Arbeit auf Abruf - Di. 27.04. - ARTE: 20.15 Uhr „Arbeit auf Abruf“

Maximaler Komfort auf Kosten digitaler Tagelöhner

In der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts scheint einiges in Schieflage geraten zu sein. Das gilt insbesondere im Niedriglohnsektor. Dort herrschen oftmals Kurzzeitbeschäftigung, Unterbezahlung und sogar Diskriminierung vor. Ein Themenabend bei ARTE wirft einen kritischen Blick auf eine „Arbeitswelt im Umbruch“.
23.04.2021, 10:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Andreas Schoettl
Maximaler Komfort auf Kosten digitaler Tagelöhner

Leila Ouadad ist Fahrrad-Lieferantin bei Deliveroo in Paris. Sie hat diesen Job ausgewählt, weil sie es schätzt, Sport zu treiben. Nunmehr wachsen ihre Zweifel. Von ihrem Stundenlohn kann sie kaum die Miete bezahlen.

ARTE / Point du Jour

Nach neueren Schätzungen werden schon 2025 mehr als eine halbe Milliarde Menschen von Online-Jobs leben. Eine enorme Anzahl, sicherlich! Doch was als Versprechen für eine Welt mit ansteigendem Wohlstand für ganz viele klingen mag, hat auch seine Schattenseiten. Ganz enorme sogar! Sie zeigen ihre Auswirkungen bereits in der Gegenwart. Unter anderem sehr hart betroffen sind digitale Tagelöhner. Dazu zählen Fahrer digitaler Dienstleister beispielsweise für Uber oder Auslieferer von Deliveroo. Wollen die modernen „Arbeitsameisen“ auf einen auch nur irgendwie angemessenen Schnitt für ihren mitunter sehr gefährlichen Einsatz kommen, müssen sie ständig zur Verfügung stehen. Einen geregelten Feierabend kennen sie ohnehin nicht.

Der kanadische Journalist und Drehbuchautor Harold Crooks entzaubert in seinem Film die nur vordergründigen Vorteile einer „Arbeit auf Abruf“. Bei ARTE ist der Beitrag nun in Erstausstrahlung im Rahmen eines Themenabends über eine „Arbeitswelt im Umbruch“ zu sehen. In Crooks' Fokus rücken insbesondere die Versprechen der modernen Technologien. Über Apps wie Uber oder riesige Plattformen wie Amazon sollen sie den maximalen Komfort für die Konsumenten bieten. Und das kostengünstig. Den Anbietern dient eine schöne heile Digitalwelt quasi als Standardargument.

Unter anderem der US-amerikanische Journalist Derek Thomson hält dem einiges entgegen. In der Dokumentation richtet er seinen Blick darauf, was seiner Meinung nach bei den Tech-Giganten gerne unterschlagen werde. „Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die uns diesen Komfort ermöglichen. Die schlecht bezahlten Lieferfahrer, die das Essen bis an die Haustüre transportieren. Die Uber- oder Lyft-Fahrer, die bestimmt nicht viel verdienen und keinerlei Arbeitsschutz genießen, weil sie Subunternehmer sind und eben keine festen Mitarbeiter“, so Thomson.

Gesperrt nach schlechter Kunden-Bewertung

Diejenigen auf der anderen Seite sind unter anderem Leila Ouadad oder Annette Rivero. Beide sind permanent unterwegs. Ouadad als Lieferantin in Paris für Deliveroo. Mit ihrem kargen Entgelt für kilometerweites Fahrradfahren kann sie sich wenigstens ihre Miete oder die Krankenversicherung für ihre gesundheitlich angeschlagenen Kinder leisten. „Ein Stundenlohn von zehn Euro wäre gut. Gerne mehr“, sagt sie. Ihr gelingt der angestrebte Schnitt nicht immer. Rivero hingegen steuert für einen Fahrdienst-Vermittler durch San Francisco. In ihrem Job hätten ihr zunächst die flexiblen Arbeitszeiten gefallen und dass sie sich nicht vor einem Chef verantworten müsste, sagt sie. Rückblickend war das wohl ein Fehler.

Denn den digitalen Tagelöhnern drohen ungeahnte Risiken. Deliveroo-Ausfahrer wie Ouadad können bereits bei kleinsten Fehlern wie dem Verschütten eines winzigen Schluckes Kaffees, einer Beschwerde oder mieser Kundenbewertung für weitere Aufträge gesperrt werden. Nick Srnicek, kanadischer Dozent für digitale Wirtschaft am Department of Digital Humanities des King's College London und Autor des Buches „Plattform-Kapitalismus“ berichtet zudem von den mitunter fatalen Folgen sogenannter Netzwerkeffekte. Er fasst zusammen: „Es gibt viele Möglichkeiten, diese auszulösen. Uber macht das mittels Fördergelder. Wenn sie neu sind in einer Stadt, locken sie Fahrgäste mit Rabatten und Fahrer mit einer sehr guten Bezahlung. Also strömen Fahrer und Kunden auf die Plattform, und es entsteht der Netzwerkeffekt. Nach einer Weile senkt Uber die Bezahlung, streicht die Rabatte und erhöht die Preise. Bis dahin hat das Unternehmen quasi eine Monopolstellung und kann dem Markt seine Konditionen diktieren.“

Zensur in Manila

Im Anschluss an Crooks' Dokumentation über die „Arbeit auf Abruf“ begibt sich der ARTE-Themenabend in den „Schatten der Netzwelt“. Die WDR-Dokumentation „The Cleaners“ von 2018 beleuchtet ab 21.45 Uhr den weltweit größten Standort für Content-Moderation. In der philippinischen Hauptstadt löschen Zehntausende Menschen im Auftrag der großen Silicon-Valley-Konzerne belastende Fotos und Videos auf Facebook, YouTube, Twitter & Co. Komplexe Entscheidungen über Zensur oder Sichtbarkeit von Inhalten werden an die Content-Moderatoren abgegeben. Die Kriterien und Vorgaben, nach denen sie arbeiten, sind eines der am besten geschützten Geheimnisse des Silicon Valley.

In dem zweiteiligen Film „Arbeit(s)leben“ ergreifen ab 23.10 Uhr schließlich acht europäische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer das Wort: Sie berichten von ihren individuellen Lebenswegen, ihrer Arbeit und dem Sinn, den sie darin finden. Auf Grundlage dieser Porträts beleuchten internationale Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen die Problematik der heutigen Arbeitswelt.

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