"Wir verlieben uns alle in euch!" Gayle Tufts und ZDFneo geben bei "Deutschland für Einsteiger" (ab Dienstag, 30.11., 19.30 Uhr) einen ungewöhnlichen Integrationskurs

Bei ZDFneo starten immer wieder ambitionierte Projekte. So auch die Dokureihe "Deutschland für Einsteiger" (ab Dienstag, 30.11., 19.30 Uhr). Beim Drehtermin war vieles zu erfahren über die angebliche deutsche Mentalität und die tatsächliche, über Geduld mit Rentnern und über die Liebe.
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Von Sabine Metzger

Bei ZDFneo starten immer wieder ambitionierte Projekte. So auch die Dokureihe "Deutschland für Einsteiger" (ab Dienstag, 30.11., 19.30 Uhr). Beim Drehtermin war vieles zu erfahren über die angebliche deutsche Mentalität und die tatsächliche, über Geduld mit Rentnern und über die Liebe.

Den Grundkurs Bayerisch hat er schon mal bestanden: Mit einem herzlichen "Servus!" begrüßt der Inder Vijay die Mitglieder des Filmteams, die an einem kühlen Herbstmorgen an der Augsburger Fuggerei ihr Equipment aufbauen. Vijay soll hier etwas über Jakob Fugger als den Prototyp des bayerischen Schwaben lernen. Diese etwas eigene Lektion ist Teil eines etwas eigenen Integrationskurses: Die Entertainerin Gayle Tufts moderiert für ZDFneo die Doku-Reihe "Deutschland für Einsteiger". Der junge Ableger des ZDF zeigt sechs Folgen ab Dienstag, 30.11., jeweils um 19.30 Uhr.

Die Kandidaten der Sendung kommen aus Kamerun, Indonesien, den USA, Brasilien, der Ukraine und eben Indien. Moderatorin Tufts, selbst vor rund 20 Jahren aus den USA nach Deutschland eingewandert, vermittelt den Neulingen erste Berufskontakte, begleitet sie auch mal aufs Amt oder wundert sich gemeinsam mit ihnen über deutsche Eigenheiten. Natürlich geht es in der Sendung auch um Integration, aber mit der Sarrazin-Debatte hat das Format recht wenig zu tun, erklärt Realisator Andreas Pützer: "Es ist nicht allzu politisch. Lieber wollten wir Integration positiv darstellen und schauen, wie das so funktioniert."

Bei "Deutschland für Einsteiger" steht außerdem nicht nur der Einsteiger, sondern vor allem Deutschland selbst im Fokus. "Wir sitzen ja die ganze Zeit in unserer eigenen Brühe, wir sehen uns selbst nicht mehr", meint Pützer. Durch die Augen der Protagonisten aus dem Ausland erscheinen manche deutschen Selbstverständlichkeiten eben doch eher absonderlich. Tom aus Kamerun zum Beispiel stolpert schon bei dem einfachen Versuch, in Köln ein bisschen Straßenmusik zu machen, über die deutsche Regulationswut.

Allerdings ist vieles, was hierzulande als "typisch deutsch" gilt, für Beobachter aus fremden Ländern überhaupt nicht so - und umgekehrt. Moderatorin Gayle Tufts erklärt am Rande der Dreharbeiten: "Die Deutschen haben ein sehr strenges Selbstbild. Ich empfinde das aber nicht wirklich so, immerhin sind die Deutschen sehr gastfreundlich. Natürlich gibt es ein paar Dinge, denen jeder zustimmen kann: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Effizienz. Aber wir im Ausland denken außerdem oft noch an Intelligenz. Das ist etwas, was die Deutschen, die ich kenne, nie sagen würden."

Außerdem würden sich wohl die wenigsten Deutschen für amouröse Magneten halten. Auch da widerspricht Tufts mit einem Augenzwinkern: "Alle unsere Kandidaten hier und die meisten meiner Freunde und Kollegen aus dem Ausland sind wegen der Liebe gekommen. Ihr Deutschen reist durch die ganze Welt, und wir verlieben uns alle in euch!"

Genau andersherum war es bei Vijay und seiner Frau Tina. Die Geschichte der beiden klingt fast wie aus einem Märchen - oder wenigstens aus einem Frauenroman: Der Yogalehrer und Ayurveda-Profi Vijay lernte auf einer Europareise eine Freundin Tinas kennen. Diese Freundin war der Meinung, die beiden seien füreinander bestimmt.

Tina war skeptisch, immerhin hatte sie ihren angeblichen Traummann noch nie gesehen. Aber schließlich gab sie ihrer Freundin die Erlaubnis, ihre E-Mail-Adresse weiterzugeben - "obwohl das gar nicht zu mir passt", wie sie sagt. Nach einigen Wochen nahmen die beiden E-Mail-Kontakt auf - zufällig am gleichen Tag. Zumindest die elektronische Chemie stimmte auch sofort, die beiden schrieben sich bis zu 20-mal am Tag. Als sie sich schließlich am 1. Januar 2009 zum ersten Mal sahen, hielt Vijay sofort um ihre Hand an. "Ich bin schnell!", kommentiert Vijay mit einem breiten Lachen. Und Tina ergänzt: "Ich hab ja auch sofort ja gesagt."

Genauso rasant ging es weiter: Im März 2009 heirateten die beiden. Auf sein Visum musste Vijay dann sechs lange Monate warten, doch sobald er es hatte, zog er sofort zu Tina nach Augsburg, obwohl er seine in Indien anerkannten Ayurveda-Techniken hier allenfalls als "Wellness-Massagen" anbieten darf. Ein kleines Opfer für die große Liebe, findet er. Außerdem kann er in Deutschland seiner zweiten großen Liebe nachgehen: dem Fußball. Den mochte er sogar schon, bevor er Tina kannte. "In Indien ist Fußball leider überhaupt nicht populär", erzählt Vijay, der trotzdem früher gerne selbst auf den Bolzplatz ging. Jetzt ist er glühender Anhänger des FC Augsburg. Dass er im Rahmen der Dreharbeiten auch einen Spieler des Vereins kennenlernen durfte, war ein besonderes Schmankerl für ihn.

Fast ebenso gut gelaunt zeigt sich Vijay bei der Führung durch die Fuggerei - und steht damit beinahe allein: Der gestrige Tag war für die anderen Beteiligten sehr lang. Das zeigt sich auch bei Realisator Pützer, der durch die ständigen Unterbrechungen der Dreharbeiten allmählich die Geduld verliert: In der Fuggerei leben viele alte Menschen, die regelmäßig im Schneckentempo durch den Bildhintergrund kriechen. "Sind denn heute echt alle auf der Straße?", fragt er verzweifelt. Seine Moderatorin Tufts nimmt's gelassen und vertreibt sich die Zeit, indem sie die Regieanweisungen auch mal einsingt: "Eine Supertotale von hiiinnnteeen!" Ebenso lässt Vijay geduldig auch die dritte Einstellung ein- und derselben Szene über sich ergehen. Die Geduld eines Yogi macht sich eben nicht nur im Umgang mit deutschen Behörden bezahlt, sondern auch mit deutschen Rentnern.

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