"Die Liebe hat viele Facetten" Hannah Herzsprung spielt in "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen", der nun auf DVD erscheint

Hannah Herzsprung ist in Margarete von Trottas "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" nicht nur für die Titelheldin eine Inspiration.
01.05.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas Fischer

Hannah Herzsprung ist in Margarete von Trottas "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" nicht nur für die Titelheldin eine Inspiration.

Sie funktioniere "wie ein Trichter", sagt Hannah Herzsprung. Für ihre Rollen sammelt die Schauspielerin so viele Informationen wie möglich, der Input sickere durch ihren Körper - und lässt die 28-Jährige zu einem Orkan werden. Für ihr Kinodebüt "Vier Minuten" (2006) lernte sie Klavier spielen und Kickboxen, ihre Leistung ließ Kritiker und Preisjurys in Euphorie ausbrechen. Herzsprung, eine zierliche junge Frau, bringt eine unglaubliche physische Präsenz auf die Leinwand, was sie in "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" (2009) vor einer halben Million Kinozuschauern erneut unter Beweis stellt. Margarete von Trottas Historienfilm erscheint nun auf DVD.

teleschau: Eine große deutsche Boulevardzeitung schrieb: "Vorsicht Hollywood, hier kommt Hannah Herzsprung!" Keira Knightley und Co. könnten schon einmal einpacken ...

Hannah Herzsprung: Echt, das haben die geschrieben?

teleschau: Ja. Und ein bisschen Hollywood-Luft haben Sie ja schon geschnuppert ...

Herzsprung: Ich hatte eine kleine, schöne Rolle in "Der Vorleser" ...

teleschau: Beruflich reizt es Sie nicht?

Herzsprung: Wenn mir ein interessantes Drehbuch geschickt werden würde und ich die Rolle bekommen würde, würde ich sicherlich nicht nein sagen. Aber ich kann in Deutschland so tolle Filme drehen, warum sollte ich hier alle Zelte abbrechen? Außerdem gibt es viele Ko-Produktionen, wie eben "Der Vorleser", durch die sich einige Möglichkeiten eröffnen, zu schauen, wie solche großen Produktionen funktionieren. Und ganz ehrlich: Der Fuhrpark und die Sets sind vielleicht größer. Aber beim Drehen ist nichts anders, das Spielen bleibt gleich. Trotzdem war ich aufgeregt, weil ich den Regisseur Stephen Daldry und Schauspieler Ralph Fiennes sehr schätze.

teleschau: Eine Frage der Gewöhnung?

Herzsprung: Nein, nein. Ich gewöhne mich wohl nie daran und bin immer ein wenig aufgeregt, weil ich mich vor Drehbeginn mit meiner Rolle intensiv auseinandersetze. Ich studiere diese Person regelrecht, übe und übe und übe. Und am ersten Drehtag wird auf einmal mit Kostüm, Setting und Partnern alles real. Das ist dann jedesmal ein spannender Moment.

teleschau: Nach dem Film "Vier Minuten" im Jahr 2006, für den Sie euphorisch gefeiert wurden, gab es eine Menge Wirbel und Presserummel um Sie. Wie schwierig war es, sich davon nicht beeindrucken zu lassen?

Herzsprung: Das war auf jeden Fall eine Lebensrolle, etwas Einzigartiges. So ein Drehbuch bekommt man nicht jeden Tag zugeschickt. Und das gleich für die erste große Kinorolle. Es wurde immer die Frage gestellt, ob ich mich selbst unter Druck setze, oder mich unter Druck setzen lasse, weil es schwierig sei, daran anzuknüpfen.

teleschau: Und finden Sie es schwierig?

Herzsprung: Natürlich habe ich hohe Erwartungen. Ich will schließlich gut sein, in dem was ich tue, wie wohl jeder in seinem Beruf. Dadurch baut sich auch eine Art von Druck auf. Aber ich versuche nicht, diesen Erfolg zu kopieren, das ist schlicht unmöglich. "Vier Minuten" und meine Rolle der Jenny gab es nur einmal. Für mich ist "Vier Minuten" ein wahnsinnig toller Film, auf den ich unheimlich stolz bin.

teleschau: Sie bereiten sich immer sehr intensiv auf Ihre Rollen vor, wie haben Sie Richardis von Stade, die Sie in "Vision" spielen, studiert? Immerhin ist diese Frau seit 1.000 Jahren tot.

Herzsprung: Bei Richardis von Stade war es natürlich wahnsinnig schwierig. Wirklich viele Informationen gab es über sie nicht. Ich versuchte einfach, mich mit Hilfe von Büchern in ihre Zeit hineinzuversetzen und mit Bildern. Was mir generell hilft.

teleschau: Richardis ein wahres Energiebündel, wie kamen Sie denn darauf?

Herzsprung: Das ist aus Erzählungen überliefert, ob das stimmt, weiß ich natürlich nicht. Ich wäre ihr aber gern begegnet, nicht nur, damit sie mich coacht (lacht). Das übernahm eben Regisseurin Margarete von Trotta, die eine genaue Vorstellung von der Rolle hatte und mir sehr half. Das begann schon beim Drehbuch, aus dem die Energie der Figur förmlich rauszulesen war.

teleschau: In dieser Rolle steckt auch die große Tragik einer scheiternden Liebesgeschichte ...

Herzsprung: Absolut, ja. Es gibt eine große Anziehung zwischen Richardis und Hildegard von Bingen.

teleschau: Gab es keine Befürchtungen, dass die Kirche deswegen auf die Barrikaden geht?

Herzsprung: Die Liebe hat viele Facetten. Ich glaube nicht, dass es in dem Fall irgendwelche Komplikationen gibt, auch wenn es eine gewisse Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen ist. Man kann auch seine beste Freundin lieben, oder die Mutter, die Schwester. So ist die Geschichte auch zwischen den beiden angelegt, eben als mütterliche und freundschaftliche Liebe.

teleschau: Was wussten Sie vor dem Film von Hildegard von Bingen?

Herzsprung: Der Name ist natürlich präsent gewesen, aber intensiv beschäftigt hatte ich mich mit ihr vor dem Film nicht. Ich kannte sie im Zusammenhang mit Medizin und Heilkunst. Sie war eine Frau, die sich traute, entgegen jeglicher Widerstände, Dinge anzustoßen und umzusetzen.

teleschau: Im Prinzip eine tausendjährige Emanzipationsgeschichte?

Herzsprung: Ich glaube nicht, dass mit ihr die Emanzipation begonnen hat, aber sie war auf jeden Fall eine starke Frau, die es schaffte, ihre Vorstellungen zu verwirklichen und sich in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen.

teleschau: Was auch heute noch nicht selbstverständlich ist ...

Herzsprung: Das ist richtig. Aber wenn man als Frau stark bleibt, einen starken Willen hat und handelt, anstatt zu reden, dann sollte das eigentlich kein Problem mehr sein. Dinge wollen umgesetzt werden und nicht nur benannt. Ich glaube fest an den Spruch: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg." Das ist ein Leitfaden, der einen immer begleiten sollte. Aber ich sehe "Vision" nicht als Statement. Es ist ein Film über eine starke Persönlichkeit, der mich mit auf eine Reise in eine andere Zeit nimmt.

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