Von vertanen Chancen Die EM-Vorrunde ist gespielt - ARD und ZDF versäumen es, die jungen Fußballfans abzuholen

Die Fußball-Europameisterschaft entpuppt sich als großartig - was man von den Experten, Kommentatoren und Moderatoren der TV-Sender leider kaum behaupten kann.
15.06.2012, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Frank Rauscher

Die Fußball-Europameisterschaft entpuppt sich als großartig - was man von den Experten, Kommentatoren und Moderatoren der TV-Sender leider kaum behaupten kann.

Wenn die schönsten Dinge im Leben nur nicht immer so schnell an einem vorbeiziehen würden ... Die EM-Vorrunde ist gespielt, und ohne Zweifel ist das Turnier in der Ukraine und in Polen in sportlicher Hinsicht eines der besten aller Zeiten. Doch während fast alle Teams modernen Fußball spielen, auf hohem taktischen und technischen Niveau, während ein Mario Gomez wie am Fließband zu treffen scheint, vertut das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen die große Chance, die Jugend für sich einzunehmen.

Bei keinen anderen Ereignissen ist man näher dran an der angeblich doch so heiß umworbenen jungen Zielgruppe als bei internationalen Fußballturnieren - aber was machen die Sender: Das ZDF verlegt seine Basis in ein Refugium für Best Ager, und in der ARD wird man gerade Zeuge, wie ein eigentlich erfreulich rotzfrecher Mehmet Scholl zum Konsensmoderator gebeugt wird. Beiden Sendern gemein ist eine merkwürdige Distanz zum echten Fan, was wehmütige Erinnerungen an die WM 2006 oder die EM 2008 weckt.

Der erste Hilferuf geht an den großen Hoffnungsträger: Lieber Scholli, bitte finden Sie Ihre spitze Zunge wieder! Denn gerade daran fehlt es diesmal an allen Ecken und Enden: Provokationen, Reibungsflächen, Emotionen. Wir vermissen echte Typen und, ja, auch ein bisschen die langen Beine: Weit und breit keine Jessica Kastrop, Andrea Kaiser oder Kate Abdo in Sicht ... Schon mal die Field Reporterinnen anderer Nationen bei der Arbeit gesehen?

Sicher, was zählt ist auf dem Platz. Immer noch. Aber heute braucht es mehr, viel mehr, und die Sender werden der Lust auf unterhaltsame Randberichterstattung auch mit beinahe uferlosen Sendestrecken gerecht. Nur sexy ist das, was ARD und ZDF da veranstalten, eher nicht. Um beim jungen Publikum zu punkten, auch abseits des Platzes, reicht eine charmante Twitter-Fee, die ein paar Beiträge aus irgendwelchen Social-Media-Foren vorliest, nicht aus. Fraglos ist die Web2.0-affine Jeannine Michaelsen auf Usedom eine Bereicherung fürs ZDF-Portfolio, aber wenn so eine nette Marginalie schon das hippe Zugeständnis ans junge Publikum sein soll, dann ist das in etwa so daneben wie der in der ARD lange verbreitete Irrglaube, "Gottschalk Live" sei junges Fernsehen.

Dann schon lieber Matze Knop in "Waldis Club" - aber eben nur Matze Knop. Denn der junge Zuschauer will heute nichts Aufgesetztes. Gefragt ist mehr Bauch und weniger Kopf. Der Fan will Spontaneität und Originalität, giert nach exakten Analysen und neuen Phrasen und Formulierungen, die er so noch nie gehört hat, er will bei der ernstesten Nebensache der Welt auch mal schmunzeln, und er entdeckt gerne neue Gesichter. Und er blickt, offenbar im Gegensatz zu einigen Senderverantwortlichen, in diesen Zeiten eben permanent über den Tellerrand hinaus. Ein Fußball-Großereignis findet längst nicht mehr nur im Fernsehen statt. Sicher hat das Internet ganz andere Möglichkeiten, da dürfen sich Autoren freier bewegen, weil nicht jede spontane Bemerkung im Boulevard zum Ereignis von nationaler Tragweite hochgejazzt wird - man frage nach beim armen Mehmet Scholl, der nach seiner Gomez-Kritik eine regelrechte "Dekubitus-Affäre" auszuhalten hatte.

Es wäre aber schon interessant zu erfahren, was sich die ARD- und ZDF-Macher so denken würden, wenn sie nur mal kurz über den Liveticker des jungen Fußballmagazins "11 Freunde" flögen ... Der funktioniert (Beispiel aus der Partie Spanien gegen Kroatien) ungefähr so: "58.: Modric auf Rakitic. Was klingt wie ein Mittagsangebot (mit kleinem Salat), ist eine Chance für Kroatien. Doch Casillas hat keinen Hunger. Müssen wir jetzt ohne Essen ins Bett?" Oder (im Nachklapp des Spiels Ukraine gegen England): "22:51 Uhr: Scholl und Beckmann beugen sich über das nicht gegebene Tor wie zwei Kurpfuscher über eine Pestbeule. 'Ein Torrichter ist keine Erfindung wie eine Kamera', weiß Scholl. Hammer. Panisch ruft Ranga Yogeshwar beim Intendanten an, um sich zu vergewissern, dass er immer noch der schlaueste Mensch der ARD ist." Zum auswendig lernen schön.

