Ein schöner Traum am Lake Tahoe Mit Pernell Roberts starb der letzte noch lebende Hauptdarsteller der Kultserie "Bonanza"

Der Tod des Schauspielers Pernell Roberts weckt wehmütige Erinnerungen an eine der größten TV-Serien aller Zeiten.
26.01.2010, 00:00
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Von Frank Rauscher

Der Tod des Schauspielers Pernell Roberts weckt wehmütige Erinnerungen an eine der größten TV-Serien aller Zeiten.

Sie lebten auf einer Ranch namens "Ponderosa", hießen Cartwright, waren besser bekannt unter ihren Vornamen Ben, Adam, Little Joe und Hoss - und sie schrieben Fernsehgeschichte: die Männer aus der Kultserie "Bonanza". Mit Pernell Roberts, der sechs Jahre Adam, den ältesten Sohn, spielte, verstarb am 24. Januar der letzte noch lebende Hauptdarsteller der legendären Westernserie. Sein Tod weckt wehmütige Erinnerungen an großes Serienfernsehen.

Pernell Elvin Roberts wäre am 18. Mai 82 Jahre alt geworden. Der Name mag heute kaum einem mehr etwas sagen, aber in den 60er- und 70er-Jahren war Roberts ein Frauenschwarm und Superstar - dank seiner Rolle in der Western-Serie "Bonanza", in der er den coolsten, integersten und wohl auch klügsten Cowboy aller Zeiten gab. Roberts spielte den Cartwright-Spross Adam als überlegenen, oft auch ironischen und erstaunlich feinsinnigen Helden, der im Konflikt das Wort der Waffe vorzog. Der Schauspieler hielt es allerdings nur sechs Staffeln bei "Bonanza" aus und verließ die US-Serie 1965.

Von 1959 bis 1973 sorgten die Cowboys - und nicht zu vergessen die vielen schrulligen Nebenfiguren wie Hauskoch "Hop Sing" - bei Generationen von Europäern für die allererste Berührung mit dem Themenkomplex "Wilder Westen". Lang ist's her. In den 90-ern gab es im US-Fernsehen zwar den einen oder anderen Wiederbelebungsversuch, aber zumindest hierzulande ist die Legende weitgehend in Vergessenheit geraten. Schön, dass das kleine Pierrot Le Fou-Label die alten Folgen ausgrub und sie in den vergangenen Jahren nach und nach auf DVD veröffentlichte.

Sicher, es gab, vor allem nach "Bonanza", viele große Westernserien. Da waren "Am Fuß der Blauen Berge", "Rauchende Colts", "Die Leute von der Shiloh Ranch" oder "High Chaparral" ... - alle gut gemacht, manche witziger, andere spektakulärer. Aber wenn man heute über Cowboys in Serie spricht, dann meint man immer "Bonanza", nie etwas anderes. Insgesamt war "Bonanza" 14 Jahre on air mit 430 Episoden. Bis in die frühen 80-er hinein, so lange liefen in aller Welt die Wiederholungen, kannte die Serie jedes Kind. "Bonanza", das war Familienfernsehen - auch wenn die ARD manche Folge anfangs für zu brutal gehalten und die Serie deswegen abgesetzt haben soll (das ZDF übernahm ab 1967). Nun, die Zeit relativiert so vieles. Heute würden die moralinsauren Geschichten der politisch super-korrekten Good-white-guys-WG schlicht und einfach nicht mehr in die Zeit passen.

Was ist geblieben von "Bonanza"? Selbst Kult-Regisseur Robert Altman, der für einige frühe Folgen verantwortlich zeichnete, sprach bis zu seinem Tod 2006 so gut wie gar nicht mehr, und wenn, dann eher despektierlich, darüber. Dabei hatte "Bonanza" einst geradezu kulturhistorische Tragweite. Fangen wir beim Kinderfasching an: Wenn kleine Cowboys durch den Saal galoppieren, kommt dazu immer noch das weltberühmte "Bonanza"-Thema aus den Lautsprechern. Weiter geht's in die Kleingartenkolonien der Republik, wo viele der mit Holzbrettern ausgekleideten Lokale nach wie vor den Namen "Ponderosa" tragen: die Bier-Klause als gefühlte Ranch, das vielleicht letzte Refugium für Männer. Und schließlich ist da "Hoss" - zunächst nicht die vom unvergesslichen und 1972 viel zu früh verstorbenen Dan Blocker gespielte tragikomische Cowboygestalt, sondern nur deren Name: "Hoss", so hieß damals so ungefähr jeder dicke Junge mit Spitznamen, und noch heute ist's ein gerne genommener wie gefürchteter Nick für, sagen wir gemütlichere Buben - ohne, dass diese wüssten, auf wen dieses "Hoss" überhaupt zurückgeht ...

