Sabine Heinrich moderiert "Unser Star für Oslo" (ab Di., 02.02., 20.15 Uhr, abwechselnd bei ProSieben und im Ersten)

"Nicht mit Länderflaggen in der Frikadelle"

Zwischen Schnappatmung und Vorfreude: "Unser Star für Oslo"-Moderatorin Sabine Heinrich über Schockbewältigung, Raabsche Leidenschaft und ganz, ganz nervige Debatten.
15.01.2010, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Jens Szameit

Zwischen Schnappatmung und Vorfreude: "Unser Star für Oslo"-Moderatorin Sabine Heinrich über Schockbewältigung, Raabsche Leidenschaft und ganz, ganz nervige Debatten.

Es klingt fast ein bisschen entschuldigend, als sich Sabine Heinrich per Handy aus dem Zug meldet. Sie sei für ein paar Tage in die Schweiz gereist und habe sich beim Sender nicht abgemeldet. Das plötzliche Medieninteresse an der im NRW-Sendegebiet überaus beliebten WDR-Rundfunkmoderatorin ("1LIVE mit Frau Heinrich") ist halt gewöhnungsbedürftig. Wie auch die bevorstehende Aufgabe vor der Kamera sowie Millionen von Fernsehzuschauern. Ab Dienstag, 02.02., 20.15 Uhr, moderiert die 33-Jährige gemeinsam mit Matthias Opdenhövel acht Folgen lang die abwechselnd bei ARD und ProSieben ausgestrahlte ESC-Castingshow "Unser Star für Oslo". Die Hauptverantwortung, nach langer Durststrecke mal wieder einen konkurrenzfähigen Kandidaten zum Eurovision Song Contest zu schicken, trägt zweifellos Chefjuror und Mastermind Stefan Raab. Dennoch musste die TV-Newcomerin ihren unverhofften Karrieresprung erst mal angemessen verkraften.

teleschau: Frau Heinrich, Sie kommen gerade aus dem Kurzurlaub. Mussten Sie sich in der Schweiz vom Schock erholen, den ESC-Vorentscheid zu moderieren?

Sabine Heinrich: Stimmt schon, als ich im November davon erfuhr, hatte ich ein bisschen Schnappatmung. Den ersten Schock habe ich im Schnaps ertränkt.

teleschau: Dabei sind Sie streng genommen keine Fernseh-Novizin. Sie moderierten 2006 im WDR-Fernsehen die Late-Show "Schorn und Heinrich" ...

Heinrich: ... die Vokabel "Late-Show" greift zu hoch! Wir nannten das damals Ferienprogramm.

teleschau: Mussten Sie sich vor der Kamera sehr stark umgewöhnen?

Heinrich: Das ist eine totale Umstellung. Ich sitze gerade alleine am Küchentisch: Im Radio-Studio ist das im Grunde nichts anderes. Beim Fernsehen sitzt meistens Publikum im Studio. Und den Gedanken, wie viele Menschen an den TV-Geräten zuschauen, den lasse ich besser gar nicht erst zu ...

teleschau: Und wenn doch? Der Grand-Prix-Vorentscheid ist nicht unbedingt ein Nischenprogramm ...

Heinrich: Ich bin schon sehr aufgeregt. Aber ich kann mich ganz gut auf die Menschen um mich herum verlassen. Da ist ja jemand an meiner Seite, bei dessen großer Erfahrung eigentlich nicht viel passieren kann ...

teleschau: Hat Matthias Opdenhövel schon angedeutet, was auf Sie zukommt?

Heinrich: Nee, nee, dafür kennt er mich zu gut. Beim Zahnarzt will man ja auch nicht wissen, was er als Nächstes macht. Dass das groß wird, das habe ich inzwischen verinnerlicht. Aber ein kleines emotionales Tischfeuerwerk möchte ich mir noch aufsparen.

teleschau: Stimmt es, dass Stefan Raab Fan Ihrer 1LIVE-Sendung ist?

Heinrich: Er hört die Sendung offenbar im Auto auf dem Weg zur Arbeit, so wurde es mir überliefert. Die Entscheidung, dass ich moderiere, ist allerdings auch woanders gefällt worden.

teleschau: Vermutlich gleich an mehreren Stellen. Dass die Klassenfeinde ProSieben und ARD überhaupt zusammenarbeiten, hat ja eine historische Tragweite.

Heinrich: Ganz ehrlich: Die Öffentlich-Rechtlichen sind nicht so bürokratisch, wie man immer denkt. Die sitzen nicht den ganzen Tag hinter verstaubten Aktenordnern. Das ist jetzt der Beweis. Ich staune, wie flexibel es zugeht. Es geht nicht um Instanzen, nicht um irgendwelche Lager. Alle wollen, alle haben Lust und ziehen an einem Strang. Man staunt, was da alles unter einen Hut passt: der NDR, die ARD, die Popwellen, also die Hörfunkstationen, Brainpool und ProSieben. Versuchen Sie mal, sich mit fünf Freunden für einen Fernsehabend auf einen Termin zu einigen!

teleschau: Frau Heinrich, zwischendurch mal eine Testfrage: Am Abend des 16. Mai 2009 ...

