Psychologin Susann Szyszka betreut "Die Mädchen-Gang" (ab 22.02., montags, 20.15 Uhr, RTL II) Mit Sitzfleisch und Beherrschung

Wenn das schwache Geschlecht die Fäuste sprechen lässt: RTL II erzieht nun vorbestrafte Mädchen.
29.01.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ute Nardenbach

Wenn das schwache Geschlecht die Fäuste sprechen lässt: RTL II erzieht nun vorbestrafte Mädchen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Bildungsauftrag, und die privaten offensichtlich einen Erziehungsauftrag. Wer mit dem Nachwuchs allein nicht mehr zurechtkommt, wendet sich heutzutage vertrauensvoll ans Fernsehen. Auf "Super Nanny", "Teenager außer Kontrolle", "Die Ausreißer" (alles RTL), "Jugendcoach Oliver Lück" (SAT.1), "Schluss mit Hotel Mama!", "Die strengsten Eltern der Welt" (beide kabel eins) und "Exiled" (MTV) folgt nun bei RTL II "Die Mädchen-Gang" (ab 22.02., montags, 20.15 Uhr, acht Folgen). Psychologin Susann Szyszka verbrachte drei Wochen mit sechs zunächst auf Krawall gebürsteten jungen Frauen in einem abgeschiedenen Haus, um sie wieder auf den rechten Weg zurückzuführen. Ein Job, bei dem starke Nerven Grundvoraussetzung sind.

Drogen, Sex, Gewalt und Alkohol bestimmten bislang den Alltag jener Mädchen. Das vermeintlich schwache Geschlecht lässt heutzutage immer öfter die Fäuste sprechen. "Die Mädchen haben sich recht lange an die konservative Rollenverteilung gehalten", erklärt die Psychologin. Seit 15 bis 20 Jahren sei aber eine Entwicklung hin zu aggressiverem Verhalten zu beobachten. "Die Gewaltbereitschaft steigt."

Überall? Nein. Es gibt, wie man weiß, Problembezirke. "Grundsätzlich ist Gewaltbereitschaft aber kein schichtspezifisches Problem", erklärt Szyszka, "kein wirtschaftliches, sondern ein räumliches Problem. Die Konfrontation mit Gewalt ist in unteren Schichten einfach eine andere, da es einen Trend zur Gettoisierung gibt. In gewissen Gebieten Deutschlands ist es wichtig zu wissen, wie man sich wehrt. In einer Villengegend ist das weniger das Problem."

Die sechs jungen Frauen, die sich für "Die Mädchen-Gang" meldeten, kommen nicht aus dem Villenviertel. Jessica (20) etwa wuchs im Heim auf. Mittlerweile hat sie selbst drei Kinder (4, 2, 1), die nun auch bei Pflegefamilien leben. Denn Jessica ist drogenabhängig und lässt ihre Wutausbrüche gerne an anderen aus. Auch die 18-jährige Janette teilt gerne aus. In ihrer Kindheit musste sie miterleben, wie ihr Vater ihre Mutter schlug. Das soll ihr nicht passieren. Sie ist lieber Täter als Opfer. "Es ist so, dass fast alle dieser aggressiven Mädchen eigene oder miterlebte häusliche Gewalt kennen, und diese auch in ihren eigenen Beziehungen zu Männern wiederholen", sagt Szyszka. "Die Hemmschwelle gegenüber Gewalt ist sehr herabgesetzt."

Nun soll das Fernsehen ihnen helfen. Susann Szyszka und Anti-Gewalt-Coach Ralf Seeger versuchen, mit den Mädchen gemeinsam deren tatsächliche Motive für die Gewaltausbrüche zu erkennen und mit diesen Ergebnissen weiterzuarbeiten. Alternative Projekte ohne Kamerabegleitung gibt es zwar, aber noch nicht genug, wie Szyszka findet. "Von staatlicher Seite kommt zu wenig. Speziell für Mädchen. Für Jungs gibt es schon ein paar Alternativen zum harten Vollzug." Auf diese Lücke wolle man nun aufmerksam machen. Und überforderten Eltern per TV Orientierung geben - in dieser "normen- und wertelosen Gesellschaft", wo man nicht mehr recht weiß, "wie ein Kind zu sein hat".

Die sechs Frauen haben sich freiwillig für das TV-Format gemeldet. Sie setzen ihre eigenen Hoffnungen in das Projekt, wollen sich ändern - oder so ähnlich. "Eine wünschte sich zum Beispiel bessere Umgangsformen", lacht die Psychologin. Ist doch ein guter Anfang! "Eigentlich schon, aber wenn sie dann wirklich konkret dazu aufgefordert werden, doch bitte morgens früh - also vor 14.00 Uhr - aufzustehen, dann sind alle guten Vorsätze schnell vergessen."

Trotz allen Fehlverhaltens - es wird laut! - sollen die Delinquentinnen aber nicht vor Fernsehdeutschland vorgeführt werden. "Das war dem ganzen Team extrem wichtig. Mir als begleitender Psychologin sowieso. Und auch RTL II oder die Produktionsfirma wollen natürlich Bilder transportieren, die Sinn haben und die auch eine Veränderung zeigen."

Ein Problem sei vielmehr gewesen, dass die Mädchen sich selbst vor der Kamera in einem ganz speziellen Licht darstellen wollten. "Bei der Ausstrahlung werden sie aber merken, dass ihnen das nicht gelungen ist. Ich lasse nicht zu, dass sie sich mit ihrem Verhalten als Königinnen präsentieren können." Die Psychologin ließ sich auch während des dreiwöchigen Projekts von den Frauen nicht aus der Ruhe bringen. "Mich kann durch meine Erfahrung nichts schocken. Aber für das Kamerateam waren bestimmte Situationen wie Beschimpfungen, Bedrohungen und Erpressungen schon heftige Erfahrungen."

Doch die mussten sie aushalten. Die Frauen sollten schließlich lernen, dass sie mit ihrem Fehlverhalten nicht durchkommen. Diesmal nicht. "Man muss einfach so lange vor dem Bett stehenbleiben, bis sie aufstehen." Das funktioniere mit ganz viel Sitzfleisch und auch Beherrschung. "Denn auch ich denke mir manchmal: 'Jetzt zeig ich dir aber, wo es langgeht!", gesteht die Psychologin. "Aber nur insgeheim: Wenn man selbst ausflippt, wissen die, sie haben gewonnen!"

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