Cannes - das Festival der unbegrenzten Möglichkeiten Kino burlesk

Beim 63. Filmfestival in Cannes (12. bis 23.05.) werden neue Welten entdeckt.
14.05.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Diemuth Schmidt

Beim 63. Filmfestival in Cannes (12. bis 23.05.) werden neue Welten entdeckt.

Beim 63. Filmfestival in Cannes scheint alles möglich - neue Wettbewerbsbeiträge wie der nachnominierte "Route Irish" von Ken Loach tauchen plötzlich aus dem Nichts auf und Werke, die eigentlich schon in der Nebenreihe "Un Certain Regard" untergebracht waren, wie "Chongqing Blues" von Wang Xiaoshuai, konkurrieren nun auch um die Goldene Palme. Eine wundersame Festival-Welt, in der Tim Burton den Jury-Vorsitz hat. Mit "Mein Glück" von Sergei Loznitsa, einem in Deutschland lebenden und aus der Ukraine stammenden Dokumentarfilmer, der sein vielversprechendes Spielfilmdebüt abliefert, mischt ein Werk mit deutscher Co-Produktion im Geschehen mit. Zum zweiten Mal präsent ist Christoph Hochhäusler. Sein Film "Unter Dir die Stadt" (Kinostart: 21.10.) mit Nicolette Krebitz wird in "Un Certain Regard" gezeigt, sein Name prangt prominent platziert in einer Aufzählung an internationalen Regisseuren über dem Palais du Festival und den Marches. Ein gutes Omen für die Zukunft des deutschen Kinos in Cannes? Ein Blick auf die ersten Beiträge ...

Von den Filmen, die sich in diesem Jahr zur Beurteilung stellen, erhofft sich Tim Burton einiges. Im besten Fall sollen sie ihn und seine Jury intellektuell und emotional berühren, überraschen und mehr von der Welt zeigen. International genug ist die Auswahl auf jeden Fall, und um neue Welten kennen zu lernen, muss man ja nicht immer in die Ferne schweifen. Filme wie "Tournée" (noch ohne Starttermin in Deutschland), der den Wettbewerb am Donnerstag eröffnete, erweitern auf jeden Fall den Blick.

Der Franzose Mathieu Amalric kehrt damit zurück auf den Regiestuhl. Seine Karriere als Schauspieler lässt sich als glänzend bezeichnen: anspruchsvolles Kino mit einer herausfordernden Rolle als blinzelnder Schwerbeschädigter in "Schmetterling und Taucherglocke" und Hollywood-Meriten als Bösewicht im letzten Bond-Abenteuer. Jetzt rockte er in Cannes die Leinwand samt rotem Teppich mit einer frivolen Damen-Truppe jenseits klassischer Schönheitsideale.

"Tournée" feiert die "New Burlesque" und damit ein Phänomen, das sich von Amerika aus auch nach Europa ausgebreitet hat. Die Darstellerinnen nennen sich Kitten On The Keys, Mimi Le Meaux oder Dirty Martini und zeigen im Film das, was sie auch auf der Bühne im wirklichen Leben machen - sich verkleiden, inszenieren und kunstvoll ausziehen. Amalric spielt selbst den verkrachten Ex-TV-Produzenten Joachim, der die Truppe zusammengestellt und aus den USA nach Frankreich gebracht hat. Die erfolgreiche Tournee führt durch die Provinz - doch Paris steht wie ein großes noch nicht eingelöstes Versprechen zwischen dem psychisch labilen Manager und den Frauen, deren Selbstbewusstsein unerschütterlich zu sein scheint. Der Film feiert die Exzentrik, die Freiheit und den weiblichen Körper in all seinen Facetten - von Frauen für Frauen. Als dokumentarischer Blick hinter die Kulissen der Burleske-Szene funktioniert das wunderbar. Doch den Amateurinnen vor der Kamera gelingt es nicht, wenn sie die Bühne verlassen, den Zuschauer auch in ihrer Rolle in Bann zu ziehen und zu berühren.

Aus China hat es in diesem Jahr nur ein Film in den Wettbewerb geschafft. In das asiatische Land führt Regisseur Wang Xiaoshuai die Zuschauer mit "Chongqing Blues". Ein Vater sucht in der Stadt Chongqing nach dem wahren Grund, warum sein 25-jähriger Sohn Lin Bo von der Polizei erschossen wurde. Dafür muss er die Vorgeschichte seiner Tat, einer Geiselnahme im Supermarkt, rekonstruieren. Er sucht Zeugen, spricht mit der Geisel, der Ex-Freundin und dem Polizisten, der Bo erschossen hat. Dabei erfährt er immer mehr über sein Kind, das er vor 15 Jahren im Stich gelassen hat. Die Nachforschungen bringen ihn durch Bos besten Freund aber auch in die Welt der jungen Chinesen. Aus den netten kleinen Kindern sind junge Erwachsene geworden, die sich gegen die Eltern auflehnen und statt einer richtigen Arbeit Jobs wie Go-Go-Tänzer in einem Club haben.

Auf der Trauer- und Vater/Sohn-Ebene tendiert "Chongqing Blues" zur Schmonzette. Trotzdem gibt es interessante neue Einblicke in das Leben im heutigen China in einer beispielhaften Stadt, die wie viele dort schnell gewachsen ist, in der aber auch eine bescheidene Mittelklasse lebt, die Werte zumindest vermisst. Genau deren Verlust beklagt Wang Xiaoshuai und er macht den rasanten wirtschaftlichen Erfolg seines Heimatlandes dafür verantwortlich. Und wenn man sich darauf besinnt, kann es - wie für Vater und Sohn hier - schon oft zu spät sein.

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