"We'll deutsch it up!" Gayle Tufts integriert Ausländer für ZDFneo bei "Deutschland für Einsteiger" (ab Dienstag, 30.11., 19.30 Uhr)

Gayle Tufts spricht über Berlin, ihre Freundschaft zu Thomas Hermanns und viel zu große Vögel.
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Von Sabine Metzger

Gayle Tufts spricht über Berlin, ihre Freundschaft zu Thomas Hermanns und viel zu große Vögel.

Viel zu tun für Gayle Tufts. Die Comedienne taucht in den nächsten Wochen gleich mehrmals im TV auf: Als Moderatorin der neuen ZDFneo-Dokureihe "Deutschland für Einsteiger" (sechs Folgen ab Dienstag, 30. November, jeweils 19.30 Uhr) hilft die US-Amerikanerin, die selbst vor 20 Jahren nach Deutschland kam, Neuankömmlingen aus dem Ausland durch den deutschen Alltag. Als Gast plaudert sie am Dienstag, 30.11., 23.00 Uhr, mit dem ZDF-Talker Markus Lanz. Und nebenher probt sie für ihre Show "Everybody's Showgirl" im Berliner Admiralspalast. Von dem ganzen Stress lässt sie sich aber nicht die Laune verderben. Am Rande der Dreharbeiten für "Deutschland für Einsteiger" freut sich die fidele Vielbeschäftigte auch über Kleinigkeiten wie eine herzhafte "Pumpkin Soup", die sie während des Gesprächs begeistert löffelt.

teleschau: Der Kürbis ist wohl ein Gemüse, auf das sich Amerikaner und Deutsche gut einigen können. Gibt es auch typisch amerikanisches Essen, das sie vermissen?

Gayle Tufts: Kaum. Wenn ich etwas vermisse, mache ich es meistens eben selbst, ich pflege meine eigenen Traditionen: Zu Thanksgiving gebe ich ein kleines Dinner, und ich bereite immer einen Kürbis für Halloween vor.

teleschau: Hier läuft es für Sie also genauso wie in den USA?

Tufts: Naja, nicht ganz. Was ich wirklich vermisse, ist gute Pute. Wenn man hier eine Pute kauft, ist sie so groß wie ein halbes Pferd! Eine Pute sollte nicht mehr wiegen als fünf Kilo. Und ich vermisse den Eintopf meiner Mutter. Egal, wie oft ich versuche, ihn zu kochen, er schmeckt nie wie bei meiner Mama. Das ist es wohl auch, was man am meisten vermisst: Weniger das Essen, viel mehr die Familie. Gute, alte Freunde, mit denen man über Witze aus der Schulzeit lachen kann. So etwas kann man nicht übersetzen. Und ich vermisse typische amerikanische Dinge wie Optimismus und Spontaneität. Aber so etwas muss man eben selbst machen.

teleschau: Wie reagierte eigentlich Ihre Familie, als Sie beschlossen, nach Deutschland auszuwandern?

Tufts: Im Grunde gingen sie immer nach dem Motto: "Whatever makes you happy" - Hauptsache, ich war glücklich. Aber vor 20 Jahren war das wirklich weit weg! Das erste Mal war ich sogar schon 1984 hier zu Besuch, das erste Mal arbeitete ich 1988 in Westberlin. Damals war das noch eine ganz andere Welt: Huch, du bist hinter dem Eisernen Vorhang! Zusätzlich waren meine Eltern während des Zweiten Weltkriegs noch Kinder. Deren Bild von Deutschland war ein schwarz-weißer Nachrichtenfilm mit Nazis und Hitler. Vielleicht auch noch mit dem Kalten Krieg, aber das war natürlich auch nicht besser: Oh nein, so nah an Russland!

teleschau: Hat sich die Haltung inzwischen geändert?

Tufts: Ja, heute ist das ganz anders. Meine Eltern leben leider nicht mehr, aber meine Geschwister und deren Kinder finden es total cool, dass ich im Land von Knut, Heidi Klum, Tokio Hotel und der Frauenfußballnationalmannschaft lebe.

teleschau: Der Kontakt in die Heimat ist also noch gut?

