Das Schreckliche - mit größter Genauigkeit Der Biography Channel zeigt "Der elfte Tag - Die Überlebenden von München 1972" (Sa., 07. Juli, 20.00 Uhr)

40 Jahre nach dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972 erteilt der Pay-TV-Sender The Biography Channel in einer sorgfältigen Reportage sieben überlebenden israelischen Sportlern das Wort.
08.06.2012, 00:00
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Von Wilfried Geldner

40 Jahre nach dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972 erteilt der Pay-TV-Sender The Biography Channel in einer sorgfältigen Reportage sieben überlebenden israelischen Sportlern das Wort.

Über das schreckliche Attentat während der Olympischen Spiele 1972 in München, bei dem elf israelische Sportler ums Leben kamen, hat es bereits mehrere Spielfilme und Dokumentationen gegeben. Dabei standen immer die Täter und ihre Opfer im Mittelpunkt. 40 Jahre lang dachte kaum einer an die überlebenden israelischen Sportler und Betreuer, die den Anschlag vom 5. September, am elften Tag der Sommerolympiade aus nächster Nähe miterlebten und sich nur durch die Flucht in letzter Minute dem Massaker entziehen konnten. Doch auch diese Sportler (insgesamt zehn) wurden traumatisiert und haben bis heute an den Folgen des Attentats zu leiden. Der Pay-TV-Sender The Biography Channel (unter anderem via Sky) holte die Überlebenden endlich vor die Kamera. "Wir geben unseren Protagonisten Zeit und Raum, ihre persönliche Geschichte zu erzählen", sagt der Autor und Produzent des Films "Der elfte Tag - Die Überlebenden von München 1972", Emanuel Rotstein. Nun wird der sehenswerte Film am Samstag, 7. Juli, um 20.00 Uhr, ausgestrahlt.

Als die im Film porträtierten sieben israelischen Sportler im Vorfeld der Premiere jüngst im Foyer des Münchner Olympiastadions vor die Presse traten, fiel das mit der Gedenkminute für die Opfer der Neonazis in Deutschland zusammen. Ein Zusammentreffen, das den offenbar nicht tot zu kriegenden Irrsinn terroristischer Gewalt noch verdeutlichte.

Emanuel Rotstein will mit seinem Film "Der elfte Tag - Die Überlebenden von München 1972" die "Erinnerungskultur" des Attentats verändern. Zur Sprache kommt noch einmal das Unerwartete und Groteske des Geschehens: die Freude am Tag des Einmarschs, des größten Tags im Leben der israelischen Sportler - und dann der Schmerz, der mit der gemeinsamen Rückkehr der Särge und der Überlebenden in einer El-Al-Sondermaschine endete. Daheim wurden sie von den Familienangehörigen und tausenden von Trauernden empfangen. Im Film sieht man die Sportler noch in ihrer Olympiakleidung neben den Särgen auf dem Flugfeld stehen.

Dass die Überlebenden damals in Israel nicht mit offenen Armen empfangen wurden, wie sie heute bestätigen, kommt im Film allerdings nicht vor. "Es ist mir eine große Ehre, dass wir in der Lage sind, den Blick heute auf diese Menschen zu richten und zu fragen: 'Wie fühlst du dich?'", sagte Rotstein bei der Vorstellung der israelischen Sportler anlässlich des Films in München. Am Ende des Films sieht man sie noch einmal vor der Conollystraße 32, dem Ort des Überfalls, stehen. Es ist Winter, eine kalte Szenerie. Aber der Austausch der Erinnerungen hilft auch 40 Jahre danach bei der Bewältigung.

Rotstein stellt die Sportler am Ort des damaligen Geschehens, aber auch in früheren Familienfilmen vor. Manche sind immer noch sportlich aktiv: Der 1936 in Belgrad geborene Geher Shaul Paul Ladany hält noch immer den 50-Meilen-Weltrekord der über 70-Jährigen. Andere, wie der 1945 geborene Fechter Dan Alon, legten nach München das Florett für immer zur Seite. Doch die Enkelkinder beginnen nun wieder mit dem seit vielen Generationen gepflegten Familiensport. Gad Tsabary (1944), der Leichtgewichtler im Ringen, ging nach seiner Rückkehr zum Psychologen, der ihm riet: "Beschäftige dich!" Tsabary trainierte mehrere Gruppen von Taubstummen im Ringen. Heute ist er Weinbauer: "Ich stelle Wein und Cognac her, ich habe Preise dafür gewonnen. Es beschäftigt mich den ganzen Tag."

Tsabary war der Erste, der im Olympischen Dorf nach dem Überfall geflohen war. Im Film beschreiben sie alle mit größtmöglicher Genauigkeit das Geschehen, das sich - anders als erwartet - wie eine genau beobachtende Zeitlupe dehnt. Es wird ohne jede Sensationslust gezeigt. So wird der Film zugleich zu einem Denkmal für die Ermordeten. Die ehemaligen Sportler berichten davon, wie sie überlegt hatten, sich zu wehren, wie sie, ohnehin nicht beschützt, bei deutschen Wächtern keine Hilfe fanden, und schließlich darüber, wie Olympia einen ganzen Tag lang in einer grotesken Szenerie jenseits der Conollystraße weiterging.

Der Schmerz über den Mangel an Sicherheitsvorkehrungen ist bei allem Verständnis für die gewollt "heiteren Spiele" zu spüren. Man hätte es besser wissen müssen, sagen manche. Schon damals habe man den Terrorismus gekannt. Rotstein, der Autor und Produzent des Films, beschränkt sich auf die Opfer, das macht den Film erstaunlich ruhig und stark. Er sagt aber auch: "Es hätte mir keine Probleme bereitet, auch den letzten überlebenden Palästinenser zu interviewen." Zu schmerzlich wäre das aber für die überlebenden Israeli gewesen.

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