Schönheit liegt im Auge des Betrachters Die "Ulrich Seidl DVD Edition" enthält sechs Filme des umstrittenen wie genialen Königs der Tristesse

Ulrich Seidl ist ein gnadenloser Vermesser der menschlichen Abgründe in der österreichischen Wirklichkeit und hegt dennoch Sympathien für seine Protagonisten.
01.05.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Claas Nielsen

Ulrich Seidl ist ein gnadenloser Vermesser der menschlichen Abgründe in der österreichischen Wirklichkeit und hegt dennoch Sympathien für seine Protagonisten.

Erst mit 26 Jahren entschloss sich der Wiener Ulrich Seidl die Filmakademie zu besuchen, die er aber vorzeitig wieder verließ. Sein Studium finanzierte er mit Jobs als Nachtwächter, Lagerarbeiter und als Medikamenten-Versuchskaninchen. Mit "Good News", einem Film über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Wiener Zeitungskolporteuren, gelang dem damals 38-Jährigen 1990 schließlich der Durchbruch. Seitdem ist er für seine gesellschaftskritischen, mitunter umstrittenen Produktionen bekannt und mehrfach ausgezeichnet: Die von Alamode Film herausgegebene "Ulrich Seidl Edition" enthält sechs seiner Filme auf DVD.

Vom reinen Dokumentarfilmer wagte sich Seidl mit "Models" (1998) erstmals hin zum Spielfilm. Dennoch sind auch in diesem Fall die dokumentarischen Elemente nicht zu übersehen, so wurden die drei Hauptrollen mit echten Fotomodellen besetzt. Vivian (Vivian Bartsch), Lisa (Lisa Grossmann) und Tanja (Tanja Petrovsky) sind alle drei blond, laufen von Casting zu Casting, um ihre Model-Karriere endlich voranzutreiben, und sind auf der Suche nach der großen Liebe.

Der Traum vieler junger Mädchen von einer Karriere auf dem Laufsteg wird in diesem Film nachhaltig zerstört. Regisseur Ulrich Seidl beschränkt sich auf die Darstellung der Schattenseiten des Modeldaseins. Die drei Hauptdarstellerinnen tun alles, um ihre Karriere anzukurbeln: Sie martern ihren Körper, nehmen Drogen, übergeben sich und hetzen von einer Party zur nächsten. Tristesse und Paranoia, so weit das Drehbuch reicht.

Ulrich Seidls Arbeiten sind nie leicht verdaulich. Auch mit "Hundstage" (2000), einem skurrilen Episoden-Film mit bissigem Humor und schonungslosem Naturalismus, verschafft er seinem Publikum ein flaues Gefühl im Magen: Die Sonne brennt gnadenlos herab, und es ist drückend heiß - mitten in der Alltagshölle einer Wiener Stadtrandsiedlung kämpfen zwölf Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, mit der Hitze und ihre persönlichen Problemen. Hoffnungslosigkeit und eine depressive Grundstimmung ziehen sich durch dieses Werk des gnadenlosen Vermessers der menschlichen Abgründe in der österreichischen Wirklichkeit.

In "Import Export" (2007) erzählt Seidl in ungeschönten, teilweise brutalen Bildern die Geschichte der ukrainischen Krankenschwester Olga (Ekaterina Rak) und des Österreichers Paul (Paul Hofmann). Olga bricht nach einem erfolglosen Versuch, in der Internet-Porno-Branche das große Geld zu machen, nach Wien auf. Doch der Job als Putzfrau in einem Altersheim stellt keine Verbesserung dar. Paul, ein arbeitsloser Securitymann, schlägt den umgekehrten Weg ein. Mit seinem Stiefvater (Michael Thomas) verlässt er Wien, um in der Ukraine Spielautomaten aufzustellen. Was der Versuch ist, aus dem Elend in ein besseres Leben aufzubrechen, endet für die Drei in einer Sackgasse. Die Tristesse bleibt, der Überlebenswille allerdings auch. Und so kämpfen Olga und Paul trotz ständig wiederkehrender Enttäuschungen und Rückschläge ums Glück.

Was Seidl auszeichnet, ist der Humor, den er seinen Protagonisten immer zugesteht. Auch wenn er unglaublich schwarz ist, so hilft er doch, manche Ausweglosigkeit zu verkraften. "Ich will die Leute im Kino nicht nur unterhalten, sondern sie berühren, wenn nicht sogar verstören", sagt er über seine Filme, die immer eine erschreckend radikale Darstellung der heutigen Gesellschaft sind. 1996 drehte er mit "Tierische Liebe" einen seiner radikalsten Filme. Seidl beobachtete Menschen, die im technisierten Kommunikationszeitalter ohne menschliche Nähe auskommen müssen und sich Ersatz suchen bei ihren Haustieren. Die müssen alle Funktionen erfüllen, die sonst von Freunden, Verwandten und Partnern übernommen werden.

Die von Seidl Porträtierten leben am Rand der Gesellschaft oder kommen nicht mit ihr klar, wie "Der Busenfreund" (1997). In dem 60-minütigen Dokumentarfilm steht ein ehemaliger Mathematiklehrer im Mittelpunkt, der sich in die Wohnung seiner Mutter zurückgezogen hat. Ein Leben draußen gibt es für ihn nicht mehr, dafür eine Parallelwelt in seiner Fantasie: Mit Senta Berger als Lebenspartnerin, deren Brüste die "perfekte Fleischwerdung mathematischer Kurven" sind.

In "Mit Verlust ist zu rechnen" (1992) schließlich geht Seidl in das östereichisch-tschechische Grenzgebiet und erkundet die Träume und Absonderlichkeiten des Lebens. Das Wunderbare an Seidls Filmen ist, dass er seine Protagonisten nie bloßstellt: Hier beobachtet er einfach einen Witwer, der im Nachbarland auf Brautschau geht und die potenzielle Braut, die sich über das saubere Nachbarland wundert.

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