiligung im Wettbewerb laufen das Drama "Na Putu" aus Bosnien-Herzegowina von Jasmila Zbanic sowie Burhan Qurbanis Regiedebüt "Shadada" über drei Muslime in Deutschland. "The Hunter" (Regie, Buch und Hauptrolle: Rafi Pitts) ist eine deutsch-iranische Koproduktion, in deren Mittelpunkt ein ehemaliger Gefängnisinsasse steht, dessen Ehefrau und Tochter bei einem Polizeieinsatz gegen Demonstranten in Teheran erschossen werden.

Eine zweite Heimat haben die Sender in der vor einigen Jahren eingeführten Reihe "Perspektive Deutsches Kino" gefunden, die sich inmitten des erwarteten Hollywood-Glamours zwar schwer tut, ausreichend Öffentlichkeit zu bekommen, die aber von der Branche mit wachen Augen wahrgenommen wird. Zu den Höhepunkten könnte hier Hannah Schweiers Romanverfilmung "Cindy liebt mich nicht" (in Koproduktion mit dem ZDF / Das kleine Fernsehspiel) gehören, in der zwei Männer (Clemens Schick, Peter Weiß) gleichzeitig eine Beziehung zu einer Frau (Anne Schäfer) unterhalten, ohne zunächst voneinander zu wissen. Eröffnet wird die Reihe von Dietrich Brüggemanns "Renn, wenn du kannst", stark besetzt mit Robert Gwisdek, Anna Brüggemann und Jacob Matschenz, in dem sich ein Rollstuhlfahrer in das gleiche Mädchen verliebt wie sein Zivi. SWR, WDR und ARTE waren beteiligt, mit Zorro ist bereits ein Verleih gefunden, der Kinostart steht jedoch noch nicht fest.

Thematisch auffällig auch: die Fernsehproduktion "WAGs", was für "Wives and Girlfriends" steht, eine englische Abkürzung für Spielerfrauen. Joachim Dollhopf führt Regie bei diesem Fußball-Milieufilm, der plötzlichen Reichtum ebenso zum Thema hat wie Einsamkeit und Nutzlosigkeit.

"Die Perspektive Deutsches Kino scheint sich in diesem Jahr besonders gut an ihren eigenen Ansprüchen messen zu können. Das Programm blickt mit seiner thematischen und formalen Vielfalt mitten in die Zukunft des deutschen Films", beschreibt Sektionsleiter Alfred Holighaus die diesjährige Auswahl der insgesamt 14 Filme. Wer keine Gelegenheit hat, sich davon in Berlin vor Ort zu überzeugen, wird dies demnächst entweder im Kino tun können - mehr als die Hälfte der auserwählten Beiträge findet in der Regel einen Verleih. Oder eben im TV: zum Beispiel unter dem Label "Das kleine Fernsehspiel" im ZDF, bei ARTE oder in den dritten Programmen der ARD.

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