Tatort: Rhythm and Love - So. 02.05. - ARD: 20.15 Uhr Tatort: Rhythm and Love

Neues aus Münster: Freie Liebe zwischen Alpakas

Alpakas, Trommeln und freie Liebe: Der Münsteraner „Tatort: Rhythm and Love“ führt die Ermittler ins polyamoröse Umfeld eines alternativen Bauwagenplatzes. Eine Premiere bringt der charmante Kommunen-Krimi ebenfalls mit sich: Boerne plagen Selbstzweifel!
26.04.2021, 21:00
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Von Maximilian Haase
Neues aus Münster: Freie Liebe zwischen Alpakas

Glücklich mit Alpakas: Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ermitteln im Umfeld einer Bio-Kommune.

WDR/Martin Valentin Menke

Alternative Lebensmodelle zeigt der „Tatort“ gern. Oft als verruchte Sehnsuchtsfantasie, manchmal unmoralisch deviant, bisweilen augenzwinkernd - jedenfalls so, dass Ottonormalzuschauer sein Dasein nicht versehentlich infrage gestellt sieht. Zuletzt schickte Dietrich Brüggemann die Stuttgarter Kommissare in ein spießiges Hausprojekt in der schwäbischen Ökoblase; herauskam immerhin eine wohlwollende Persiflage. Einen Hippie-Gang zu legt nun der aktuelle Münster-„Tatort“: Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) verschlägt es unter dem Titel „Rhythm and Love“ auf einen Aussteiger-Hof samt Bauwagenplatz - eine Parallelwelt, in der nicht nur dem Gemüseanbau, sondern auch der freien Liebe gefrönt wird. Wie schwer es sich in polyamorösen Beziehungskonstrukten ermittelt, und was das überhaupt bedeutet, müssen die Ermittler in dem charmanten Krimi erst lernen.

Es beginnt wie so oft mit einer Leiche: Ohne Kleidung oder sonstige Besitztümer liegt ein toter Mann in einem Moorgebiet. Professor Boerne gibt alles und findet alsbald die Identität des Mordopfers heraus: Maik Koslowski der Name, seines Zeichens Aktmodell und Selbstversorger auf dem Erlen-Hof, wo sich ein paar freakige Aussteiger ein alternatives Hippie-Eldorado geschaffen haben. Bauwagen, Alpakas, Rastas, Federn im Haar: Hier stimmt jedes Klischee. Vor Ort finden die Ermittler nicht nur heraus, dass Koslowski Seminare zu Themen wie „Sexualität und Tantra“ oder „Trommeln und Ekstase“ gab, sondern dergestalt auch privat aktiv war: Das Opfer führte vier Liebesbeziehungen gleichzeitig. Inès Fournier (Maëlle Giovanetti), eine seiner Liebschaften, erklärt, was es mit der Polyamorie so auf sich hat. Wer die klassische Zweierbeziehung für den Goldstandard hält, wird hier eines Besseren belehrt: „Monogamie ist unnatürlich“, sagt sie - nur eine Erfindung der katholischen Kirche.

Apropos Katholiken: Nicolai Kinski hat einen hübschen Auftritt als Priester, dem der Mord gebeichtet wurde. Aber ach, das Beichtgeheimnis: Verraten darf er den Täter nicht, da kann ihn der atheistische Thiel („Ich muss ja nicht jeden Scheiß mitmachen, der in Münster gerade hip ist“) im Beichtstuhl noch so unter Druck setzen. Einen Verdacht hegt der Kommissar dennoch: Ausgerechnet der Polizeisprecher und Familienvater Johannes Hagen (August Wittgenstein) führte eine Beziehung mit dem Opfer und eine offene mit seiner Frau (Patrycia Ziolkowska). Eifersucht als Mordmotiv? Kann eigentlich nicht sein, es wird doch über alles geredet! Bisweilen abenteuerlich vermengt der „Tatort“ unter Regie von Brigitte Maria Bertele sexuelle Vorlieben, Beziehungsformen und Vorurteile („Homosexualität ist bei der Polizei noch ein schwieriges Thema“) - aber immer ziemlich unterhaltsam.

Boerne plagen Selbstzweifel

Weil es sich im komplexen Beziehungswirrwarr nicht gerade leicht ermittelt, soll mal wieder Thiels „Vadder“ für Aufklärung sorgen: Mit Marihuana-Päckchen als Lockmittel („Arbeitsmaterial“) geht Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer) undercover auf Hinweissuche, und passt sich gut ein ins nonkonformistische Paradies. Ganz im Gegensatz zu Boerne, der mit seiner hochgeschlossenen Art erst wie ein Fremdkörper wirkt, aber durchaus Interesse zeigt: „Ich finde die Thematik ansprechend“, signalisiert er, und meint damit abstrakt die freie Liebe und konkret Inès Fournier, deren Trommelkurs er dann auch besucht. Hier spielen die Münsteraner abermals aus, was sie am besten können - Slapstick im Krimi: „Ich bin die Note“, singt Boerne trommelnd, und es ist nicht die einzige Absonderlichkeit, mit der Liefers andere Charakterseiten seines Profs aufzeigt.

Denn wohl erstmalig scheinen Boerne im „Tatort“ Selbstzweifel ob seiner Professionalität zu plagen: Ein Plagiatsvorwurf belastet sein Ego, eine Untersuchungskommission soll prüfen, ob er bei seinem alten Kollegen abgeschrieben hat. Als wäre das nicht genug, glaubt er, im aktuellen Fall zum ersten Mal eine Leiche mit seinen eigenen Haaren kontaminiert zu haben. Dass daran seine Assistentin Silke „Alberich“ Haller (ChrisTine Urspruch) nicht ganz unschuldig und daher von Gewissensbissen geplagt ist, weiß jedoch nur der Zuschauer, der sich heimlich über Boernes plötzliche Demut freut. Während die Assistenten Haller und Schrader (Björn Meyer), dessen sportliche Hochstapelei ebenfalls aufzufliegen droht, sich gegenseitig mit Rum und Keksen Mut zusprechen („Im Zweifel streiten wir alles ab“), scheint sich auch Thiel diesmal nicht auf sein Gespür verlassen zu können. Ja, dieser kurzweilige „Tatort“ ist ein einziges Festival der Minderwertigkeitskomplexe.

Lernen kann man dabei wieder viel. Etwa, was der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt: „Womöglich bin ich wegen meiner Inkompetenz nicht in der Lage, meine Inkompetenz zu erkennen“, erklärt Boerne. Er weiß auch, dass der Mensch „vermutlich bis ins Neolithikum hinein überhaupt nicht monogam lebte“. Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Polygamie und Polyamorie? Auch hier erfährt der Zuschauer Wissenswertes.

So durcheinander die Ebenen dieses chaotischen „Tatorts“ wirbeln, so wirr sich die Beziehungen verflechten, so stereotyp die Liebhaber der Libertinage gezeichnet sind: „Man sollte seine Liebe mit so vielen Menschen wie möglich teilen“, ist immerhin kein schlechtes Motto für so einen „Tatort“ über alternative Lebensformen.

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