TV-Tipp Liefers' Film „Honecker und der Pastor“

Erich und Margot Honecker fanden nach ihrem Sturz in der DDR für zehn Wochen Obdach bei einer Pastorenfamilie in Brandenburg. Eine wahre Geschichte, die Jan Josef Liefers fürs Fernsehen in Szene setzt.
16.03.2022, 16:25
Lesedauer: 2 Min
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Von dpa

Es ist Margot Honecker, die als erste die Sprache wiederfindet. Mit ihrem Mann Erich und einem eisernen Lächeln steht sie vor der Tür der Pastorenfamilie Holmer in Lobetal nordöstlich von Berlin.

Die Familie hat zugesagt, das einst mächtigste Paar der DDR aufzunehmen. Aber nun sind Pastor Uwe Holmer und seine Frau doch in einer Art Schockstarre. „Dürfen wir reinkommen?“, fragt schließlich Margot Honecker. Sie dürfen, auch wenn es schwerfällt.

So stellt „Tatort“-Star Jan Josef Liefers als Regisseur des Films „Honecker und der Pastor“ (Arte 18.3., 20.15 Uhr und ZDF 21.3., 20.15 Uhr) den Beginn dieser schicksalhaften Symbiose dar, die die Honeckers Anfang 1990 für zehn Wochen mit den Holmers verband.

Erich Honecker - im Film dargestellt von Edgar Selge - hatte im Oktober 1989 alle Ämter als Staats- und Parteichef verloren und gerade eine Krebsoperation hinter sich. Margot Honecker (Barbara Schnitzler), jahrzehntelang Volksbildungsministerin, war ihren Posten ebenfalls los. Nach Auflösung der Funktionärssiedlung Wandlitz hatten sie keine Wohnung. Also nahm Pastor Holmer (Hans-Uwe Bauer) sie auf Bitten der Kirchenleitung auf.

Es war eine Art selbst auferlegte Prüfung seiner christlichen Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Denn die Pastorenfamilie mit zehn Kindern hatte selbst unter Repressionen gelitten. Keines der Kinder durfte zu DDR-Zeiten Abitur machen, weil sie sich FDJ und Jugendweihe entzogen. Die Aufnahme der Honeckers brachte die Pastorenfamilie zudem in Berührung mit der entfesselten Wut auf den gestürzten Staatschef: Mehrfach gab es Demonstrationen vor ihrem Haus, Tausende Protestschreiben, Bombendrohungen sogar.

Das alles hat Pastor Holmer selbst so erzählt, und das macht sich Liefers für den Film zu eigen. Selge spielt Honecker als höflichen, zurückhaltenden, gesundheitlich angeschlagenen Mann, der im Obergeschoss des Pfarrhauses im Fernsehen die Abwicklung des Sozialismus verfolgt. Seine Frau versorgt den frisch Operierten pflichtschuldig. Die Pastorenfamilie wiederum übt sich in Gastfreundlichkeit und schluckt die eigene Wut.

Falls gerade keine Reporter oder Demonstranten vor dem Haus stehen, spazieren Pastor und Ex-Diktator gemeinsam am nahen See. Holmer verstrickt Honecker in Gespräche über mögliche politische Fehler und moralische Einkehr, erntet aber wenig mehr als Gemeinplätze. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, sagt Honecker zum Beispiel über die DDR-Staatssicherheit. Schnitzler spielt Margot Honecker forsch und kühl. Auch von ihr kein Anzeichen von Zweifel oder Selbstkritik. „Die DDR war doch wie eine Familie“, sagt sie dem Pastor. „Wer sich an die Regeln gehalten hat, der hat gut gelebt.“

Liefers inszeniert das alles meist ruhig, aber auch mit kuriosen Regieeinfällen. So lässt er das Besteckgeklapper des ersten Abendessens der Familie mit den ungebetenen Gästen in ein Percussionsolo übergehen. Die Honeckers lässt er zu Beginn mit großem Kraftaufwand und Gerumpel das Doppelbett auseinander schieben - eine Groteske. Und sein „Tatort“-Kollege Axel Prahl hat ein brillantes, aber auch irritierend lustiges Gastspiel als Herr Schimke, ein Bewohner des ursprünglich als Obdachlosenheim gegründeten Anwesens Lobetal, für das Pastor Holmer zuständig ist. So hinterlässt Liefers' Film das Gefühl: Ja, so könnte es gewesen sein, aber mit einer seltsamen Brechung, wie das ferne Echo einer surreal anmutenden Zeit.

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