Neu im Stream Die Schüsse von München

Vor sechs Jahren ermordete ein 18-jähriger neun Menschen in einem Münchener Einkaufszentrum. Lange Zeit hieß es, er sei ein Einzeltäter gewesen - warum das falsch ist, zeigt eine Dokumentation.
20.07.2022, 17:57
Lesedauer: 2 Min
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Die Schüsse von München
Von Iris Hetscher

Am Abend des 22. Juli 2016 erschoss Ali David Sonboly acht junge Menschen und eine 43-jährige Frau im und am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München. Der 18-Jährige hatte das Datum bewusst gewählt: genau fünf Jahre nach dem Attentat auf der norwegischen Insel Utoya durch den Rechtsterroristen Anders  Breivik, der 77 Menschen ermordete. Sonboly, über den es lange hieß, er sei ein psychisch kranker Einzeltäter, war ebenfalls rechtsextrem. Und Teil eines Netzwerks, dem mindestens ein weiterer Amokläufer angehörte. Die Behörden brauchten drei Jahre, bis dieses Rechercheergebnis investigativer Journalisten offizieller Sprachgebrauch wurde.

Davon erzählt die vierteilige Dokumentation "Die Schüsse von München", die ab dem 21. Juli beim Streaminganbieter Sky zu sehen ist. Autor Johannes Preuss hat jedem Teil einen Schwerpunkt gegeben und lässt dazu viele Experten, aber auch die Angehörigen der Opfer und ehemalige Freunde des Täters, zu Wort kommen. Zunächst zeichnet er den Ausnahmezustand in München nach, "einer Stadt in Panik", in der unzählige Fake-Nachrichten in den sozialen Netzwerken dazu führten, dass angebliche 73 weitere Tatorte bei der Polizei gemeldet wurden. An keinem war etwas passiert. Die Szenerie am OEZ war sowieso beklemmend genug.

Preuss erkundet den Hintergrund und die Motive des Täters, eines Deutschen mit iranischen Wurzeln, der stolz darauf war, am selben Tag wie Adolf Hitler Geburtstag zu haben und ein vor Hass auf "Ausländer" und Gewaltfantasien strotzendes "Manifest" hinterlassen hat. Mobbing durch Mitschüler mit Migrationshintergrund, eine Autismusstörung, aber auch ganz normale Teenagerprobleme wie Liebeskummer ergeben eine Mischung, die ins offen Menschenverachtende kippt, als er in rechtsradikalen Chatrooms mitmischt. Ab da, so ein Experte, sei der junge Mann nicht mehr wirr, sondern auf einmal sehr "zielgerichtet" vorgegangen. Er kaufte sich übers Darknet eine Waffe und 350 Schuss Munition.

Besonders spannend ist die Dokumentation nicht nur, wenn sie die Psyche des Täters ausleuchtet, ohne auch nur ansatzweise in Entschuldigungsmuster zu kippen. Vor allem der letzte Teil, der die Verstrickungen in ein internationales Netzwerk junger Männer mit kruder rassistischer und rechtsterroristischer Ideologie beschreibt, lässt einem den Atem stocken. Verzichtbar und schlicht zu sensationsgierig sind dagegen die Handyfilm-Bilder des Attentats.

Info

Die Schüsse von München. Vier Folgen, à 45 bis 50 Minuten. Anbieter: Sky crime. Ab Donnerstag, 21. Juli.

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