Einfach auf "Vollbild" schalten Musikfernsehen hat ins Internet gewechselt

Tschüss, MTV: Musikfernsehen findet immer öfter online statt.
22.01.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jochen Overbeck

Tschüss, MTV: Musikfernsehen findet immer öfter online statt.

Und dann war neulich von dieser neuen Sendung auf MTV zu lesen. TV-"SMS von gestern Nacht", ein Ableger der gleichnamigen Homepage, würde ab sofort "die peinlichsten, lustigsten und schrägsten SMS Eurer durchfeierten Nächte" veröffentlichen. Obendrauf gebe es dann die heißesten und neusten Musikvideos. Ein Satz, der sehr viel über den Status Quo des Senders verrät: Musikvideos, früher das, worum es bei MTV ging, sind nur noch ein kleines Zuckerl. Das Bett, in dem die sogenannten Unterhaltungsformate liegen, die der Sender tagtäglich seinem Publikum um die Ohren schleudert. Wer Musik nicht nur hören, sondern auch sehen will, hat im Fernsehen nicht mehr allzu viele Wahlmöglichkeiten. Sicher, es gibt Nischen - etwa "Tracks" bei ARTE oder Markus Kavkas kabel-eins-Reihe "Number One". Das klassische Clipfernsehen dagegen ist tot.

Beziehungsweise: Es hat genau die Entwicklung durchgemacht, mit der sich in den nächsten Jahren andere Spartenprogramme und letztendlich auch der Mainstream auseinandersetzen werden müssen: Weg von der Mattscheibe, rein ins Internet. Vor allem aber: rein in diese Sache, die sich "on Demand" nennt, was im Falle von Clips & Co. nicht in erster Linie mit Sendezeiten zu tun hat, sondern sich vor allem auf die Inhalte bezieht.

Was mit Youtube begann, mit einem riesengroßen, mehr oder weniger schlecht sortierten und gerade deshalb reizvollen Haufen diverser Bewegtbilder, findet in den neuen Musiksendern seine logische Fortsetzung: Das Chaos wurde geordnet, institutionalisiert und legalisiert. Das mag den Punk aus der ganzen Angelegenheit herausnehmen: obskure Live-Mitschnitte seiner Lieblingsband findet man bei den Online-Musiksendern kaum. Gleichzeitig ist aber der Einfluss, den der Zuschauer bei den meisten Sendern hat, nicht zu unterschätzen.

So kann man bei Anbietern wie dem sich immer noch in der Betaphase befindenden putpat.tv - zumindest bei uns funktionierte die Registrierung als Betatester ebenso rasch wie problemlos - nicht nur aus einer Reihe verschiedener Kanäle wählen, sondern auch einen eigenen Kanal erstellen und bestimmte Songs gewissermaßen taggen. Bei putpat funktioniert das mit einem Regler, der angibt, wie gerne man den Song mag: Dreht man den ganz nach links, wird der Song aus dem eigenen Programm verbannt. Geht man auf "100 Prozent", kommt er in einer Art persönlicher Rotation. Zudem personalisiert sich das Programm mit der Zeit immer weiter. Ein Prozess, der seine Zeit braucht und am besten funktioniert, wenn man sich auch durch die anderen Kanäle zappt und dort seine Lieblingssongs markiert - zur Wahl stehen etwa "Charts", "Heimat", das aus der Asche von VIVA offenbar übrig gebliebene "2Rock" oder "Vibes".

An eine ähnliche Zielgruppe dürfte sich tape.tv richten, das alles in allem etwas aufgeräumter und bedienfreundlicher als putpat wirkt, vor allem aber weniger Denkarbeit erfordert: Wer hier einschaltet, kann bleiben, ohne allzu viel Auswahl-Arbeit zu haben. Hot Chip, Muse, Fatboy Slim, Deichkind, Jack White & Alicia Keys, One Republik, Deichkind: Der Geschmack des kontemporären Mainstream wird hier tatsächlich gut getroffen. Was schön ist: Auch ohne Anmeldung lässt sich tape.tv nutzen, zusätzlich zum Clipprogramm gibt es auch die Möglichkeit, die Neuheiten einzeln anzuwählen, dazu kommen beste Verknüpfungsmöglichkeiten mit sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter.

Dritter im Bunde ist qtom.tv, das sich jedoch nicht ausschließlich als Onlinesender begreift, sondern via Stream und Philips-NetTv-Technologie auch auf normalen Fernsehern funktionieren soll. All diese Seiten funktionieren bei einer zuverlässigen DSL- oder W-Lan-Anbindung verblüffend störungsfrei - auch wenn man die Clips im Vollbildmodus laufen lässt.

Das alles kostet natürlich - ebenso wie die Lizenzgebühren für die gesendeten Videos. Auf den Zuschauer lassen sich diese Kosten nicht umwälzen, und auch wenn die Zugriffszahlen etwa von tape.tv durchaus respektabel sind - die IVF zählte für den November über eine Million Seitenbesuche -, bleibt die Frage bestehen, ob die anvisierte Vollfinanzierung durch Werbeclips langfristig möglich ist. Erfolg versprechend scheinen in jedem Fall Kopplungen mit Endgeräten oder Kooperationen mit anderen Portalen zu sein: So lässt sich der putpat-Player in die Portale von Schüler- und Studi-VZ einbinden, der Dienst Vidzone ist über die Playstation anwählbar. Die Plattform MyVideo bietet ihren Usern seit geraumer Zeit ebenfalls diverse Musikkanäle. Es bleibt also spannend.

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