Perfekter Dreh auf der Delphin Mona Film verfilmt für ARD und ORF den Kohout-Roman "Die lange Welle hinterm Kiel"

Am 08. Oktober begannen auf hoher See die Dreharbeiten zur Pavel-Kohout-Verfilmung "Die lange Welle hinterm Kiel". Produzent Thomas Hroch verspricht sich vor allem von der hochkarätigen Besetzung mit Christiane Hörbiger, Veronica Ferres und Mario Adorf viel.
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Von Wilfried Geldner

Am 08. Oktober begannen auf hoher See die Dreharbeiten zur Pavel-Kohout-Verfilmung "Die lange Welle hinterm Kiel". Produzent Thomas Hroch verspricht sich vor allem von der hochkarätigen Besetzung mit Christiane Hörbiger, Veronica Ferres und Mario Adorf viel.

"Die zwei Paare langten mit ihren zerbeulten Flughafentaxis so dicht hintereinander am Liegeplatz des wohlbekannten Kreuzfahrtschiffes MS Harmonia an, dass es aussah, als würden sie zusammengehören." So lautet der erste Satz der Kohout-Vorlage, in der zwei ungleiche Paare zu einer Kreuzfahrt in den Südpazifik aufbrechen: Die junge Psychologin Silvia Burian wird von ihrem betagten Schwiegervater begleitet, um sie aus ihrer Ehekrise und einer daraus resultierenden Depression zu retten, die reiche Fabrikantenwitwe Margarete Kämmerer bittet ihren jungen Großneffen mit aufs Schiff, um sie auf einer ihrer letzten Reisen zu begleiten. Er möge doch irgendwann ihre Asche in der titelgebenden Welle hinterm Kiel verstreuen, so bittet sie ihn.

Am Kai des Schiffshafens von Korfu begann die Wiener Mona Film mit dem Außendreh. Die Innenaufnahmen werden noch im Oktober in den Wiener Rosenhügel-Studios und im Wiener "Grandhotel" am Ring fortgesetzt. Für den Mona-Film-Produzenten Thomas Hroch lohnte sich ein fünf Jahre langes Warten nach dem Erwerb der Rechte. "Die Besetzung mit Christiane Hörbiger, Veronica Ferres und Mario Adorf gab es in dieser Form noch nie", frohlockt der Wiener.

Der in einer immerhin prallen Oktobersonne liegende Passagierhafen von Korfu hält im Film für den eigentlich notwendigen Südpazifikhafen her. "Tahiti - oder ein anderer Ort, je nach Drehmöglichkeit" heißt es im Drehbuch von Klaus Richter. Zwei zerbeulte Taxis, aus denen nun einerseits Christiane Hörbiger und der junge Schauspieler Christoph Letkowski als deren Großneffe, andererseits Mario Adorf als aus Tschechien emigrierter Schweizer Medizinprofessor und Veronica Ferres als dessen Schwiegertochter steigen.

Verkaufsstände der einheimischen Bevölkerung sowie rund 20 Passagiere beleben das Bild. Letztere wurden von der Produktionsfirma Mona Film gebeten, sich für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Der selbst auferlegten Pflicht kommen die Schiffsgäste denn auch mit großer Hingabe nach, während der "Professor" und die betagte Fabrikantenwitwe behände die steile Gangway des deutschen Kreuzfahrtschiffes "Delphin" erklimmen.

Die MS Delphin, ein Mitte der 70er-Jahre in Odessa gebautes und Mitte der 90-er renoviertes Passagierschiff, hatte die Produktionsfirma ausgesucht, weil das Schiff für die Kohout-Verfilmung mit ihren offenen Decks und ihrem leicht nostalgischen Charme ideal erschien. Gleich hinter dem mit etwa 400 Passagieren besetzten Schiff lauerte mit einem schwimmenden Wohnblock der Royal Carribean Cruises dessen Bedrohung. Schon bei Kohout ist en passant bei der Beschreibung des Gewerbes vom "zähen Gerangel um die Marktanteile auf dem Meer" die Rede - der Roman um die reiche Industriellenwitwe aus dem Sudetenland spielt Mitte der 90er-Jahre.

Man mag es Ironie des Schicksals nennen: Jedenfalls musste der Schiffseigner der Delphin noch während der folgenden Dreharbeiten vorläufige Insolvenz anmelden, der neuzeitliche Riesendampfer aus Übersee hatte sozusagen über Nacht den sympathischen Kleinkreuzer aus Hamburg samt ukrainischem Personal geschluckt.