Tufts: Oh ja, sehr. Obwohl meine Familie immer sagt, ich sei sehr deutsch geworden. Ich bin jetzt immer besser vorbereitet als früher. Ich möchte meinen Boarding Pass immer schon zwei Tage früher haben, möchte einen Reiseplan und alle Adressen im Voraus. Vielleicht heißt das ja auch nur, dass ich aus einer chaotischen Familie komme. (lacht) Und mein Englisch ist wirklich schlecht geworden, ich sage immer "Tja" - die haben alle Angst vor mir.

teleschau: Warum sind Sie damals nach Deutschland gekommen - wegen der Arbeit oder der Liebe?

Tufts: Zuerst kam die Arbeit. Ich war sehr happy an meinem Theater in New York, aber dann bekam ich durch Kollegen die Chance, mit einer Tanztheaterkompanie nach Westberlin zu kommen. Ich wollte etwas Neues lernen, auch eine neue Sprache. Nach dem Mauerfall bekam ich einen Zweijahresvertrag. Das habe ich gerne gemacht - und 20 Jahre später sitze ich immer noch hier. (lacht)

teleschau: Ist die Arbeit als Künstler hier angenehmer?

Tufts: Ein bisschen gepflegter. Wenn man in Amerika im Taxi sitzt, fragt der Fahrer oft: "Was machen Sie beruflich?" Wenn ich sagen würde: "Ich bin Entertainerin", käme sofort die Frage: "Und was machen Sie wirklich? Womit verdienen Sie Ihr Geld?" Man nimmt es nicht so ernst dort. Hier kann ich sagen, ich bin beim Staatstheater. Dieses System gibt es in den USA überhaupt nicht! In den sehr großen Großstädten gibt es natürlich auch große Bühnen, aber schon eine Stadt von der Größe Augsburgs hat normalerweise kein eigenes Theater, nicht einmal ein privates. Kultur hat eine ganz andere Bedeutung.

teleschau: Aber das ist ja nicht nur in Deutschland so ...

Tufts: Stimmt, eigentlich geht das Ganze zurück in meine Zeit an der Uni. Eine meiner Dozentinnen war ein großer Deutschlandfan, sie hatte bei Peter Stein als Praktikantin gearbeitet. Bei ihr lernte ich Stein, Kresnik und Fassbinder kennen, dazu noch ein bisschen Schiller und Goethe. Das gehört nicht zur normalen Ausbildung in den Staaten, und das war mein erster Schritt in Richtung Deutschland. Dadurch und durch die Verbindungen dieser Dozentin kam ich eben nach Berlin. Das klingt ein bisschen zufällig, aber nach 20 Jahren hier denke ich, es gibt keinen Zufall.

teleschau: Inwiefern?

Tufts: Ich musste mich nicht nur als Künstler weiterentwickeln, sondern auch als Mensch. Ich war 13 Jahre lang in New York und musste erst mal ein bisschen runterkommen. Länger über etwas nachzudenken oder gar mal eine Nacht über etwas schlafen - das war für mich als Amerikanerin erst einmal fremd. Das hat mich sehr bereichert. (lacht) Ich hoffe, ich bin ein besserer Mensch geworden! Außerdem wollte ich außerhalb meines normalen Kontextes leben. In meiner Familie war ich die Tochter, bei meinen Freunden die Witzige ... in unserem gewohnten Umfeld wissen wir, wer wir sind. Und für mich war es wichtig, meine Identität nicht unbedingt neu zu erfinden, aber neu zu definieren. Wer bin ich zum Beispiel, wenn ich meine Sprache nicht mehr habe? Ich kam hierher, ohne ein Wort Deutsch zu können.

teleschau: Mutig. Aber wie hat das bei der Arbeit funktioniert?

