Monolith und Tausendfüßler Die ARD stellt ihre fiktionalen Programme des Jahres 2010 vor

"Tatort"-Jubiläum, deutsche Einheit und innovative Serien: Das Erste stellte in Hamburg ihre fiktionalen Programmhighlights des Jahres 2010 vor.
15.01.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Eric Leimann

"Tatort"-Jubiläum, deutsche Einheit und innovative Serien: Das Erste stellte in Hamburg ihre fiktionalen Programmhighlights des Jahres 2010 vor.

Das Erste stellte in Hamburg sein fiktionales Programm für das Jahr 2010 vor. Dabei sind die Themen der ARD-Fernsehfilme und Serien so vielfältig, wie der föderal vielstimmige Sender nun mal selbst aufgestellt ist. Die Themen des Ersten reichen von Scientology bis zu Kinderarmut, von Christine Neubauer bis zu den Buddenbrooks. Drei innovative Serien hat das Erste im Programm, die deutsche Einheit wird gefeiert, und der "Tatort", 2010 feiert er seinen 40. Geburtstag, begrüßt einen neuen Kommissar - dessen Verweildauer im Amt allerdings auf eigenen Wunsch ungewiss ist. So etwas kann sich eben nur Ulrich Tukur leisten.

ARD-Programmdirektor Volker Herres ist Chef eines Monolithen von erhabener Gestalt. Lässt man die Überalterung seiner Zuschauer außer Acht - was bei solchen Werbeveranstaltungen in eigener Sache wohl auch niemand erwartet - sind die ARD-Anstalten uneinholbarer Marktführer. Mit dem Ersten (12,7 Prozent Marktanteil im Jahr 2009) liegt Herres zwar nur einen Hauch vor dem deutlich jüngeren Privatkonkurrenten RTL (12,5 Prozent), gemeinsam mit den Dritten jedoch - die sieben Sender holten 2009 gemeinsam 13,5 Prozent - nagelten die ARD-Sender ein gutes Viertel der Gesamtzuschauerschaft des Jahres auf eines ihrer Angebote fest.

Das Sportjahr 2010, Olympische Spiele und vor allem die Fußball-WM in Südafrika stehen an. Dies sollte dem Ersten gegenüber den Privaten in die Karten spielen. Volker Herres hofft im Subtext seines Vortrages, in einem Jahr ähnliche oder gar bessere Zahlen zu präsentieren. An jenem eiskalten Januarabend ging es im Hotel "Hafen Hamburg" jedoch nicht um Sport, Doku oder Information - unbestrittene Stärken des Ersten - sondern um Filme und Serien. Auf diesem Gebiet ist das Angebot des Ersten so widersprüchlich wie ein Tausendfüßler, der versucht, sich gleichzeitig in verschiedene Richtungen zu bewegen.

Großartige Fernsehfilme am Mittwoch und innovative "Tatort"- und "Polizeiruf 110"- Folgen am Sonntag stehen biederen Primetime-Serien und den Degeto-Filmen am Freitag gegenüber. Doch es gibt Grund zur Hoffnung. Der Film-Mittwoch im Ersten, oft bietet er sperrige Stoffe, konnte seinen Marktanteil mit 14,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr sogar etwas ausbauen. Die erfolgreichsten Filme auf diesem Sendeplatz waren 2009 "Krauses Kur" (6,7 Millionen Zuschauer), "Die Freundin meiner Tochter" (5,9) und "Frau Böhm sagt nein" (5,88).

Bei den in kurzen Ausschnitten präsentierten Mittwochfilmen des neuen Jahres machte das Scientology-Sektendrama "Der Tote im Sund" von Niki Stein mit Silke Bodenbender (Ausstrahlung 15.03.) ebenso einen guten Eindruck wie Aelrun Goettes raues Jugenddrama "Keine Angst", welches das Thema Kinderarmut in Deutschland behandelt. Natürlich kommt man 2010 auch fiktional nicht um das 20. Jubiläum der deutschen Einheit herum - auch wenn die Mauer bei allen Sendern in den letzten Jahren längst im Dutzend gefallen ist. Vielleicht tun sich ein Jahr nach dem Wendegetöse nun aber Chancen auf, das Thema Einheit mit sensiblen, leiseren Stoffen zu behandeln.

Die Mini-Serie "Weißensee" könnte dazu beitragen. Das sechsteilige Familiendrama mit Uwe Kockisch, Katrin Sass und Florian Lukas, welches in der DDR der Achtziger angesiedelt ist, bekommt sogar den Dienstagssendeplatz um 20.15 Uhr, der sonst leichteren Stoffen vorbehalten bleibt. "Weißensee" soll im dritten Quartal 2010 über den Bildschirm flimmern. Noch mehr Innovation verspricht man sich von der lange angekündigten und nach einer Pleite der Produktionsfirma nun doch endlich fertig gestellten Dominik-Graf-Serie "Im Angesicht des Verbrechens". Die acht Teile werden im Herbst 2010 freitags, um 21.45 Uhr, im Ersten zu sehen sein. Eine frühere Ausstrahlung der Antwort auf die innovative ZDF-Krimireihe "KDD" wird es bei ARTE geben.

Auch eine Serienfortsetzung sollte man lobend erwähnen. Die ebenso skurrile wie gelungene Krimi-Farce "Mord mit Aussicht" mit Caroline Peters und Bjarne Mädel darf es nach bescheidenen Quoten in der Erstausstrahlung noch einmal versuchen. Das Erste zeigt die erste Staffel der Serie um eine in die "grüne Hölle Eifel" strafversetzte Großstadtpolizistin im zweiten Quartal dienstags, um 20.15 Uhr, noch einmal und setzt sie mit sieben neuen Folgen fort.

2010 ist auch "Tatort"-Jubiläumsjahr. 1970 lief mit dem NDR-Beitrag "Taxi nach Leipzig" der erste Film der erfolgreichsten Krimireihe im deutschen Fernsehen. Volker Herres freute sich besonders darüber, dass sich unter den 20 erfolgreichsten Fernsehsendungen des Jahres 2009 alleine 13 "Tatorte" befanden. "Tempelräuber", der publikumswirksamste unter ihnen, lief am 25. Oktober vor 9,86 Millionen Zuschauern und kam aus Münster.

Nach den zahlreichen Kommissarswechseln der letzten Jahre lassen es die ARD-Anstalten 2010 in ihrer Personalpolitik etwas ruhiger angehen. Einzig und allein das etwas überraschende Ende von Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf in Frankfurt - für viele Kritiker lösten sie einige der besten Fälle der letzten Jahre - verlangte nach Nachfolgern. Ulrich Tukur wird 2010 als tumorkranker Kommissar den Dienst beim Hessischen Rundfunk antreten. Ab 2011 soll dann das neue Frankfurter Ermittler-Duo Nina Kunzendorf und Joachim Król seine Arbeit beginnen - mit zwei Fällen pro Jahr. Weil der HR ab 2011 allerdings drei statt wie bisher zwei Filme jährlich liefern soll, hofft man beim Sender, dass Ulrich Tukur auch in Zukunft einmal pro Jahr einen LKA-Kommissar mit wechselnden hessischen Einsatzorten geben wird. Eine weitere Innovation beim "Tatort" betrifft dessen Verbreitung über das Internet. Ab sofort steht jeder Film zeitgleich zur Ausstrahlung im Fernsehen für sieben Tage im Netz zum Abruf bereit.

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