Streetworker Thomas Sonnenburg holt in "Die Ausreißer - Der Weg zurück" (ab 02.06., mittwochs, 21.15 Uhr, RTL) wieder Jugendliche von der Straße

Der "totale Gut-Mensch"

Sie werden als Assis und Abschaum der Gesellschaft bezeichnet, doch es gibt einen Menschen, der sich um sie kümmert: Thomas Sonnenburg ist wieder für "Die Ausreißer" unterwegs.
07.05.2010, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Cindy Baumgart

Sie werden als Assis und Abschaum der Gesellschaft bezeichnet, doch es gibt einen Menschen, der sich um sie kümmert: Thomas Sonnenburg ist wieder für "Die Ausreißer" unterwegs.

Er ist Familienvater, diplomierter Streetworker und Coach - für viele einfach der "totale Gut-Mensch". Doch auch Thomas Sonnenburg hat seine Ecken und Kanten, wie er im Interview zugibt. In der RTL-Doku "Die Ausreißer - Der Weg zurück" (ab 02.06., mittwochs, 21.15 Uhr) trifft er sich wieder mit jugendlichen Ausreißern und möchte ihnen helfen, ein besseres Leben zu führen. Der 46-Jährige verrät auch, dass die Teenies ihm gelegentlich seine Grenzen aufzeigen. Doch vor allem motivierte seine Arbeit viele Jugendliche, den Beruf des Sozialarbeiters zu erlernen.

teleschau: Ihre Sendung heißt "Die Ausreißer - Der Weg zurück". Müssen die Jugendlichen nicht eigentlich nach vorne schauen?

Thomas Sonnenburg: Ich habe diesen Titel bei der Entwicklung des Formates selbst mitentwickelt, und uns war eine gewisse Dialektik wichtig. Es geht um Neuorientierung, der Weg zurück ist in dem Fall auch der Weg nach vorn. Die Jugendlichen, die ich betreue, gehen ihren eigenen Weg, aber er muss nicht immer der richtige sein. Ich begleite sie dabei und zeige ihnen Möglichkeiten auf. Sie sollten nach vorne schauen und dabei den Weg zurück ins Leben finden. Ich gebe ihnen meine Schulter, Unterstützung und begleite sie, wenn sie es wollen.

teleschau: Nun kommen wieder neue Folgen von "Die Ausreißer - Der Weg zurück". Gab es Veränderungen im Laufe der einzelnen Staffeln?

Sonnenburg: Es gab eine große Veränderung, vor allem durch die Etablierung meiner Homepage 2009. Dort meldeten sich Eltern, die wirklich konkrete professionelle Hilfe erwarten. Es ist natürlich etwas anderes, wenn man mit einem Jugendlichen arbeitet und dann an die Eltern herantritt. Oder eben die Eltern an mich herantreten, sagen, was passiert ist, und dann Hilfe wollen. Dadurch ist die Bandbreite der Fälle auch viel größer geworden.

teleschau: Wählen Sie Ihre Fälle nach einem bestimmten Prinzip aus?

Sonnenburg: Nein, und anders als im Fernsehen üblich werden die Menschen hier auch nicht klassisch gecastet. Es melden sich Menschen mit wirklichem Hilfebedarf. Ich informiere mich zunächst, ob die Geschichten wahr sind. Dann trete ich mit den Leuten in Kontakt, stelle sie später als Protagonisten dem Sender vor und erkläre, warum ich gerne mit ihnen arbeiten möchte.

teleschau: Gab es auch schon Anfragen, die Sie ablehnen mussten?

Sonnenburg: Ja, es gibt schlimme Fälle mit innerfamiliären Problemen, die man aus ethischen und moralischen Gründen nicht zeigen kann. Außerdem ist es wichtig, dass die Leute nicht mitmachen, um ins Fernsehen zu kommen. Solche Fälle lehne ich grundsätzlich ab! Weiterhin sollten die Eltern nicht aus finanziellen Gründen mitmachen. Bei den "Ausreißern" werden keine Honorare oder Aufwandsentschädigungen gezahlt. Wir bieten Hilfe auf hohem Niveau, und werden dabei medial begleitet, es entsteht ein Film. Niemand soll sich verkaufen oder wird verkauft.

teleschau: Gleich in der ersten Folge arbeiten Sie mit einem Jugendlichen, den man schon aus der letzten Staffel kennt. Stellt das nicht Ihren Erfolg in Frage?

