700 EM-Kilometer zu Fuß Der Schriftsteller Wolfgang Büscher durchwanderte Polen und die Ukraine

Schriftsteller Wolfgang Büscher ("Berlin - Moskau") hat seine eigene Art, sich den Dingen zu nähern - zu Fuß. Für den Film "Immer Richtung Osten" (So., 10.06., 23.15 Uhr, ZDF) wanderte er 700 Kilometer von der polnischen EM-Stadt Breslau bis ins ukrainische Lemberg.
01.06.2012, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Eric Leimann

Schriftsteller Wolfgang Büscher ("Berlin - Moskau") hat seine eigene Art, sich den Dingen zu nähern - zu Fuß. Für den Film "Immer Richtung Osten" (So., 10.06., 23.15 Uhr, ZDF) wanderte er 700 Kilometer von der polnischen EM-Stadt Breslau bis ins ukrainische Lemberg.

Millionen Deutsche entdecken nun also das ukrainische Lwiw, besser bekannt als Lemberg. Ein Name aus der alten K&K-Monarchie. Jogi Löws Mannschaft bestreitet dort am 9. Juni (gegen Portugal) und am 17. Juni (gegen Dänemark) zwei Vorrundenspiele. Bereits im April reiste der vielfach preisgekrönte Schriftsteller Wolfgang Büscher ("Berlin-Moskau") nach Lemberg. Allerdings nicht im Flieger, sondern vom polnischen EM-Austragungsort Breslau aus zu Fuß. Drei Bücher sind bereits auf diese Weise entstanden. Bei seiner vierten Wanderung ließ sich der 1951 geborene Büscher erstmals mit der Kamera begleiten. Seinen wunderbar fotografierten, durchaus poetischen Reisebericht zeigt das ZDF am Ende seines ersten EM-Übertragungstages am Sonntag, 10.06., um 23.15 Uhr.

teleschau: Für den Film "Immer Richtung Osten" sind Sie binnen drei Wochen zu Fuß von der polnischen EM-Stadt Breslau in die ukrainische EM-Stadt Lemberg gewandert. Was wollten Sie zeigen?

Wolfgang Büscher: Zur EM geht ein Fenster nach Osten auf. Das ist eine Region Europas, wo wir normalerweise nicht so genau hinschauen. Dieses Zeitfenster wollten wir nutzen, um etwas über Land und Leute zu erzählen. Da durchzulaufen, ist eine ziemlich direkte Art, das zu machen. Einen Zeitraum von drei bis vier Monaten, so lange dauerten meine anderen Wanderungen, empfand ich aber für ein solches Experiment als unangemessen. Da hätte mich die ständige Anwesenheit einer Kamera, die mich wie ein Moskito umkreist, wohl verrückt gemacht.

teleschau: Der Regisseur hat die ganze Zeit draufgehalten?

Büscher: Von morgens um acht bis abends um acht war im Prinzip die Kamera an. Ich wusste natürlich, dass nur ein Bruchteil verwendet wird.

teleschau: Gewöhnt man sich irgendwann an die Kamera - so dass Wandern und Leben sich wieder ganz natürlich anfühlen?

Büscher: Eigentlich ist es ja ein Riesenunterschied. Wenn ich als völlig unscheinbarer Kerl eine Straße entlang laufe, interessiert sich keiner für mich. Sobald eine Kamera dabei ist, fragen die Leute, kommen auf einen zu - es ist eine andere Aufmerksamkeit da. Trotzdem war es so - und das hätte ich nicht für möglich gehalten -, dass sich spontane Gespräche und Begegnungen ergaben. Das haben wir bestimmt zehn- oder 20-mal gehabt. In dem Moment, wo eine gewisse Intensität der Situation da ist, wo zwei Leute sich unterhalten, spielt die Kamera tatsächlich keine Rolle mehr.

teleschau: Wie haben Sie Ihre Strecke ausgewählt?

