"Ich war alles und nichts" Dominic Raacke synchronisiert in "Drachenzähmen leicht gemacht" einen Wikingerhäuptling

Zwar wurde Dominic Raacke in Deuschland von acht Schauspielschulen abgelehnt, durfte dann aber am renommierten New Yorker Lee Strasberg Institute sein Handwerk lernen.
15.10.2010, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Christina Zimmermann

Zwar wurde Dominic Raacke in Deuschland von acht Schauspielschulen abgelehnt, durfte dann aber am renommierten New Yorker Lee Strasberg Institute sein Handwerk lernen.

Männern mit einer solchen Präsenz und Ausstrahlung begegnet man selten. Betritt der hochgewachsene Dominic Raacke den Raum, hat er ihn für sich. Die sonore Stimme des 51-Jährigen klingt gleichzeitig keck und beruhigend. Und genau auf die kam es erst kürzlich an: Der vor allem als Berliner "Tatort"-Kommissar Till Ritter bekannte Schauspieler und Drehbuchautor lieh sie in dem Animationsabenteuer "Drachenzähmen leicht gemacht" (2010) dem stoischen Wikingerhäuptling Haudrauf. Eine ehrenvolle Aufgabe, wie er im Interview bei nordischem Buffet verlauten ließ. Schmunzelnd stellte er dabei auch seine Theorie von "der Rache der Nerds" auf und erzählte von dem Kind, das immer noch in ihm steckt.

teleschau: Herr Raacke, könnten Sie nun tatsächlich einen Drachen zähmen?

Dominic Raacke: Nun, ich konnte ein bisschen was lernen. Man muss sich zunächst fragen: Was ist eigentlich ein Drache? Er ist ja nicht nur ein feuerspeiendes, sondern auch irgendwie ein einengendes Wesen. Manchmal denke ich so für mich, meine Eltern könnten Drachen gewesen sein. Die waren schon einengend und sind es teilweise immer noch. Man kann den Drachen bekämpfen, man kann draufschlagen. Aber das folgt nicht dem friedlichen Prinzip, das ich im Allgemeinen vorziehe. Deswegen muss man sich mit ihnen arrangieren.

teleschau: Wenn Sie sagen, ihre Eltern seien einengend gewesen - gab es auch Einschränkungen bei der Berufswahl? Sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter wählten künstlerische Berufe ...

Raacke: Ich wuchs vor allem kreativ auf. Mir war es zum Beispiel immer erlaubt, kleine Filme zu drehen, mich dabei in eigene Welten zu begeben, eigene Geschichten zu entwickeln. Ich durfte auch Comics lesen, was in anderen Familien verpönt war. Es war allerdings nicht immer einfach, weil es keine klare Ordnung wie in anderen Familien gab. Meine besten Freunde waren die Spießer. (lacht) Die bewunderte ich immer, sie hatten alle eine klare Orientierung. Bei uns war es eher ein bisschen verrückter.

teleschau: So wie der Film "Drachenzähmen leicht gemacht" ...

Raacke: Ich finde es wichtig und schön, dass mehr drin steckt, als nur ein kunterbuntes Spektakel mit Drachen, Kämpfen und Happy End. Vielmehr geht es um Familie, um einen Generationenkonflikt. Da ist ein Vater, dessen Sohn nicht ganz nach seiner Art geraten ist: Hicks ist kein großer, schwerer Drachenkämpfer, sondern ein kleiner schmächtiger Junge, der ein bisschen untalentiert ist. Haudrauf hätte lieber einen anderen Sohn. Ich glaube, dass genau dieses Thema heutzutage in Familien aktuell ist: Es gibt Eltern, die etwas von ihren Kindern erwarten, was diese aber gar nicht erfüllen können, weil sie eben anders drauf sind. Der Film ist eine schöne Parabel dafür, wie man auf interessante Qualitäten eines Kindes aufmerksam werden kann, die nicht unbedingt das sind, was man erwartet hätte.

teleschau: Jetzt durften Sie Ihre Qualitäten als Synchronsprecher unter Beweis stellen ...

