Unmut in der Schunkelszene Nicht nur Hans R. Beierlein ist sauer: Ausgerechnet im Jubiläumsjahr gibt es im ZDF keine Sendung zum Vorentscheid des "Grand Prix der Volksmusik"

Fans und Künstler der volkstümlichen Schlagerbranche sind verärgert: Das ZDF verzichtet auf seine traditionelle Mai-Sendung zum Vorentscheid des "Grand Prix der Volksmusik". Und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr. Auch Volksmusik-Mogul Hans R. Beierlein, der den Grand Prix vor 25 Jahren erfand, schimpft - doch für ihn ist das längst kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen.
07.05.2010, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Frank Rauscher

Fans und Künstler der volkstümlichen Schlagerbranche sind verärgert: Das ZDF verzichtet auf seine traditionelle Mai-Sendung zum Vorentscheid des "Grand Prix der Volksmusik". Und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr. Auch Volksmusik-Mogul Hans R. Beierlein, der den Grand Prix vor 25 Jahren erfand, schimpft - doch für ihn ist das längst kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen.

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, und aufs Feiern versteht man sich in der Volksmusikbranche gewiss besonders gut. Also dann: Am Samstag, 28. August heißt es "25 Jahre Grand Prix der Volksmusik", und selbstverständlich ist das ZDF zum großen Jubiläum in Wien wieder live dabei. Doch statt Partystimmung herrscht in der Schunkelszene derzeit eher Unmut und Tristesse, nachdem das ZDF entschied, ausgerechnet in diesem Jahr auf eine Sendung zum Grand-Prix-Vorentscheid zu verzichten. Der Münchner "Volksmusikpapst" und Grand-Prix-Erfinder Hans R. Beierlein ist not amused, bemüht sich allerdings, das Ganze nicht allzu persönlich zu nehmen - zumal es für dieses Jahr eine Lösung und für die Zukunft schon diverse Ideen für eine Neuauflage des traditionell im Mai stattfindenden Vorentscheids gibt.

teleschau: Herr Beierlein, ausgerechnet im Jubiläumsjahr sagte das ZDF den Vorentscheid zum Grand Prix der Volksmusik ab. Wie erfuhren Sie davon?

Hans R. Beierlein: Zunächst gar nicht. Klar war, dass das Jubiläum in Wien stattfinden wird - schließlich hatten wir dort 1986 unsere erste Sendung. Es wäre nun der normale Vorgang gewesen, dass jedes Land in einer Fernsehsendung vier Lieder auswählt, die beim Finale ins Rennen gehen. Das haben die Schweizer getan, so machen es die Österreicher und die Südtiroler - nur die Deutschen tun das auf einmal nicht mehr. Ohne Begründung. Erst bei einer Besprechung in Wien äußerte sich eine Vertreterin des ZDF - aber da wusste schon jeder, was Sache ist.

teleschau: Nehmen Sie das persönlich?

Beierlein: Ach, ich bin nicht vom Stuhl gefallen, man ist ja so einiges gewohnt von den Sendern. Es hätte mir sehr weh getan, wenn dies das Ende der Sendung gewesen wäre - aber zum Glück macht nur einer von vier Partnern dumme Sachen, die anderen drei sind anständig. Der Grand Prix lebt weiter!

teleschau: Sie sind aber sicher auf das ZDF zugegangen ...

Beierlein: Ich habe natürlich nachgefragt. Und ich weiß von vielen erbosten Fans, die Briefe und Mails an das ZDF schrieben. Aber eine erschöpfende Antwort hat man nicht geben können. Es soll mit den Quoten zusammenhängen. Nun, das ZDF ist ja zurzeit ein Weltmeister in schwächelnden Quoten, und ich könnte auf Anhieb 30 Unterhaltungssendungen mit noch schlechteren Quoten nennen. Gottschalks Show "My Swinging Sixties" zum Beispiel (Anm. d. Red.: 3,33 Millionen sahen zu, der Marktanteil lag bei 11,4 Prozent. Der Vorentscheid zum Grand Prix der Volksmusik wurde am Donnerstag, 21. Mai 2009, von 3,78 Millionen Menschen gesehen, Marktanteil: 12,9 Prozent. 2007 waren noch 4,68 Millionen bei einem Marktanteil von 15,3 Prozent dabei). Die Frage ist, was kommt im nächsten Jahr? Ist das nur ein einzigartiger Ausrutscher des ZDF?

teleschau: Sollte man jetzt nicht über eine Reform der Sendung nachdenken?

