"Liebe im Internet ist ein hartes Pflaster" Die "37°"-Reportage "Suche Traumfrau!" begleitet Männer auf Frauensuche im Netz (Di., 22.05., 22.15 Uhr, ZDF)

Filmemacherin Iris Bettray begleitete für "Suche Traumfrau!" vier Monate lang drei Single-Männer zwischen 44 und 53. Sie alle befinden sich auf der Suche nach Liebe im Internet.
18.05.2012, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Eric Leimann

Filmemacherin Iris Bettray begleitete für "Suche Traumfrau!" vier Monate lang drei Single-Männer zwischen 44 und 53. Sie alle befinden sich auf der Suche nach Liebe im Internet.

Sieben Millionen Deutsche sind bei Single-Börsen im Internet angemeldet. Etwa eine Million davon, so schätzt man, suchen auf diesem Weg ernsthaft einen Lebenspartner. Iris Bettray (48) hat sich für ihren "37°"-Film "Suche Traumfrau!" (Di., 22.05., 22.15 Uhr, ZDF) klugerweise einer sehr homogenen Stichprobe angenommen. Die Kölner Filmemacherin begleitete drei Männer zwischen 44 und 53 Jahren, die schon lange im Netz nach einer geeigneten Partnerin fahnden. Bettrays Protagonisten sind körperlich attraktiv, mehr oder weniger gut situiert, intelligent und durchaus reflektiert. Warum fanden Sie bisher dennoch nicht die Richtige?

teleschau: Weshalb haben Sie gerade Single-Männer zwischen 44 und 53 unter die Lupe genommen?

Iris Bettray: Mit Mitte 40 hat ein Single-Mann einen höheren Leidensdruck bei der Partnersuche als beispielsweise ein 30-Jähriger. Er hat zudem eine klare Vorstellung davon, was er in seinem Leben noch will und was nicht. Was die Sache nicht unbedingt einfacher macht.

teleschau: Ist der Leidensdruck tatsächlich so hoch? Ihre Männer sind beruflich erfolgreich und attraktiv. Sie wirken nicht im klassischen Sinne unglücklich.

Bettray: Ab Mitte 40 wird der Druck, eine Partnerin zu finden, auch ein gesellschaftlicher. Dann stellen sich Fragen wie: Will ich noch eine Familie gründen, möchte ich eine Vaterschaft? Ab einem gewissen Alter wird man eben auch als Mann komisch angeguckt, wenn man scheinbar grundlos alleine ist.

teleschau: Viele Single-Männer dieses Alters sind bereits mit einem Familienprojekt gescheitert.

Bettray: Ja, aber genau solche Männer wollte ich nicht. Ich suchte Männer, die bereits viele Beziehungen hinter sich haben, aber sich eben noch nicht festgelegt haben. Wir suchten keine skurrilen oder unattraktiven Männer, bei denen jeder sofort eine Ahnung davon hat, warum sie alleine sind. Dazu gab es bereits sehr viele TV-Formate. Unsere Idee war, Männer auf Partnerschaftssuche zu begleiten, bei denen man erst mal denkt: Warum haben die damit überhaupt ein Problem?

teleschau: Wie haben Sie Ihre drei Protagonisten gefunden?

Bettray: Einen fanden wir im persönlichen Umfeld. Die beiden anderen entspringen einer Zusammenarbeit mit verschiedenen Dating-Portalen. Die veröffentlichten einen Aufruf unsererseits, dass die ZDF-Sendung "37°" solche Männer sucht. Der Rücklauf war groß, aber nicht so groß, wie man es vielleicht erwartet hätte. Ich machte mal den Film "Die Ungeküssten" - da haben sich wirklich wenige gemeldet. Wenn ich jedoch einen Film über Kleinwüchsige mache, habe ich da eine viel größere Auswahl - auch wenn es in der Bevölkerung viel weniger Kleinwüchsige als Single-Männer in diesem Alter gibt.

teleschau: Was verwundert - es ist doch keine Schande, Single zu sein.

Bettray: Es ist keine Schande, aber man konfrontiert sich bei einem solchen Film mit der Frage: Warum bin ich eigentlich Single? Diese Konfrontation scheuen viele.

teleschau: Soziologen glauben, dass die steigende Zahl der Dating-Möglichkeiten übers Internet eine wirkliche Beziehung eher blockiert denn aktiviert.