Raacke: Einmal bei einem so riesen Schinken mitzumachen, war ein Kindheitstraum von mir. Diese Arbeit bereichert den Schauspielerberuf, ich kann eine ganz andere Seite zeigen.

teleschau: Welche denn?

Raacke: Für einen deutschen Synchronsprecher gibt es eine Vorgabe, nachdem schon jemand das Original gesprochen hat. Es gibt die emotionale Basis der Szene, und man ist in gewisser Weise eingeschränkt. Ich musste mich jeden Morgen erst einmal in die Figur und die Szene einarbeiten, mich ein bisschen aufpumpen. Das ging ziemlich gut, weil Haudrauf sehr viele physische Szenen hat. Die Kämpfe halfen mir, in die Stimmung der Figur zu kommen.

teleschau: Was war der größte Unterschied zur Verkörperung einer realen Figur?

Raacke: Bei einer realen Rolle kann ich mehr von meiner eigenen Interpretation einbringen. Im Vorfeld wird vieles gemeinsam erarbeitet, es gibt Gespräche mit dem Regisseur, wenn man Glück hat auch mit dem Autor. Bei der Synchronisation ist es so, dass die kreativen Arbeiten schon abgeschlossen sind. Deswegen ist hier die Herausforderung eher, das Bestehende neu zu füllen, jedoch ohne nur nachzuplappern. Ich konnte trotzdem ein bisschen Persönlichkeit einbringen.

teleschau: Wer fand eigentlich heraus, dass Sie ein guter Synchronsprecher sind?

Raacke: Gut, dass wir darauf zu sprechen kommen. (lacht) Es gibt professionelle Synchronsprecher, die stellen sich ans Mikrofon, gucken einmal kurz den Text an und sagen ihn auf. Die sprechen und das sitzt. Das finde ich super! Dann gibt es auch ein paar Schauspieler, die synchronisieren. Das ist aber ein großer Unterschied, denn wir sind längst nicht so gut. Im richtigen Moment ansetzen, ausatmen und dann sprechen - ich bewundere jeden, der das kann. Ich musste mich anstrengen, brauchte auch Unterstützung vom Regisseur. Ich glaube, ich machte das ganz ordentlich. Die würden mir jetzt nicht direkt sagen, dass ich mies war, aber ich bin sicher: Ich war schon schlechter.

teleschau: Wenn Sie synchronisiert werden müssten, wer würde Sie sprechen?

Raacke: Gute Frage (lacht). Am besten ich natürlich. Das mache ich auch öfter: Beim "Tatort" werden manche Szenen nachsynchronisiert, weil sie an der Autobahn gedreht wurden oder irgendwas nicht funktionierte. Das ist allerdings noch schwieriger, weil es von der Lippenbewegung her noch exakter sein muss.

teleschau: Sie sagten einmal, Sie hätten so viele unterschiedliche Dinge gemacht, dass Produzenten und Regisseure gar nicht wüssten, wofür Sie eigentlich stehen ...

Raacke: Diese Aussage bezieht sich vor allem auf die Zeit, bevor ich "Tatort"-Kommissar wurde. Durch den "Tatort" konnte ich mir ein Profil erarbeiten, eine Figur schaffen, die viele kennen. Kürzlich sagte mir jemand, es hätte noch nie einen Kommissar gegeben, der sich über die Zeit so verändert hat. Als Schauspieler möchte man so variabel und vielfältig gesehen werden.

teleschau: Müssen Sie sich als Schauspieler deswegen auch in bestimmte Schubladen einordnen lassen?