Beierlein: Selbstverständlich. Vielleicht kommt eine Sendung zustande, bei der der Zuschauer einbezogen wird, aber gleichzeitig auch eine Fachjury Einfluss hat. Wie bei Castings und anderen TV-Shows auch.

teleschau: Arbeiten Sie an einem solchen Konzept?

Beierlein: Ich arbeite an vielen Konzepten! Und es ist durchaus nicht so, dass es an Angeboten mangelt. Auf mich kamen diverse Sender zu, die gesagt haben: "Wir machen das für euch!"

teleschau: Aber eine Verjüngung wäre in jedem Fall nötig!

Beierlein: Also, das ist beileibe kein Altenheimfestival. Wir haben in den letzten Jahren sogar festgestellt, dass wieder mehr junge Leute zusehen und abstimmen. Auf der Bühne stehen sowieso fast nur junge Künstler. Und vergessen wir nicht: Das ZDF ist kein Jugendsender, sondern ein Sender, der auf seine Gebührenzahler angewiesen ist. Ein Sender, der sein Publikum, das nun mal im Schnitt deutlich über 60 Jahre alt ist, nicht vernachlässigen darf. Und die Volksmusik hat nach wie vor ein Millionenpublikum. "Volksmusik ist Musik für das Volk" - so hat es ein Reporter der "Financial Times" nach einem Gespräch mit mir einmal sehr treffend formuliert.

teleschau: Wie wird es also weitergehen?

Beierlein: Entweder das ZDF übernimmt den Vorentscheid im nächsten Jahr wieder - in gewohnter Weise oder eben anders. Oder das ZDF bleibt beim Nein, dann wird eine andere Sendeanstalt ins Spiel kommen.

teleschau: Der MDR?

Beierlein: Das könnte auch die ARD insgesamt sein.

teleschau: Wie erfolgt die Auswahl in diesem Jahr?

Beierlein: Wir haben eine Notlösung und gleichzeitig eine Superlösung gefunden. In der Regel beteiligen sich bislang immer die Fanklubs der einzelnen Künstler besonders rege an der telefonischen Entscheidung - jetzt wählten 20 Experten die vier deutschen Titel aus. Eine Fachjury mit Vertretern der Medien und der Musikindustrie. Das ist fairer. Es war die Idee der Arbeitsgemeinschaft, die über die Rechte am "Grand Prix" verfügt und auch die Jury zusammenstellte. Nächste Woche geben wir die Entscheidung über die Sieger bekannt. Übrigens: Wir hatten Angebote von etwa 20 Rundfunksendern, das nachzuholen, was das Fernsehen versäumt hat. Bei dem unter Schlagerfans sehr beliebten Berliner Sender "Radio Paloma" wurden am vergangenen Wochenende bereits alle 20 Titel der Vorauswahl in voller Länge abgespielt.

teleschau: Wirkte sich die ZDF-Absage auf die Zahl der Bewerber aus?

Beierlein: Ja, natürlich. Während in den anderen Ländern etwa genauso viele Titel eingereicht wurden wie in den Vorjahren, waren es bei uns etwa 15 Prozent weniger.

teleschau: Warum hat eigentlich Deutschland so selten den Sieg davon getragen beim Grand Prix?

Beierlein: Berechtigte Frage. Immerhin hat Deutschland 82 Millionen Einwohner und Südtirol nur 180.000 - und trotzdem hat das Land Südtirol seit seiner ersten Teilnahme vor zehn Jahren viel häufiger gewonnen als Deutschland, das in 25 Jahren insgesamt nur viermal siegreich war, zuletzt 1994. Meine Theorie: Die drei Partnerländer sind eben alpenländisch geprägt. Wenn ich also ein Lied singe, das davon handelt, wie schön es in Helgoland ist, werde ich bei dieser Veranstaltung nicht weit kommen. Deshalb haben wir nun auch drei Fachleute aus diesen Ländern in unsere Jury aufgenommen. Es wird diesmal inhaltlich wohl mehr in Richtung Wendelstein gehen als Helgoland (lacht).

teleschau: Was erwartet den Zuschauer beim Finale in Wien?

Beierlein: Etwas ganz Besonderes: Es treten noch einmal alle Sieger der letzten 24 Jahre auf, um gemeinsam ein Lied zu singen. So schön ist Volksmusik! Stefan Mross, der wie seine Frau Stefanie Hertel bereits einmal den Titel gewinnen konnte, muss ja am Sonntagmorgen in seinem "Immer wieder sonntags"-Studio im Europapark stehen - er wird noch in der Nacht mit einem Hubschrauber von Wien nach Rust geflogen.

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