Bettray: Das Internet hat für eine unglaubliche Auswahl möglicher Kontakte gesorgt. Ich kann heute, morgen, übermorgen jemanden treffen - ganz so, wie ich es will. Man kann davon schnell flirtsüchtig werden. Bei jedem neuen Kontakt, bei jedem Weg zu einem Date, entsteht bei vielen Singles ein bisschen das Gefühl des Verliebtseins. So etwas kann absolut süchtig machen. Männer können sich regelmäßig in die Rolle des Verführers, Verehrers oder galanten Mannes hineinbegeben. Das macht sicher Spaß. Auch Frauen schätzen das. Ob man dabei allerdings die Richtige findet, steht auf einem ganz anderen Blatt.

teleschau: Es gibt aber sicher Menschen, die eine ernsthafte Beziehung im Netz suchen. Die gegenüber der echten Welt deutlich höhere Zahl an Kontakten und Begegnungen müsste ihnen die Partnersuche doch deutlich vereinfachen?

Bettray: Was die Partnersuche im Internet deutlich vom echten Leben unterscheidet, ist der "Checker-Blick", mit dem viele Leute bei der Suche im Netz unterwegs sind. Den hat man auf jeden Fall, wenn man schon länger sucht. Beim ersten, dritten oder fünften Date ist man vielleicht noch unbefangen. Aber nicht mehr beim 25. oder 150. Date. Da kommt einem die Leichtigkeit und Unbefangenheit, wie man sie bei einer spontanen Begegnung im echten Leben hat, abhanden. Wer im Netz in solchen Portalen unterwegs ist, sucht jemanden - so viel ist klar. Das ungezwungene Kennenlernen des echten Lebens fällt in dieser Welt flach. Zudem wird die Liste negativer Eigenschaften, die man bei einem potenziellen Partner auf jeden Fall vermeiden möchte, mit andauernder Suche immer länger. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, die Richtige zu treffen, auch nicht gerade.

teleschau: Ein anderes Problem der Partnersuche im Netz sind die virtuellen Persönlichkeiten, die sich viele Suchende dort zusammenschustern. Auch Ihre Männer machen sich zum Beispiel allesamt ein bisschen jünger ...

Bettray: Das ist tatsächlich ein Phänomen. Fast alle Suchenden präsentieren sich im Netz nicht nur so, wie sie sind, sondern auch ein bisschen so, wie sie gerne wären. Die Frauen mogeln beim Gewicht und beim Alter. Die Männer meist nur beim Alter. Aber wenn schon bei solch überprüfbaren Dingen nicht die Wahrheit erzählt wird, fragt man sich, was man von anderen Dingen, die ein möglicher Partner von sich erzählt, noch glauben kann. Im Internet wird bei der Partnersuche sicherlich viel gelogen. Auch unsere Suchenden beklagen sich darüber, und doch machen sie auch selbst dabei mit.

teleschau: Sehen Sie nach Abschluss dieses Films die Suche nach Liebe im Internet kritischer als vorher?

Bettray: Ich bin grundsätzlich ein Internet-freundlicher Mensch. Liebe ist durch das Internet tatsächlich grenzenlos geworden, das empfinde ich als tolle Sache. Wenn ich heute vorhätte, mich in Asien zu verlieben, könnte ich das sofort angehen (lacht). Wer im Internet nach einem Partner sucht, muss ein paar Dinge wissen: Es wird viel gelogen. Man muss mit viel Bedacht in diese Begegnungen hineingehen. Ich würde mich nicht voreilig mit jemandem treffen, sondern erst mal über Mails und Telefonate versuchen, möglichst viel über diesen Menschen herauszufinden. Als Frau geht man ohnehin ganz anders an das Thema heran. Da hätte ich Angst, an einen Mann zu geraten, der vielleicht auch gewaltbereit ist. So etwas spielte bei meinen Protagonisten gar keine Rolle. Ein Film zum gleichen Thema mit Frauen sähe jedoch völlig anders aus.

teleschau: Hat den Männern die Teilnahme an Ihrem Film etwas gebracht?

Bettray: Es hat ihnen Spaß gemacht, über sich selbst nachzudenken - glaube ich. Ich hatte keine Erwartungen an die Männer, habe ihnen offene Fragen gestellt. Ich wollte sie porträtieren, ohne vorher gefasste These. Allein das erzeugt eine Offenheit, ein ehrliches Interesse, das auch den Protagonisten gut getan hat. Zwei von dreien sagen mittlerweile, dass sie ihre Partnersuche wieder stärker ins reale Leben und weg vom Internet verlagern wollen. Partnersuche im Netz, so ist auch mein Fazit, ist eine tolle Chance, aber eben auch ein hartes Pflaster. Insofern ist das Internet für die Liebe Segen und Fluch zugleich.

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