Es geht nicht ohne Kokolores Der Fernsehkarneval zwischen Tradition und Moderne

Sind Karneval und Fastnacht antiquierte Relikte, bei denen Jahr um Jahr der immer gleiche närrische Trott abgespult wird? Oder hat sich seit der Einführung der Fernsehfastnacht nicht doch einiges verändert? Experte Wolf-Günther Gerlach vom SWR schildert seine Sicht der Dinge.
22.01.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sören Heyenga

Sind Karneval und Fastnacht antiquierte Relikte, bei denen Jahr um Jahr der immer gleiche närrische Trott abgespult wird? Oder hat sich seit der Einführung der Fernsehfastnacht nicht doch einiges verändert? Experte Wolf-Günther Gerlach vom SWR schildert seine Sicht der Dinge.

Muff-tata-muff-tata? - Es gibt doch tatsächlich Skeptiker, die im Karneval weder ein Manifest des gelebten Frohsinns noch ein mit langer Tradition behaftetes, bewahrenswertes Kulturgut sehen wollen. Für diese Kritiker stellen Fasching, Fastnacht und Karneval längst überholte Relikte der Unterhaltung von gestern dar, bei denen Freude und Ausgelassenheit quasi "verordnet" werden - und sie sehen diese These auch in diesem Jahr in inflationär vielen TV-Sendungen nachgewiesen. Aber bläst durch die bunten Tröten der Narren tatsächlich nur noch der Mief des Gestrigen? "Keineswegs", betont Wolf-Günther Gerlach, der als Fastnachts- und Karnevalsexperte des SWR ja wissen muss, wovon er spricht.

Jünger, moderner, fetziger und vielleicht auch irgendwie cooler wünschen viele sich das karnevalistische Brimborium und behaupten, dass der Karneval - und gerade die großen Fernsehsitzungen wie "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" (in diesem Jahr vom ZDF übertragen, am Fr., 12.02., 20.15 Uhr) oder "Karneval in Köln" (So., 14.02., 20.15 Uhr, ARD) - längst im närrischen Trott versanden. Solche Aussagen seien nach Ansicht von Wolf-Günther Gerlach, der sich als Redakteur in der Pressestelle des SWR in Mainz schon ausgiebig mit dem närrischen Treiben befasst hat, nicht nur falsch, sondern würden zudem verbal "alles über einen Kamm scheren".

"Karneval ist nicht gleich Fasching und dieser nicht gleich Fastnacht, Fassenacht oder Fasenacht", spielt Gerlach zunächst auf die regionalen Unterschiede an. Gerade entlang der Rheinlinie, in Baden-Württemberg, Rheinland Pfalz und Nordrhein-Westfalen, gebe es so viele unterschiedliche Bräuche und Gepflogenheiten. In diesen Bundesländern seien sicherlich auch die höchsten Einschaltquoten bei den Fernsehsendungen zu verzeichnen, weiß der Experte. Ganz gleich, ob es "Mainz bleibt Mainz", "Düsseldorf Helau" (Mi., 10.02., 20.15 Uhr, ARD), "Mer losse d'r Dom in Kölle" (Do., 11.02., 20.15 Uhr, ZDF) oder "Hessen lacht zur Fassenacht" (Di., 09.02., 22.45 Uhr, HR) ist - die Nachfrage nach diesen Sendungen sei nach wie vor sehr hoch.

Selbst kleinere, regionale Übertragungen, wie "Was en Zirkus - die Mombacher Bohnebeitel" (Di., 09.02., 20.15 Uhr, SWR), die "Konstanzer Fastnacht aus dem Konzil" (Di., 02.02., 20.15 Uhr, SWR), die beide jährlich etwa 850.000 bis 860.000 Zuschauer vor den Fernseher locken, oder "Frech & Frei: Närrisches aus Franken" (Mo., 08.02., 17.00 Uhr, BR) sind wahre Zuschauermagneten. Fragt sich nur, welches Publikum da angezogen wird. Statistiken zufolge liegt das Durchschnittsalter der Zuschauer, die sich die Fernsehfastnacht ansehen, nämlich bei Mitte 60. Und die Jüngeren?