Raacke: Ich spielte dieses und jenes, war alles und nichts. Ich finde es gut, dass ich durch die Figur des Till Ritter eine klare Definition und Popularität bekam und dadurch auch andere Sachen machen darf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich "Drachenzähmen leicht gemacht" hätte synchronisieren dürfen, wenn ich nicht so ein Profil nach außen gehabt hätte. Das ist Fluch und Segen, das hat Vor- und Nachteile. Gut, der "Tatort" ist jetzt nicht der schlechteste Fluch. Im Grunde sind es einzelne Filme, es ist keine Massenabfertigung oder Dauerserie. Ich tauche immer mal wieder auf, bin aber nicht ständig da. Zwischendurch kann ich auch andere Sachen drehen. Damit bin ich sehr zufrieden.

teleschau: Sie schreiben auch eigene Drehbücher ...

Raacke: Ja, gerade schrieb ich zusammen mit Ralf Huettner den vierten Teil der "Musterknaben" fertig. Darin spielen Jürgen Tarrach und Oliver Korritke zwei Polizisten, die nicht ganz der Norm entsprechen. Aber sie schaffen es immer, die Fälle - die sie teilweise auch selbst verantworten - zu lösen. Das mache ich sehr gerne, weil das ein Arbeiten "from scratch" ist. Von Anfang an hast du die Möglichkeit, das zu erzählen, was dir auf der Seele liegt. Etwas, das mit den Menschen um dich herum zu tun hat. Ein schönes, kreatives Arbeiten, und ich bin wieder der kleine Dominic, der als Fünfjähriger seine Comics las oder "Raumschiff Enterprise" schaute und daraus Ideen entwickelte.

teleschau: Wie entwickeln Sie heute Ideen?

Raacke: Brainstorming. Das kann auch in Verzweiflung enden, wenn ich nicht mehr weiter komme. Aber eigentlich macht das Spaß. Es ist so, als hätte ich ein bisschen Knete in der Hand. Eine Idee bleibt liegen, wird aber irgendwann wieder aufgenommen. Danach kommt die Phase, in der ich merke, dass etwas funktioniert. Ab dann gehört auch Disziplin dazu, es wird professionell. Mein Kollege und ich müssen uns dann regelmäßig treffen, uns auch zwingen zu schreiben.

teleschau: Wie oft schreiben Sie dann?

Raacke: Eigentlich jeden Tag. Aber nicht ganz früh, elf Uhr ist eine gute Zeit zum Anfangen. Und am besten geht's, wenn man dabei kocht und gemütlich redet. Mir fällt es sehr schwer, alleine zu schreiben. In der ganz ursprünglichen Kreierphase bist du wie in einem geschützten Raum. Ich vergleiche das mit meiner Kindheit: Wir lebten in Ulm in einer Kreativ-Siedlung der Hochschule für Gestaltung. Die Lehrer wohnten in Bungalows nebeneinander, alle hatten viele Kinder. Und da gab es den Benjamin von nebenan. Nach dem Frühstück bin ich zu ihm rüber oder er kam zu mir und wir spielten. Das war eine herrliche Zeit! Das ist wie heute mit dem Schreiben: Man nimmt eine Kiste mit Bauklötzen, wirft sie um und fängt an zu gestalten. Man baut und macht und spielt rum.

teleschau: Also befinden Sie sich sozusagen auf einer großen Spielwiese?

Raacke: Wenn ich mir die Typen angucke, die "Drachenzähmen leicht gemacht" an ihren Computern entwarfen - die sind auch wie kleine Kinder. Ursprünglich sind die Leute mehr oder weniger Nerds, die Schwierigkeiten in der Schule und bei den Mädchen hatten. Mir ging es da ja nicht anders. Und sie entwickelten sich eine Strategie, ihrer Fantasie Ausdruck zu verleihen. Toll! Das machen uns die Amis immer vor, und es ist quasi die Rache der Nerds, dass sie immer wieder solche Filme präsentieren, dadurch Millionäre werden und die Allergrößten sind. Das sind Typen, die haben immer vor sich hingebröselt. Und bröseln immer noch vor sich hin. Ich hätte die gerne mal kennengelernt.

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