Heinrich: ... verfolgte ich in meiner Stammkneipe die Übertragung des Eurovision Song Contest, blickte auf meinen Tippzettel und stellte fest, dass ich schon wieder komplett falsch lag.

teleschau: Sie setzten also nicht auf den niedlichen Alexander Rybak?

Heinrich: Nein, obwohl er mir letztlich ganz gut gefiel. Ich tippte auf eine Skandinavierin, die so ein weißes, feenhaftes Kleid trug ... Sehen Sie, ich weiß schon nicht mehr, wie sie heißt.

teleschau: Man vergisst die Teilnehmer halt auch schnell wieder ...

Heinrich: Leider ja. Aber ich finde, so ganz kann man sich der Geschichte trotzdem nicht entziehen. Ich mag den ESC. Für die Moderation spielt das aber keine Rolle, ich wurde nicht ausgesucht, weil ich Fan bin. Es konnte schließlich keiner wissen, dass ich den Eurovision Song Contest anschaue, so etwas gibt ja niemand öffentlich zu.

teleschau: Och ... Denken Sie an Georg Uecker, Thomas Hermanns, Guildo Horn und all die anderen, die immer diese eigenartigen Grand-Prix-Partys feiern.

Heinrich: Für mich ist das nicht so ein Event-Ding. Ich guck das nicht mit 20 Leuten und Länderflaggen in der Frikadelle. Zumal natürlich jeder weiß, dass Deutschland in den letzten Jahren schwer abgekackt hat.

teleschau: In den letzten fünf Jahren wurden wir zweimal Letzter, zuletzt sprang Platz 20 für Alex Swings Oscar Sings! raus ....

Heinrich: Das wäre 'ne echte Fangfrage gewesen: Wer swingt, wer singt? Und wer badet im Sprudelglas? Oder erinnern Sie sich noch an Gracia im Jahr 2005? Die tat mir richtig leid, ich dachte: "Ach Mädchen, tu das nicht!"

teleschau: Was läuft da bloß immer schief?

Heinrich: Was weiß ich? Aber soll ich Ihnen mal meine Theorie verraten, warum das dieses Jahr mit Stefan Raab was wird?

teleschau: Unbedingt.

Heinrich: Der nimmt das todernst. Und er bringt viel, viel Leidenschaft ein. Das überträgt sich aufs ganze Team. Alle haben richtig Bock, und die Kandidaten, die sich beworben haben, sind einfach gut aufgehoben.

teleschau: Konnten Sie die Bewerber, die es in die Sendung schafften, schon unter die Lupe nehmen?

Heinrich: Nicht alle. Aber bei den Kandidaten, die ich sah, war ich richtig baff, was die so drauf hatten. Ich habe im Radio schon viel Mist gehört, bei dem ich dachte: "Wie haben die nur einen Plattenvertrag gekriegt?" Das war hier überhaupt nicht der Fall. Es ist auch stilistisch eine große Vielfalt geboten. Da tritt nicht ein Popmäuschen nach dem anderen auf. Am Ende lassen wir das Land entscheiden, wer nach Oslo geschickt wird.

teleschau: Wenn's nach der leidigen Dauerdiskussion der letzten Jahre geht, sollte man besser gleich das osteuropäische Publikum abstimmen lassen ...

Heinrich: (stöhnt) Ach ja, herzlich willkommen im Klub! Das ist wirklich eine ganz bittere Debatte, auf die ich gar keine Lust habe. So etwas kann am Stammtisch diskutiert werden, ich beteilige mich da nicht.

teleschau: Wenn Sie sich den perfekten Oslo-Kandidaten backen dürften, wie sähe der aus?

Heinrich: Authentizität und Können sind das Wichtigste, es hilft nichts, wenn man nur super aussieht. Ansonsten bin ich stilistisch offen. Wobei: Ich weiß nicht, ob die Esten Peter Fox so gut verstehen würden.

teleschau: Dabei ist das klassische Schlagerdiktat ja zum Glück ein wenig aufgebrochen.

Heinrich: Natürlich. Allerdings hörte ich gerade im Urlaub den Song des Schweizer Kandidaten: Michael von der Heide. Der macht so richtig Schlager. Sehr gut fand ich, wie die Kollegin vom Schweizer Radio den Titel abmoderierte: "Das ist unser Kandidat für Oslo. Mir gefällt das Lied nicht, aber für die Veranstaltung wird's schon reichen!" - Es wäre echt schön, wenn wir es hinbekommen, dass die Mehrheit der ESC-Interessierten hierzulande am Ende sagt: Der kann's schaffen, den können wir schicken!

teleschau: Mal angenommen, er oder sie schafft's tatsächlich: Stehen Sie dann für die Grand-Prix-Moderation 2011 in Berlin zur Verfügung?

Heinrich: (lacht) Ja, natürlich, solange ich nicht die Oscar-Verleihung moderieren muss, mach ich sogar das! - Also ehrlich gesagt ist derzeit meine einzige Sorge, am 2. Februar halbwegs unverkrampft und authentisch rüberzukommen.

teleschau: Das sollte doch wirklich nicht Ihr Problem sein.

Heinrich: Sehense, das sagen meine Kollegen auch: "Ach, Frau Heinrich, Du stellst Dich ja sonst auch auf den Stuhl und rockst die Bude." Na klar: Vor 20 Leuten auf ner Party! Aber irgendwie ist das hier ja auch 'ne Party.

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