Tufts: Es war ja ein Tanztheater, das lief ohne Worte. Ich habe gesungen, aber Musik ist auch eine universelle Sprache. Darum habe ich mir auch gar keine großen Sorgen gemacht. Zum Einen dachte ich ja, ich bleibe nur zwei Jahre. Zum Anderen wollten damals alle Englisch mit mir sprechen.

teleschau: Als US-Amerikanerin war man in Westberlin sicherlich hoch angesehen ...

Tufts: Damals ja. Das hat sich geändert. Spätestens seit Bush war es nicht mehr so cool, Amerikaner zu sein.

teleschau: Wie wurden aus dem Zweijahresvertrag letztlich 20 Jahre?

Tufts: Ich habe eine Marktlücke gesehen. Ich sang und machte Comedy, und damals fing Stand-up-Comedy in Deutschland gerade erst an. Es gab kaum Entertainerinnen; Anke Engelke, Ina Müller oder Barbara Schöneberger waren noch keine bekannten Namen. Außerdem fiel in diese Zeit ja auch der Start des Kabelfernsehens.

teleschau: Vor allem ProSieben half Ihnen in Ihrer Karriere ...

Tufts: Thomas Hermanns ist ein lieber Freund von mir, den ich schon an der Uni kennenlernte. Er fing an mit dem Quatsch Comedy Club und fragte mich, ob ich nicht mitmachen wollte. Ich sagte ihm, dass ich kein Deutsch kann, und er antwortete: "Egal. Das lernst du so auswendig, wie du Musik lernst." Ich machte damals schon Programme, und die Comedy zwischen den Songs war Englisch mit ein paar deutschen Worten gespickt. Er sagte: "We'll deutsch it up!" So sprach ich eben Deutsch mit ein paar englischen Worten. Und schwuppsdiwupps waren fünf Jahre vorbei. Danach folgte Engagement auf Engagement, ich lernte meinen Mann kennen ... und außerdem bin ich gerne in Berlin! Ich liebe diese Stadt, sie war so gut zu mir. Hier bin ich zu Hause.

teleschau: Allerdings hat sich hier in den letzten Jahren sehr viel verändert ...

Tufts: Und wie! Als ich nach Berlin kam, herrschte dort dieser Gedanke: Wenn die Bomben fallen, dann fallen sie hier zuerst. Es war wirklich ein Tanz auf dem Vulkan. Nach dem Mauerfall war die Stadt plötzlich zweimal so groß, mit drei großen Opernhäusern, zwei Zoos, mehreren Theatern. Eine tolle Zeit: Ich war mit meinen 30 Jahren in Aufbruchstimmung, die Stadt war in Aufbruchstimmung - ein Neustart für uns beide.

teleschau: Und inzwischen?

Tufts: Heute ist diese Mentalität weg. Dafür ist Berlin eine echte Trendstadt geworden. Ich muss aber zugeben, dass ich nur selten in die Trendviertel wie den Prenzlauer Berg gehe. Das ist ein bisschen zu hip und trendy für mich - ich fühle mich immer, als sei ich 200 Jahre alt! (lacht) Aber das schönste ist: Trotz Trendstadt, trotz Regierungssitz, trotz Mediensitz, trotz Mode und Kultur - es gibt immer das ganz bodenständige Berlin. Berlin kommt immer durch. Im 20. Jahrhundert hat diese Stadt alles durchgemacht: Kriege, das Dritte Reich, Mauer up, Mauer down, und Berlin geht einfach durch. Außerdem gibt es sehr viele grüne Ecken hier, sehr viel Natur.

teleschau: Sind Sie ein Naturbursche?

Tufts: Geworden, ja. Ich glaube, das ist etwas, das Deutschland mir gegeben hat. In New York hatte ich kein Interesse an einem Wochenende auf dem Land, da habe ich meine Zeit lieber im Theater verbracht. Aber in den letzten Jahren, und erst recht durch den Dreh von "Deutschland für Einsteiger", hat sich das geändert; wir waren unter anderem an der Nordsee und in einem nordhessischen Wald. Ich habe so viele schöne Ecken entdeckt! All diese Orte, wo Japaner sind, lohnen sich wirklich!

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