Sonnenburg: Nein, denn es ist eine Fortsetzung und Weiterarbeit. Diesen jungen Mann durfte ich nicht alleine lassen, das wäre in seiner Lebenssituation das Allerschlimmste gewesen. Es ist sozusagen eine Übernahme von Verantwortung. Allerdings muss ich zugeben, dass dieser Fall mir auch meine Grenzen gezeigt hat.

teleschau: Sie betreuen die Jugendlichen ja länger, als in der Sendung zu sehen ist. Unterscheidet sich Ihre Arbeit, wenn Sie von einem Kamera-Team begleitet werden?

Sonnenburg: Überhaupt nicht! Denn die Kamera läuft nur dann, wenn es für das Fortschreiten der Geschichte des Klienten wichtig ist. Außerdem habe ich immer das gleiche Kamera-Team, das genau wie ich und mein Kollege für die Nachbetreuung eine Verbindung zu den Jugendlichen aufbauen muss. Des Weiteren hat es sich in der Szene rumgesprochen, dass wir nicht nur quatschen, sondern auch was für diese jungen Leute tun. So gelingt es uns immer wieder, in diesen Szenen drehen zu dürfen. Sie lassen sich filmen, weil wir nicht nur draufhalten, sondern mit den Leuten auch etwas passiert.

teleschau: Wie gehen die Teenies nach Ausstrahlung der Sendung eigentlich mit ihrem Bekanntheitsgrad um?

Sonnenburg: Wir bereiten sie natürlich darauf vor und schauen die Filme vorher mit ihnen an. Man sollte das Ganze aber auch nicht überschätzen. Fernsehen ist so schnelllebig, dass die Sendungen schnell wieder in Vergessenheit geraten. Nur Einzelne bleiben als "kleine Stars" kleben, sind dann aber keine Opfer, sondern viel eher Persönlichkeiten.

teleschau: Gab es schon Konflikte, als Zuschauer auf der Straße Ihre Klienten wiedererkannten?

Sonnenburg: Nicht wirklich, wenn dann eher positive Reaktionen. Denn die Leute wissen nach unseren Filmen, dass diese Menschen keine Assis sind oder Abschaum der Gesellschaft, sondern teils tragische Schicksale hinter sich haben. Der Draufblick hat sich geändert, und das freut mich. Ein Mädchen hat mir beispielsweise erzählt, dass sie früher getreten wurde, wenn sie vor einem Fast-Food-Laden lag, und jetzt bekommt sie des Öfteren einen Burger geschenkt. Ich sage sehr oft, wenn Sie helfen wollen, dann geben Sie lieber einen Apfel. Der hilft oft mehr als ein Euro.

teleschau: Es will ja nun nicht jeder mit seinen Problemen ins Fernsehen. Denken Sie, dass die Sendung für Eltern hilfreich ist, die ebenfalls Ärger mit ihren Kindern haben?

Sonnenburg: Die Eltern können sich gewissermaßen meine Arbeitsansätze und Methoden abgucken. Über diese inhaltlichen Strategien und Handlungsmöglichkeiten habe ich ja auch ein Buch geschrieben.

teleschau: Ist das Buch dann eine Ergänzung zur Serie?