Glück hatten indessen die Leute vom Film, die ja sonst selber gerne mit Widrigkeiten wie Wind, Wetter und wirtschaftlichen Zwängen kämpfen. Bei ihrer Arbeit an Deck kam ihnen die Schiffscrew der MS Delphin bis zuletzt derart kollegial und eifrig entgegen, dass für den Regisseur des Films, Nikolaus Leytner - er erhielt 2009 den Deutschen Fernsehpreis für "Das halbe Leben" -, fast alles exakt nach Drehplan verlief.

Die vorgewarnten Passagiere ("Achtung, Dreharbeiten!") fühlten sich, wie man hörte, nicht gestört. Allenfalls fanden sie die Schauspieler ein wenig unnahbar. Ausnahme: Veronica Ferres, die sich stets äußerst umgänglich gab, während vor allem Christiane Hörbiger und Mario Adorf immer ein wenig in ihrer strengen Filmrolle verharrten: Er, der Ex-Tscheche, der - wie sich im Verlauf der Handlung herausstellen wird - bei einer Liquitation nach Kriegsende aus Rache der reichen Witwe den ersten Ehemann genommen haben soll. Sie, die bei Kohout herrisch wie eine Schwester der reichen Claire Zachanasian aus Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" agiert (jüngst gleichfalls von Leytner mit Hörbiger verfilmt).

Der junge Berliner Schauspieler Christoph Letkowski, der den nach dem Tod seines besten Freundes in eine Sinnkrise geratenen Begleiter und Neffen der reichen Witwe spielt, hat sich den vergriffenen Kohout-Roman noch vor dem Casting in einem Moabiter Antiquariat besorgt, er war und ist von dem Stoff durchaus angetan. Sowohl bei Christiane Hörbiger als auch bei Veronica Ferres durfte er während vorausgegangener Leseproben in München und Wien, aber auch bei den Dreharbeiten auf der Delphin nicht nur einen "hohen Grad an Professionalität", sondern auch "Herz" und "Humor" entdecken. Letkowski: "Man sieht ein Mädchen in beiden."

Zur Verfilmung des symbolbeladenen, aber auch ironisch durchsetzten melodramatischen Kolportagestoffes sagt der Newcomer, der sonst an der Berliner Volksbühne Theater spielt: "Wir versuchen gemeinsam eine stimmige Geschichte zu erzählen. Ein Film ist immer die Summe der einzelnen Teile, eine Summe von Vertrauen, von Diskussion, Gedankenaustausch und letztlichem Handeln."

Bei einer der Schlüsselszenen des Films setzte sich der Neuling gleich gegen die Alterfahrenen durch: Als wegen einer Sturmwarnung auf hoher See ausgerechnet jene Szene abgebrochen werden sollte, in der Christiane Hörbiger ihm den Wunsch erklärt, später ihre Asche ins Meer zu streuen, wollte Letkowski, einmal in der Rolle gefangen, unbedingt weiter drehen. "Bestimmt nicht an einem anderen Tag - jetzt!", so forderte er und fand prompt Gehör. Letkowski war mal erfolgreicher Zehnkämpfer und sprang im 2009 preisgekürten Spielfilm "Parkour" hurtig über Mauern und Häuserschluchten hinweg.

Wer so was kann, dem ist bei einem schwierigen Projekt wie der deutsch-tschechischen Paar- und Generationenbegegnung auf hoher See nicht bang. Selbst unsereinem nimmt er ein wenig die Skepsis gegenüber dem Dampferstück, das so tief zurück in die Vergangenheit der Heimatvertriebenen reicht.

Regisseur Nikolaus Leytner sieht in der gegenüber der Vorlage weitgehend entschlackten Handlung indessen ohnehin so etwas wie eine "Versuchsanordnung", bei der es nicht nur eine einzige Lösung geben kann. "Unter dem Schlussstrich steht: Es gibt immer mehrere Wahrheiten und verschiedene Positionen. Es gilt, unversöhnliche Standpunkte aufzugeben und an ihre Stelle Empathie zu setzen." Leytner: "Nur so kann es schließlich gelingen, eine tolerantere Welt zu begründen und den anderen besser zu verstehen."

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