Jane Goodall gewährt im Dokumentarfilm "Jane's Journey" Einblick in ihr Leben und Wirken Das Prinzip Hoffnung

Wie Aktivistin Jane Goodall es schafft, angesichts Zerstörung und Armut, die Hoffnung nicht aufzugeben.
27.08.2010, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Annekatrin Liebisch

Wie Aktivistin Jane Goodall es schafft, angesichts Zerstörung und Armut, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Mit Mitte 20 lebte sie unter Schimpansen. Mit Mitte 70 lebt sie vorwiegend im Flugzeug. Jane Goodalls Werdegang als außergewöhnlich zu bezeichnen, ist eine Untertreibung: Mit einer Sekretärinnenausbildung zog die Britin Ende der 50er-Jahre in den afrikanischen Dschungel, um Affen zu beobachten und geltende Definitionen der Anthropologie über den Haufen zu werfen. Seit knapp 30 Jahren bekommt sie ihre geliebten Schimpansen jedoch nur noch selten zu Gesicht. Beinah täglich wacht die nun 76-Jährige in einer anderen Stadt auf, um sich für Tiere, Menschen und Umweltschutz einzusetzen. Mit einer Energie, die anderen die Sprache verschlägt.

teleschau: Ob Sie nun stundenlang im Dschungel sitzen und Schimpansen beobachten oder ein Interview nach dem anderen geben - Sie scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. Woher nehmen Sie diese bemerkenswerte Geduld?

Jane Goodall: Ich denke, die ist angeboren. Meine erste Lektion in Sachen Geduld hatte ich, als ich viereinhalb Jahre alt war. Meine Familie verbrachte die Ferien auf einem Bauernhof, was für mich ein großes Vergnügen war, da ich Tiere schon immer liebte. Ich half auf der Farm, die Hühnereier einzusammeln und fragte mich bald, wo die Eier eigentlich aus dem Huhn herauskommen. Niemand wollte es mir sagen. Als ich dann eine Henne in den Stall gehen sah, kletterte ich hinterher, um zu sehen, wie sie das Ei legt. Natürlich flog sie wieder heraus. Also setzte ich mich das nächste Mal schon in den Stall, bevor ein Huhn darin war und wartete, bis eine Henne schließlich hineinkam und ein Ei legte. Ich muss stundenlang verschwunden gewesen sein, meine Familie war verzweifelt.

teleschau: 300 Tage im Jahr verbringen Sie damit, um die Welt zu fliegen und sich für den Umweltschutz und den Kampf gegen die Armut einzusetzen. Wo ist für eine Weltenbummlerin wie sie zu Hause?

Goodall: In Bournemouth an der englischen Südküste. In dem Haus, in dem ich aufwuchs. Dort, wohin meine Mutter mich und meine Schwester brachte, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Es gehört jetzt meiner Schwester und mir. Sie hat dort ihre Familie, ich habe dort meinen Frieden. Dort bin ich, wenn ich gerade nicht auf Reisen bin.

teleschau: Was ja nicht besonders häufig vorkommt. Wie lautet eigentlich ihr Geheimrezept gegen den Jetlag?

Goodall: Er existiert nicht.

teleschau: Machen Sie sich als Vielfliegerin im Namen der Umwelt keine Gedanken um Ihren ökologischen Fußabdruck?

Goodall: Oh, der ist riesig. Andererseits kann ich nicht anders nicht reisen. Und: Die Millionen Bäume, die die Gruppen meiner Organisation "Roots & Shoots" pflanzen, gleichen meine Kohlendioxidbilanz aus. Der Schaden, den ich der Umwelt zufüge, wird von meinem Engagement ausgeglichen. Zumal ich immer Linienflüge nutze.

teleschau: ... und sich auch nicht gegen das Reisen an sich aussprechen. Derzeit unterstützen Sie Ihren Sohn bei einem Ökotourismusprojekt.

Goodall: Mein Sohn stieß auf ein wunderschönes Areal in Tansania, in dem eine Menge Flusspferde leben. Hätten wir uns nicht eingeschaltet, wäre diese Gegend Jagdsafaris zugänglich gemacht wurden. Wir wollen zusammen mit den Bewohnern der Gegend Programme entwickeln, die ihnen Geld durch Tourismus einbringen, aber die Umwelt nicht belasten. Das funktioniert, in dem nur Gruppen von sechs Mann eingeladen werden und die Anwohner eine naturverträgliche Infrastruktur aufbauen. Dann stehen Tourismus und ökologisches Handeln nicht mehr im Widerspruch zueinander.

teleschau: Im Film klang an, dass dieses Projekt Ihnen zudem besonders viel bedeutet, weil es Sie Ihrem Sohn näher bringt. Ihre Beziehung war über Jahre hinweg angespannt.