Büscher: Möglichst gerade. Beide Städte sollten Spielorte der EM sein. Dazu haben sowohl Breslau als auch Lemberg eine gewisse historische Tiefenschärfe. Es gab auch eine persönliche Dimension. Mein Vater kommt aus Breslau. Am ersten Abend hatte ich ihn am Telefon, und er dirigierte mich zu jenem Haus in der Altstadt, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Außerdem haben Breslau und Lemberg viel miteinander zu tun.

teleschau: Sie meinen die gemeinsame Geschichte der Vertreibung?

Büscher: Ja, es ist eine doppelte Vertreibung. Die Deutschen wurden aus Breslau und Schlesien vertrieben. Die Polen mussten das frühere Ostpolen verlassen. Dazu gehören Teile von Galizien, das heute zu einem guten Teil im Westen der Ukraine liegt. Lemberg gehörte bis 1918 zu Österreich-Ungarn. Viele Menschen, die Lemberg verlassen haben, sind nach Breslau und Schlesien gegangen. Es war ihre natürliche Strecke nach Westen. Deshalb stammen viele polnische Familien in Breslau aus Lemberg.

teleschau: Wollten Sie mit ihrer Wanderung auch eine Geschichte europäischer Völkerwanderungen und Vertreibungen erzählen?

Büscher: Wenn überhaupt, dann nebenbei. Das sollte kein historisches Lehrstück werden, sondern ein leichtfüßiger Sommerfilm. Mit vielen spontanen Elementen. Aber wir wissen um den historischen Hintergrund und sprechen ihn an.

teleschau: Fanden Sie noch deutsche Spuren?

Büscher: Im Gebiet von Oppeln, das liegt etwa 60 Kilometer hinter Breslau, gibt es noch eine sehr aktive deutsche Minderheit. Dort sind auch die Ortsschilder zweisprachig. Hinter Görlitz kommt man ja erst mal nach Polen. Wenn dann auf einmal wieder etwas Deutsches auftaucht, fällt es natürlich auf. Man findet deutsch-schlesische Gasthäuser und auf den Reklametafeln finden sich plötzlich deutsche Firmennamen. Das spürt man schon.

teleschau: Im Vorfeld der Euro 2012 wurden die Gastgeberländer sehr unterschiedlich dargestellt. Polen als modernes Land, das sich in Richtung Westen orientiert. Die Ukraine hingegen als Inbegriff eines rückständig undemokratischen Ostens. Haben Sie das auf Ihrer Wanderung auch so erlebt?

Büscher: Die größte Überraschung meiner Wanderung war, wie sehr selbst in abgelegenen Regionen Polens der Wohlstand ausgebrochen ist. Es wird gebaut wie verrückt: neue Häuser, neue Dächer, neue Zäune. Keine Selbstversorgung mehr in den Gärten. Rasenflächen und Ziersträucher statt Kohlköpfe und Kartoffeläcker. Man sieht kein altes Auto mehr. Der wirtschaftliche Aufbruch ist mit Händen zu greifen. Er erinnerte mich sehr an die Wirtschaftswunderzeit in Westdeutschland, die ich als Kind noch erlebt habe. Wenn man in die Ukraine kommt, denkt man: Ja, hier stimmt das alte Bild vom Osten wieder. Türkisblau gestrichene Häuser, Bretterzäune, Pferdefuhrwerke und Mütterchen mit Kopftüchern. Dazu die Ziege im Vorgarten.

teleschau: Haben Sie neben einem ökonomischen Gefälle auch zwei unterschiedliche Volksseelen gefunden?

Büscher: Ja, das ist sicher nicht nur eine Frage der Ökonomie. Polen will mit aller Macht nach Westen. Eigentlich wollten die Polen dies schon immer. Sie fühlen sich seit Jahrhunderten als Teil Mitteleuropas, durften aber lange Zeit nicht mitmachen. Man darf nicht vergessen: In Polen herrschten quasi bis 1989 Nachkriegszustände. Man kann deshalb verstehen, wenn die Leute nun wollen, dass sich alles sehr schnell verändert. Die Stimmung ist wirklich ein bisschen wie damals in den 50er- und 60er-Jahren in Westdeutschland: Bloß weg von den Düsternissen der Geschichte, rein in die Zukunft. Alles neu, wir machen alles neu!

teleschau: Welche Volksseele haben Sie in der Ukraine gefunden?