Sonnenburg: Es ist viel mehr als nur ein Ergänzung, es ist ein klassischer Ratgeber für Eltern. Ich hoffe, dass ich darüber noch mehr und auch andere Leute als nur die Fernsehzuschauer erreichen kann. Viele meiner Kollegen haben es gelesen und sehen es recht kritisch. Sie sagen, es sei sehr oberflächlich. Aber ich wollte ja kein Wissenschaftsbuch schreiben, es soll ein Buch für alle Eltern sein, nicht nur für betroffene. Es geht in dem Buch viel um Mitbestimmung der Kinder, aber nicht um antiautoritäre Erziehung. Klare Regeln und klare Konsequenzen sind Teil dieser Mitbestimmung. Auch wenn nicht viele Pädagogen das so sehen, aber meine Lebens- und Berufserfahrung haben mir gezeigt, dass die Beteiligung der eigenen Kinder an ihrer Erziehung ein richtiger Weg sein kann und ist.

teleschau: Haben Sie generelle Tipps, die Sie allen Eltern mit Problemkindern mit auf den Weg geben?

Sonnenburg: Am allerwichtigsten ist die Kommunikation! Es wird in den Familien kaum noch geredet, dadurch verlieren Eltern irgendwann den Draht zu ihren Kindern. Sie bekommen nicht mit, dass ihre Kinder autonome Persönlichkeiten werden, und sprechen ihnen oft das Recht an Entscheidungen ab. Und wenn es dabei nur um das Urlaubsziel geht. Außerdem führen Probleme in unserer Gesellschaft oft dazu, dass Eltern in Egoismus verfallen. Ihr persönlicher Leistungsdruck hindert sie dann daran, ihre Kinder im Fokus zu behalten.

teleschau: Es geht also auch um Aufmerksamkeit. Wie viel davon brauchen eigentlich ihre Klienten?

Sonnenburg: Ganz viel. Schließlich lebt dieser Job hauptsächlich von Beziehungsarbeit. Vor jeder Erziehungsarbeit kommt immer erst ein längerer Weg der Beziehungsarbeit. Das werden Ihnen viele Pädagogen und Streetworker erzählen.

teleschau: Gibt es noch etwas Grundlegendes, das den Jugendlichen in ihrem Leben fehlt?

Sonnenburg: Den Jugendlichen fehlt oft einfach nur Liebe, Zuwendung und Vertrauen in ihre Stärken. Sie werden oft als "Verlierer" in der Gesellschaft gesehen. Ich versuche aber herauszufinden, wo ihre Stärken sind, und probiere dann an ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Persönlichkeit zu arbeiten.

teleschau: Sie sind selbst Vater zweier Kinder. Wie geht Ihre Familie damit um, dass Sie sich so viel mit den Problemen anderer beschäftigen?

Sonnenburg: Natürlich mussten sie es lernen, aber beide Kinder haben sich damit auseinandergesetzt. Ich habe mit ihnen viele Gespräche darüber geführt, was das für uns alle heißt. Und für mich steht immer noch fest, dass ich mit der Arbeit sogar aufhören würde, wenn meine Kinder darunter leiden oder gar gehänselt werden. Aber Franziska ist inzwischen erwachsen und Alex wird noch in diesem Jahr 18 Jahre alt.

teleschau: Befolgen Sie im Privaten eigentlich alle Tipps, die Sie anderen Familien für ein besseres Miteinander geben?

Sonnenburg: Ich versuche es natürlich, aber ich bin auch nur ein Mensch (lacht). Die Menschen sehen in mir oft den totalen Gut-Mensch, aber auch ich habe Ecken und Kanten.

teleschau: Sie erleben auf der Straße ja viele bewegende Schicksale, die Ihnen sicher auch sehr nahe gehen. Allerdings können Sie am Ende des Tages keine Bürotür schließen und alles hinter sich lassen. Gibt es dennoch einen Weg, von Ihrer Arbeit Abstand zu nehmen?

Sonnenburg: Ja, und das ist auch notwendig, man nennt es professionelle Distanz. Ich musste vor allem lernen, mein Handy auszumachen. Ansonsten fahre ich gerne mal ans Meer, das ist ja von Berlin nicht so weit. Außerdem verbringe ich viel Zeit mit meinem Sohn. Wir gehen dann einfach mal einen Kaffee trinken, da kann ich dann auch abschalten.

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