"Klar gibt es Vereine, die klagen, dass ihnen der Nachwuchs wegbricht", bekennt Gerlach, betont aber: "In vielen Regionen ist der Karneval noch immer ein fester Teil des Lebens der Menschen." Wohl wahr, doch sind zum Beispiel bei "Mainz bleibt Mainz" - der immer noch beliebtesten Fernsehsitzung - die Einschaltquoten bei den ARD-Übertragungen des SWR von ehemals 10,77 (1997) auf 6,48 Millionen Zuschauer zurückgegangen. Gerade die Entscheidung der privaten Sender, Karnevalssendungen in ihr Programm aufzunehmen, habe sich seit Ende der 90-er auf die Quoten ausgewirkt, ist Gerlach bemüht, den Rückgang zu erklären: "Seitdem verteilen sich die Zuschauer natürlich auf ein viel größeres Angebot."

Der Druck des Wohnzimmer-Karnevalisten auf die Tasten seiner Fernbedienung habe in der Konsequenz auch Druck für die Sender bedeutet, sich den Wünschen des Publikums anzupassen. Allerdings: Bei der für die Privaten besonders relevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen scheint dieses Angebot nicht sehr lange angekommen zu sein. Denn dass diese Zuschauergruppe sehr schnell umschaltet bei all dem Geschunkel und Getöse, ist sicher einer der Hauptgründe, warum sich SAT.1 oder RTL mittlerweile wieder vom Karneval im TV verabschiedet haben.

Dass sich in all den Jahren, die die Fernsehfastnacht nun schon auf dem Buckel hat, nichts verändert habe, sei aber definitiv Quatsch, so Gerlach: "Ich kann jedem Kritiker, der den Fernsehsitzungen Modernisierungsresistenz attestiert, nur empfehlen, sich mal eine Aufzeichnung von 'Mainz bleibt Mainz' aus den 60er-Jahren anzuschauen", schlägt er vor. "Früher musste das Publikum nicht selten halbstündige verbale Frontalangriffe aus der Bütt ertragen." Die Fernsehkameras hätten dabei nur in gleichmäßigen Abständen zwischen dem Redner und dem Publikum hin- und hergeschwenkt. "Probieren sie das heute mal - da kriegen sie Drohanrufe!"

Ohnehin sei die Geschichte der Fernsehfastnacht stets von einer Annäherung zwischen Medium und karnevalistischer Tradition geprägt gewesen. "Die Karnevalsvereine und die Sender waren immer bemüht, Kompromisse zu finden zwischen Brauchtum und Unterhaltung, zwischen Althergebrachtem und pointiert eingesetzten Neuerungen." Die Fernsehfastnacht von heute sei deshalb - trotz der "Stützpfeiler" Gesang, Büttenrede und musikalischem Programm - viel bunter, dynamischer und facettenreicher als früher. Bei vielen alteingesessenen Narrenkappen-Trägern sei manche programmliche Neugestaltung aber in der Tat zunächst mit Befremden aufgenommen worden. "Als vor einigen Jahren Tobias Mann erstmals mit der Gitarre auf dem Tisch stand, standen einigen Narren indes deutlich die Worte 'ungehörig' und 'Affront' ins Gesicht geschrieben", sagt Gerlach lachend.

Die Fastnacht überstand bis dato alle Aufrührereien und Skandale, und auch die dezenten Neuerungen wurden dann doch eingermaßen locker verkraftet: Tobias Mann avancierte mit seiner frischen, spontanen Art zu einem echten Star in Mainz. Wo früher - außer der Bütt - eine fast sterile Leere auf der Bühne herrschte, sind heute allerhand urige Utensilien zu bestaunen, wird das Programm immer akrobatischer und moderner. Das Wichtigste sei laut Gerlach aber: "Die Leute können nicht ohne ihren Kokolores. Und für die Narren, die bei den großen Festsitzungen dabei sind, ist dies jedes Mal wieder wie eine Berufung in die Fußballnationalmannschaft - die große Freude, Stolz und Ehrgeiz entfacht."

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