Goodall: Das ist richtig.

teleschau: Hatten Sie je das Gefühl, dass die Familie aufgrund Ihres vielseitigen Engagements zu kurz kam?

Goodall: Nein. In den ersten drei Jahre im Leben meines Sohnes waren wir nicht eine einzige Nacht getrennt. Ich wusste, wie wichtig die Beziehung von Mutter und Kind ist, darum hörte ich auf, mit den Schimpansen umherzuziehen, was ja meine Lieblingsbeschäftigung war. Ich wollte bei ihm sein. Als er in England zur Schule ging, lebte er bei meiner Mutter und in den Ferien bei mir. Ich denke, er hatte eine großartige Kindheit.

teleschau: Dennoch: Fällt es nicht manchmal schwer, der "wandelnde Engel" zu sein, als der Sie im Film von Ihren Mitstreitern oft bezeichnet werden?

Goodall: Ich denke nicht, dass ich einer bin. Ich bin nur die, die ich bin: Ich selbst. Die Gleiche wie damals in Bournemouth. Ich bin gewiss kein Engel. Ich kann nicht kontrollieren, was Leute über mich sagen. Das Einzige, das ich tun kann, ist zu versuchen, dem bestmöglich gerecht zu werden.

teleschau: Grund für diesen Titel scheint vor allem die Hoffnung zu sein, die sie verbreiten - und das, obwohl Sie bei Ihren Reisen so viel Zerstörung und Armut sehen. Wie schaffen Sie es, angesichts dessen nicht zu verbittern?

Goodall: Die Hoffnung schöpfe ich, wenn ich in diesen armen, ausgebeuteten Gegenden unglaubliche Menschen treffe, die Projekte auf die Beine stellen, um die Not zu lindern. Die das Beste aus ihrer Situation machen und etwas verändern wollen. Und diese Menschen unterstütze ich mit dem "Roots & Shoots"-Programm nach Kräften. Man kann nicht verbittern, wenn man sieht, dass Hilfsmaßnahmen Früchte tragen.

teleschau: Waren Sie jemals davor, aufzugeben?

Goodall: Ja, das war ich. Am 11. September 2001. An diesem furchtbaren Tag musste ich einen Vortrag vor Schülern halten. Noch als ich auf dem Podium stand, wusste ich nicht, ob ich dazu in der Lage sein würde.

teleschau: Was haben Sie Ihnen gesagt?

Goodall: Ich erzählte ihnen von meiner Kindheit im Zweiten Weltkrieg. Wie alles hoffnungslos, wirklich hoffnungslos erschien. Ich verwies auf die Geschichte Europas, die von so vielen Kriegen erschüttert wurde. Wie Deutschland gegen Frankreich kämpfte, Frankreich gegen England, England gegen Spanien, Spanien gegen Holland und so weiter. Mittlerweile existiert eine Union zwischen diesen Ländern - keine unproblematisch, aber immerhin eine, die ohne Kriege auskommt. Es dauert oft eine lange Zeit, bis Moral und Gerechtigkeit sich durchsetzen, aber es ist nicht unmöglich, dass es passiert.

teleschau: Sie geben Tausenden Menschen Hoffnung ...

Goodall: (unterbricht) Das ist mein Job!

teleschau: Gut. Aber haben Sie keine Angst, dass es, wenn Sie einmal nicht mehr sein sollten, niemand anderen gibt, der diesen Job übernimmt?

Goodall: Vor zwei Jahren trafen sich die Leiter der "Roots & Shoots"-Gruppen, um sich über ihre Projekte auszutauschen. Menschen aus 149 Ländern, unterschiedlichster Religionen, Hauptfarben und Hintergründe. Israelis und Palästinenser an einem Tisch. Klar, es sind nur Jugendliche, aber ich wünschte, alle Politiker der Welt hätten sie sprechen gehört. Sie arbeiten immer noch an den Zielen, die sie sich damals setzten. Natürlich wird es keine andere Jane mehr geben. Aber genug Menschen, die meine Sache fortführen.

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