Darum sei's gerade ihnen noch einmal gesagt: "Hoss" war verdammt noch mal großartig. Ein Sohn. Ein Cowboy. Ein Mann, wie es keinen besseren geben kann. Gutmütig, bärenstark. Etwas einfach gestrickt vielleicht, aber was machte das schon aus, Mitte des 19. Jahrhunderts, dort im Westen, in Nevada nahe Carson City, am tatsächlich grandiosen Lake Tahoe. Ausgerechnet am vielleicht schönsten See-Ufer der Welt erlebt "Hoss" (Dan Blocker war schon Jahrzehnte vor Kevin James der Inbegriff des beleibten, bodenständigen Sympathieträgers) seine Katharsis. Dort, im Mondenschein, macht der alte Romantiker seiner Angebeteten, einer viel zu hübschen jungen Dame namens Marchie, einen herzzerreißenden Heiratsantrag. Aber sie, wie töricht, will ja bitte erst noch die große, weite Welt sehen, gerät schließlich in die Arme eines Hochstaplers, der sie schwängert und nicht etwa in die Welt, sondern nur ins kaum 100 Meilen entfernte San Francisco schleppt, wo sie alsbald, kurz vor der Niederkunft, elend verreckt.

Das, genau das, war der Stoff, aus dem die Träume (und Albträume) in "Bonanza" waren. Großes Drama mitunter, aber eine dreiviertel Stunde musste dafür reichen. Die Botschaft war ohnehin von Anfang an in den Fels der Prärie gemeißelt: Die Welt an sich ist böse, aber immerhin sind da noch die Cartwrights! - Und so lange es solche großartigen Menschen gibt, ist nicht alles verloren. Sie waren hart, aber stets gerecht, fest im Familienclan verhaftet, aber für den zeitlichen Kontext erstaunlich tolerant gegenüber Minderheiten wie Indianern und Asiaten, und sie waren irgendwie ziemlich öko, achteten mit peinlicher Fürsorge auf all das Vieh, Wasser und Gras zwischen ihren Weidezäunen. Ja, die Cartwrights waren, wenn man so will, die ersten Gutmenschen des Wilden Westens. Eindimensionale, politisch überkorrekte, aber immerhin charakterfeste Role Models für Generationen amerikanischer Landeier.

Menschen wie der weise Ben (der Schauspieler Lorne Greene verstarb 1987), der Übervater, der Mann, der das Leben kennt und auf alles eine Antwort weiß: "Wenn sich einer ein Bein gebrochen hat", sagt er einmal zu seinem jüngsten und zweifellos attraktivsten Sohn Little Joe (Michael Landon, "Unsere kleine Farm", "Ein Engel auf Erden", er ist 1991 verstorben), "dann kann man ihm helfen und es zusammenflicken. Aber ein gebrochenes Herz muss ein Mann selbst heilen." Ja, muss er wohl.

Überhaupt, über das, was ein Mann so alles können, tun und lassen muss, wussten die Jungs damals ziemlich gut Bescheid im Wilden Westen. Jede Folge eine Lektion in Moral. "Law and order" in der tolerabelsten Form. Aber bei den Kenntnissen über Frauen taten sich doch gravierende Lücken auf. O-Ton Hoss: "Frauen sind wie wilde Pferde. Man muss eine Weide haben, bevor man sie fängt" ... Nur nicht täuschen lassen: "Bonanza" war beim weiblichen Publikum ganz besonders beliebt.

Keine Frage, Produzent, Autor und Erfinder David Dortort kreierte mit "Bonanza" den romantischen Traum von einer guten, vielleicht besseren Welt. Einer Welt jedoch, wie sie am ehesten noch im Kinderfasching existiert, die es aber im Grunde nicht in Amerika und schon gar nicht für ein paar bierselige Stunden in teutonischen Kleingartenkolonien je gab. Eine kitschige Wild-West-Utopie. Aber träumen wird ja noch erlaubt sein! Vor einigen Jahren, zuletzt 2007, liefen bei kabel eins zum letzten Mal "Bonanza"-Wiederholungen im deutschen Fernsehen. Es ist an der Zeit, nachzulegen.

Pernell Roberts starb in seinem Haus im kalifornischen Malibu an den Folgen eines Krebsleidens.

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