"Wie mit einem Baby"

J. J. Abrams schuf "Fringe" (montags, 20.15 Uhr, ProSieben) und "Lost" (die letzte Staffel läuft derzeit bei Sky, US-Serien-Finale: 23. Mai)

J. J. Abrams philosophiert über Antworten, Vertrauen und das Ende von "Lost".
23.04.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ute Nardenbach

J. J. Abrams philosophiert über Antworten, Vertrauen und das Ende von "Lost".

Er hat "Lost" geschaffen, "Fringe" und "Alias". Zuletzt verjüngte er "Star Trek". Keine Frage, für viele Film- und noch mehr Fernsehfreunde ist J. J. Abrams eine Art Lichtgestalt. Der 43-jährige Film- und Fernsehproduzent, Drehbuchautor, Komponist und Regisseur scheint aber ganz auf dem Boden geblieben zu sein. Beim Interviewtermin in Los Angeles schüttelt er erst mal fleißig allen Anwesenden die Hände und ist auch sonst bestens aufgelegt - obwohl Wochenende ist und er sich dann, statt zu arbeiten, lieber um seine Kinder kümmert. Doch es gibt Wichtiges zu besprechen. Etwa, was sich seine Fans am meisten wünschen: Unterhaltung oder Antworten.

teleschau: Serien wie "Lost" haben das Fernsehen verändert. Welche Sendungen haben Sie in Ihrer Jugend geprägt?

J. J. Abrams: Ich liebte "Twilight Zone". Diese Serie hat mich wahrscheinlich am meisten beeinflusst. Sie hat meinen Horizont erweitert. Man wusste nie, was passieren würde. Es gab unendlich viele Möglichkeiten. Das war nicht nur eine Serie, das waren hunderte. Sie spielte an einem fantastischen Science-Fiction-Ort - wie heute auch "Fringe".

teleschau: Das ist allerdings ein sehr unheimlicher Ort ...

Abrams: Ja, dort passieren sehr oft wilde und verrückte Dinge, die dunkel und verstörend sind, aber es gibt dort auch sehr viel Optimismus und Hoffnung - etwa in "Fringe" durch die Vater-Sohn-Dynamik oder die Beziehung zwischen Olivia und Peter. Außerdem leben wir alle in einer Science-Fiction-Welt ...

teleschau: Inwiefern?

Abrams: Es ist schon erstaunlich, wie oft wir von einer Geschichte in der Zeitung oder im Internet lesen, die weitaus seltsamer ist als das, woran wir gerade für "Fringe" arbeiten.

teleschau: Und lassen Sie sich dann davon inspirieren?

Abrams: Nun, wir schicken einander ständig Artikel zu. Welcher Test wurde gerade gemacht? Welches Organ wurde gerade im Labor gezüchtet? Wir suchen uns die Ideen raus, die uns gefallen, und tun uns dann mit Forschern zusammen.

teleschau: Ihre mitunter sehr skurrilen "Grenzfälle des FBI" basieren aber nicht alle auf wissenschaftlichen Erkenntnissen?

Abrams: Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Als wir an der Agenten-Serie "Alias" arbeiteten, hatten wir einen Berater von der CIA. Jede Woche richteten wir spezielle Fragen an ihn, und er sagte immer: "Darüber darf ich nicht sprechen!" Schließlich bedankten wir uns und teilten ihm mit, dass wir seine Hilfe nicht länger benötigten. Wir erkannten, dass wir uns besser irgendetwas einfallen lassen, das uns gefällt.

teleschau: Das Mysterium an sich steht im Mittelpunkt. Nicht das, was dahintersteckt ...

Abrams: Ja, wir alle wollen durch Film und Fernsehen an außergewöhnliche Orte gebracht werden und unglaubliche Dinge erleben. Und manchmal ist das Wissen, dass es eine Antwort gibt, wichtiger, als die Antwort zu kennen. Bei Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" erklärt jemand Cary Grant, was es mit einem Mikrofilm auf sich hat und warum er so bedeutend ist. Der Zuschauer versteht aber nichts von dem Gespräch, weil die Männer an einem Flugzeug vorbeilaufen. Das macht aber nichts. Scheißegal! Wir wissen, er erklärt es ihm. Für uns zählt nur, wie spannend der Film ist. Und außerdem: Wissenschaftliche Antworten sind sowieso viel zu kompliziert, als dass sie jemand verstehen würde.

teleschau: Aber die Fans von "Lost" oder "Fringe" wollen sicher ein paar logische Antworten auf all ihre Fragen ...

Abrams: Sie wollen es, und sie wollen es nicht. Das, was sie sich am meisten wünschen, ist aber, unterhalten zu werden und zu wissen, dass das Ganze am Ende nicht sinnlos war. Manchmal denkt man, Antworten sind Erklärungen, Informationen. Aber ich glaube, Antworten bedeuten auch die emotionale Zufriedenheit damit, dass alles eine innere Logik hat - wie auch immer die inhaltlich aussieht.

teleschau: Das Ende von "Lost" ist abzusehen ...

Abrams: ... und es wird die Fans zufriedenstellen.

teleschau: Endet die Serie so, wie Sie es sich am Anfang vorgestellt hatten?

Abrams: Die Autoren Damon Lindelof und Carlton Cuse leisten hervorragende Abeit. Aber ganz am Anfang weiß man nie, wie sich etwas entwickeln wird. Das ist wie mit einem Baby. Es ist lebhaft, es fängt früh an zu laufen - also wird es bestimmt mal ein Läufer. Dann ist das Kind zehn und liebt es, Gitarre zu spielen. Gut, es wird ein Musiker. Aber was macht es mit elf Jahren? Es gibt einen ständigen Dialog zwischen dir und der Serie. Man weiß nie alles. Man muss Vertrauen haben. So macht es auch Stephen King.

teleschau: Er weiß nicht, wie seine Bücher enden werden?

Abrams: Nein, er hat mir verraten, wenn er mit dem Schreiben anfängt, hat er nur eine Idee. Er weiß nicht, wie seine Geschichten enden, aber er weiß, dass ein gutes Ende in ihnen steckt. Er hat Vertrauen.

teleschau: Macht Sie das Ende von "Lost" auch etwas traurig?

Abrams: Ein bisschen bricht es mir schon das Herz. Aber nun endet die Serie zumindest nicht zwei Jahre, nachdem sie besser hätte enden sollen. Dann wäre die Luft raus gewesen. Mit einem fixen Endpunkt wissen Damon und Carlton, welches Tempo sie gehen müssen. Für eine bestimmte Art von Serien ist es sehr gut, ein festgelegtes End-Datum zu haben. Damit meine ich nicht typische Crime-Serien. Die könnten für immer weitergehen.

teleschau: Aber "Fringe" müsste über kurz oder lang auf ein Ende zulaufen ...

Abrams: Ja, davon würde "Fringe" profitieren. Es ist nicht so, dass ich im Moment unbedingt wissen möchte, wann die Serie aufhört. Aber der rote Faden von "Fringe", der Spannungsbogen, ist die Geschichte der Hauptcharaktere. Wenn man weiß, die Serie endet nach X Staffeln, kennt man den Rhythmus und das Tempo, den Anfang, die Mitte und das Ende. Das ist gut.

teleschau: Denken Sie auch mal nicht an die Arbeit?

Abrams: Am Wochenende arbeite ich nicht. Außer heute - und darüber waren meine Kinder gar nicht begeistert. Ich bringe sie jeden Morgen in die Schule und jeden Abend ins Bett. Es ist so: Wenn ich arbeite, dann arbeite ich einfach viel.

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