Nicht, dass es so etwas im TV nicht auch gäbe. Aber bei dieser EM sind sie einmal mehr nicht dabei, jene mit Bonmots um sich werfenden Sport-Kommentatoren, die sich eben nur im Privatfersehen so richtig ausleben dürfen. Keiner auszumachen vom Unterhaltungswert des SAT.1-Mannes Wolff-Christoph Fuss ("Hasta la vista, Schalke Finalista"), niemand da, der auch nur annähernd das Adrenalin-Niveau der Sport1-Phrasenschleuder Frank Buschmann erreicht. Die echten Typen fehlen, weil sie offensichtlich nicht gewollt sind - wie die geradezu absurd echauffierte Diskussion um Mehmet Scholl gezeigt hat. Dabei hat nur ein TV-Experte mal das gemacht, was sein Job ist: seine Meinung kundgetan - mit eigenen, flapsigen, aber irgendwie auch komischen Worten.

Selbst der Blick des intelligenten Analytikers der Marke Marcel Reif oder Kai Dittmann fehlt diesmal bei ARD und ZDF weitgehend - obwohl ein Gerd Gottlob oder ein Tom Bartels so etwas allemal draufhätten. Stattdessen musste man Bartels nun dabei zuhören, wie er im finalen Gruppenspiel gegen Dänemark ein völlig anderes Spiel zu kommentieren schien: eines, in dem überragende Dänen gegen eine überforderte deutsche Elf groß auftrumpfen. 90 Minuten lang mahnte er, Jogis Elf könne noch aus dem Turnier fliegen - und hatte dann noch die Chuzpe, zu betonen: "Mit solchen Rechenspielen will ich Sie nicht belästigen, liebe Zuschauer." Na, herzlichen Dank für den Beinahe-Herzkasper!

Was auch an seinen Kollegen Gerd Gottlob geht: Auch er redete die Leistung der Deutschen gegen Portugal schlechter, als sie war. Gut in beiden Fällen, dass Mehmet Scholl zwischendurch und danach in seinen Analysen die Dinge wieder halbwegs geraderücken konnte. Aber was soll das? Sprach da eine völlig überzogene Erwartungshaltung aus den ARD-Kommentatoren? Oder eher ein fast ins Devote reichendes Fairnessgebot?

Wobei selbst die zu Unken mutierten Herren Gottlob und Bartels noch erträglicher sind als der diesmal erstaunlich knochentrockene Béla Réthy, der mehr denn je durch eine an den unmöglichsten Stellen platzierte Aufgeregtheit in der Stimme auffällt. Jedenfalls scheint eines gewiss: Wenn Réthy plötzlich laut wird, kann man aufstehen und sich entspannt noch ein Bierchen holen, weil jetzt garantiert nichts passiert. Als er beim Spiel der Ukraine gegen Frankreich eine Stunde lang eine Regenunterbrechung überbrücken musste, stand Réthy plötzlich vor einem ungeahnten Härtetest - und vor einer Riesenchance. Doch einer Situation, wie sie Günther Jauch und Marcel Reif einst Grimme-Ehren bescherte, wurde sein verkrampft wirkendes Aufzählen von gesammelten Daten und Abfragen von UEFA-Statuten kaum gerecht.

Wenn wenigstens einer wie Jürgen Klopp dabei wäre. Einer, der zugleich locker, aber mit klarer Sprache zu vermitteln vermag, was auf dem Platz wirklich läuft. Überhaupt: Kloppo. Der Mann hat die Taktik im TV doch erst sexy gemacht. Aber wer knüpft nun daran an?

Was waren das verrückte Zeiten: 2006, da herrschte nicht nur Sommermärchen im ganzen Land, sondern auch noch Aufbruchstimmung bei den Sendern. Mit Fußball ran an die junge Zielgruppe, lautete das Credo, und die Sender taten jede Menge, um die Türen zum Fan, zur Jugend weit zu öffnen. Man denke nur an die "Montagsmaler" des ZDF, wahlweise auch "Boygroup" oder "Dreierkette" genannt - bestehend aus Johannes B. Kerner, Urs Meier, Jürgen Klopp. Auf der Fanmeile in Berlin waren die Drei mittendrin statt nur dabei. Das fühlte sich an wie die Ouvertüre einer neuen Fußballfernseh-Ära.

Doch was hat man aus dieser erstklassigen Steilvorlage gemacht: Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein, schon rein numerisch weit von einer Dreierkette entfernt, moderieren auf einer gewiss sündteuren Strandkulisse auf Usedom. Usedom! Was dort passiert, lässt sich im Prinzip für die komplette EM-Berichterstattung sagen: Die Fernsehleute leisten solide Arbeit, aber das Ganze wirkt ein wenig leidenschaftslos und, immer wenn es jung, unterhaltsam und fannah werden soll, auch reichlich bemüht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+