Büscher: Da muss ich mich ein bisschen zurückhalten, denn ich bin nur 80 Kilometer in der Ukraine gelaufen. Es waren drei Tagesmärsche - im äußersten Westen der Ukraine. Die Ukraine hat das Problem der inneren Zerrissenheit. Es gibt den pro-russischen Osten und einen in die Gegenrichtung blickenden Westen. Ich kann mich an eine Szene im Hotel in Lemberg erinnern, die hatten prächtige alte Landkarten aus der K&K-Zeit an der Wand. Als ich die Dame an der Rezeption darauf ansprach, sagte sie ganz versonnen: "Ja, das war keine schlechte Zeit." Wenn man sich 2012 nach Österreich-Ungarn zurücksehnt, lässt das schon tief blicken. Ich denke schon, dass bei vielen Ukrainern eine gewisse Unzufriedenheit mit der Gegenwart da ist.

teleschau: Hatten Sie als Journalist und Autor mit Kamera in der Ukraine unter Restriktionen zu leiden?

Büscher: Nein, überhaupt nicht. Wir wurden sehr entgegenkommend behandelt.

teleschau: Haben Sie Fußballeuphorie in den Ländern verspürt?

Büscher: Wir waren ja im April unterwegs. Zu diesem Zeitpunkt war die Euro für die Leute noch kein großes Thema. Ich habe mir aber sagen lassen - von jemanden, der kürzlich dort war -, dass die Vorfreude mittlerweile angezogen hat.

teleschau: Welcher Ort hat Sie auf Ihrer Reise am meisten beeindruckt?

Büscher: Es waren viele, aber vielleicht würde ich Lemberg nennen. Das ist einfach ein zauberhafter Ort. Auf einer gefühlten Seelenlandkarte liegt er irgendwo auf halber Strecke zwischen Wien und Jerusalem. Das Religiöse ist dort sehr stark - die Kirchen, die Klöster, aber auch dieses alte österreichische Vielvölkerstaat-Gefühl. Es ist eine Stadt auf dem Sprung in eine hippe Zukunft. Der große Ballermann hat schon Quartier bezogen, und bald fangen die Trendsetter an, dort zu wirken. Es gibt sogenannte illegale Klubs und Restaurants, die sich bereits am Rande der Inszenierung für kommende Touristenscharen befinden. Die Atmosphäre ist in etwa so wie in Ostberlin nach dem Mauerfall. Oder zuletzt in Städten wie Krakau. Dort quillt die Altstadt ja längst von Touristen über, viele davon sehr jung.

teleschau: Haben Sie bei Ihrer polnisch-ukrainischen Wanderung Gefallen an der Methode mit Kamera gefunden - oder wollen Sie demnächst lieber wieder alleine laufen?

Büscher: Ich schließe nicht aus, dass ich so etwas wieder mal mache. Vielleicht würde ich dann noch mehr meine eigenen Vorstellungen umzusetzen versuchen. Beim ersten Mal ist man doch mehr der Lernende als der Machende.

teleschau: An der Methode eines wandernden, entschleunigten Beobachters wollen Sie aber festhalten?

Büscher: Ich mag das Laufen immer noch sehr. Dennoch muss ich aufpassen, dass es nicht zur Marotte wird. Meine Wanderbücher durch Deutschland, nach Moskau und durch Amerika verstehe ich als abgeschlossene Trilogie. Da geht es um Deutschland in seiner Ost- und Westdimension. Das ist so nicht fortsetzbar. Wenn ich nun nach Finnland oder Italien latsche, würde es beliebig und der Aufguss wäre immer dünner. Das möchte ich natürlich nicht. Deshalb war ich bereit, mit dieser gefilmten Wanderung etwas ganz Neues auszuprobieren.

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