Wer einmal stirbt dem glaubt man nicht - Sa. 24.04. - ARD: 20.15 Uhr Wer einmal stirbt dem glaubt man nicht

Eine Liebe der bösartigen Art

Witwer Ulf (Heino Ferch) und Witwe Clara (Julia Koschitz) gründen eine Selbsthilfegruppe in Sachen Trauerarbeit. Ihre „verstorbenen“ Partner spuken allerdings noch reichlich lebendig in der Gegenwart herum. Bissige Komödie über Leben, Liebe und Tod von „Vorstadtweiber“-Erfinder Uli Brée.
19.04.2021, 19:30
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Eric Leimann
Eine Liebe der bösartigen Art

Witwer Ulf (Heino Ferch) und Witwe Clara (Julia Koschitz) kommen sich nahe, weil ihre beiden Ehepartner - ohne Leichenfund - verschwunden sind. Kann man über diese Form der Selbsthilfegruppe eine neue Liebe entdecken?

ARD Degeto / Torsten Jander

Eigentlich haben Clara (Julia Koschitz) und Ulf (Heino Ferch) nicht viel gemeinsam. Sie ist eine dauerverschnupfte - und daher seit Monaten berufsunfähige - Parfümeurin, die Kette raucht und gerne Bier trinkt. Er bevorzugt teure Rotweine und lebt ein aufgeräumtes, distinguiertes Leben in einem Hamburger Edelviertel nahe der Alster. Mit seinen Edelschnulzen hat sich der weltfremde Literat viel Geld und ein treues Fanpublikum erschrieben. Clara und Ulf lernen sich auf dem Amt kennen, wo beide versuchen, ihre vor drei Monaten entschwundenen Ehepartner für tot erklären zu lassen - um endlich Frieden zu finden. Ulfs Frau Anke (Sabine Waibel) wählte den Freitod im Meer, während Claras Mann Enno (Roman Kni?ka) während einer Bergtour in eine Gletscherspalte gefallen ist. So zumindest die von starken Indizien gestützte Abgangstheorie, zu der allerdings die Leichen fehlen.

Weil sowohl Ulf wie auch Clara beim unwilligen Amtsmann einen teilweisen Nervenzusammenbruch erleiden, lernen sie sich kennen und verbringen einen erfüllenden Tag miteinander. Es geht eben nichts über eine Selbsthilfegruppe, die gemeinsames Schicksal über das tiefe Verständnis für die Situation des oder der anderen lindern hilft. Aber ist da nicht noch mehr zwischen Ulf und Clara? Während die ungleichen Hinterbliebenen zarte Gefühle füreinander entdecken, die jedoch jederzeit schnell und zuverlässig wieder durcheinandergewirbelt werden können, kristallisiert sich heraus: Die Verstorbenen sind nicht nur zeitgleich von der Bildfläche verschwunden, die beiden haben sich offenbar sogar gekannt ...

Ex-Partner und enttäuschte Lebensflüchtige

Der deutsch-österreichische Autor Uli Brée hat für den Wiener „Tatort“ die grandiose Figur Bibi Fellner, gespielt von Adele Neuhauser, erfunden und zahlreiche Folgen für das Ösi-Ermittlerteam geschrieben. Auch für seine bissige ORF-Serie „Vorstadtweiber“ wurde der 1964 in Nordrhein-Westfalen geborene Wahl-Österreicher gefeiert. Brée erfindet besondere Geschichten, die zwar nicht unbedingt realistisch, dafür aber mit bissigen Wahrheiten unter dem XXL-Brennglas der schwarzen und sprachlich fein gedrechselten Liebes- und Gesellschaftskomödie daherkommen. Wer bei diesem Samstagabend-Spaß echt wirkende Figuren und ebensolche Dialoge erwartet, könnte enttäuscht werden. Alles, was das spielfreudige Liebes-Quartett aus geschundenen Ex-Partnern, Liebes-Neulingen mit Trauma und enttäuschten Lebensflüchtigen hier aufs filmische Parkett zaubert, ist stilisiert und in Sachen Humor reichlich überhöht.

Andererseits verhandeln die toll aufgelegte Julia Koschitz sowie Heino Ferch in seiner Paraderolle als verpeilter Dandy und arroganter Lebensträumer schon einige spannende Themen des intimen menschlichen Zusammenseins: Was macht Liebe aus? Was muss man tun, um sie zu finden oder zu erhalten? Und: Warum endet ein an sich mutiger Neubeginn im Leben auch mal als Desaster - und das in einer Filmkomödie, die solche Stoffe gern als Handlungsanweisung für ein glückliches Leben verkauft?

Klasse-Regisseur Dirk Kummer („Zuckersand“, „Warten aufn Bus“), der zuletzt mit der fantastischen „schwarzen“ Komödie „Herren“ ein Glanzstück in Sachen Diversität und beiläufigem Erzählen in der ARD-Primetime schuf, probiert sich hier an einer Samstagabend-Mainstream-Komödie jener Art, bei der das Leben der Protagonisten dem Zuschauer eher kodiert dargereicht wird, um Fragen rund um Leben, Liebe und Tod „in echt“ zu beantworten. Ob dies für den Zuschauer aufgeht, ist letztendlich eine Frage des persönlichen Humors und der präferierten Erzählweise. Eine gewisse Qualität hat das künstliche Narrenstück über seine verdrechselten Dialoge und guten Schauspieler allemal.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+