Edward Norton geht in "Moonrise Kingdom" (Start: 24. Mai) unter die Pfadfinder Prominente Brieffreundschaften

Den Festivalrummel genießt Edward Norton weniger, das Festival selbst um so mehr: Er spielt in "Moonrise Kingdom", dem Cannes-Eröffnungsfilm mit.
18.05.2012, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Diemuth Schmidt

Den Festivalrummel genießt Edward Norton weniger, das Festival selbst um so mehr: Er spielt in "Moonrise Kingdom", dem Cannes-Eröffnungsfilm mit.

Am liebsten würde Edward Norton bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes nur möglichst viele Beiträge aus aller Welt anschauen. Wäre da nicht der wundervolle Eröffnungsfilm "Moonrise Kingdom", in dem er selbst den Leiter einer Pfadfindergruppe spielt, dem erst ein Außenseiter und dann seine ganze Truppe verloren gehen. Und weil ihm sowohl der Film als auch Wes Anderson, der Regisseur dieser märchenhaft-skurrilen First Love-Story, sehr am Herzen liegt, plaudert der 42-jährige Amerikaner mit den Journalisten so entspannt, als habe es nie böse Zungen gegeben, die den Schauspieler ("American History X", "Fight Club") als alles andere als pflegeleicht beschreiben.

teleschau: Herr Norton, was haben Film und Ferienlager gemeinsam?

Edward Norton: Bei Wes Andersons "Moonrise Kingdom" sehr viel. Es gab kein Geld für den Film. Deshalb lebten einige vom Team, darunter Wes und Bill Murray, am Set in einem großen Haus zusammen. Das kam einem Sommerlager sehr nah. Außerdem pflegt Wes eine Art Regie zu führen, die dem Verhalten eines Pfadfindergruppen-Leiters ähnlich ist: Filmemachen hat bei ihm etwas Romantisches, die Schauspieler arbeiten wie Freunde zusammen, die im Garten der Eltern einen Film drehen wollen.

teleschau: Das Finanzierungsproblem bestand nicht nur bei "Moonrise Kingdom": Laut Bill Murray muss man es sich leisten können, in einem Film von Wes Anderson zu spielen ...

Norton: Ich bin seit 15 Jahren im Filmgeschäft, wenn ich mir keinen Wes-Anderson-Film leisten könnte, sollte ich meinen Bankberater feuern.

teleschau: Kannten Sie Wes Anderson schon vor diesem Projekt?

Norton: Er wusste, dass ich seit seinen Anfängen ein großer Fan von ihm bin. Ich habe ihm 1998 zu "Rushmore" einen Brief geschrieben. Wir korrespondierten viele Jahre, ohne uns persönlich zu kennen. Er schickte mir beispielsweise einen handgeschriebenen Brief mit Illustrationen, nachdem er mich in einem Theaterstück gesehen hatte. Den habe ich sogar noch.

teleschau: Gibt es einen Grund für diese persönliche Verbindung?

Norton: Ich mag einfach seine Figuren, die haben etwas so Ernstes, dass sie in diesem Ernst schon wieder witzig sind. Außerdem ist er ein Filmemacher meiner Generation. Da ähneln sich die Erfahrungen. Bei "Rushmore" brachte mich besonders zum Lachen, dass der Held ein Stipendium für eine Privatschule hatte, rausfliegt und auf die Public School gehen muss. Ich hatte auch die Aussicht auf ein Stipendium, bin dann aber auf der staatlichen Schule geblieben, weil mir die Privatschule wie von einem anderen Planeten vorkam.

teleschau: Ging es Ihnen mit der Welt der Pfadfinder ähnlich? Oder waren Sie selbst einer?

Norton: Nein, war ich nicht. Sie wissen aber auch nicht, wie meine Heimatstadt Baltimore in den 70-ern aussah. Mehr wie in der Fernsehserie "The Wire", an meiner High School gab es Drogenrazzias statt Pfadfinderabenteuer. Nicht falsch verstehen, Baltimore war schon immer eine tolle Stadt, hatte damals aber viele Probleme.

teleschau: Wie dachten Sie sich in die Welt der Pfadfinder ein?

Norton: Wes sendete mir ein Recherchefile mit Infos aus den 60er-Jahren zu. Deswegen raucht meine Figur übrigens auch: In sieben von zehn Aufnahmen sieht man die Gruppenleiter beim Zusammenstehen rauchen. Und das nicht auf die lässige europäische Art, sondern mit diesem zackigen Ziehen an der Zigarette.

teleschau: Wie kamen Sie mit den vielen Kinderdarstellern klar?

Norton: Gut. Wir hatten keine albtraumhaft perfekten Kinderdarsteller, von denen man oft hört. Alle waren sehr natürlich. Es überraschte mich, wie gut sie durchgehalten haben. In ihren Pausen saßen sie nur staunend da. Bill Murray war da schwieriger zu handhaben, der langweilt sich schnell.

teleschau: Wurden durch die Arbeit mit den jungen Darstellern Erinnerungen an Ihre eigene Kinderzeit wach?

Norton: Nicht direkt, ich erkannte eher Verhaltensweisen wieder, die Dynamiken unter den Kindern. Wie es möglich ist, dass ein Außenseiter fertiggemacht wird und später die Gruppe beschließt, dass man doch wieder Freunde sein will. So was machen nur Kinder. Oder Ausreißerin Suzy, die einen Koffer voller Bücher in die Wildnis mitnimmt. Das ist nicht nur süß, sondern erinnert daran, wie wichtig einem das Abtauchen und Leben in den anderen Welten in den Büchern war.

teleschau: Apropos andere Welten - Cannes ist ein ganz eigener Kosmos. Wie erleben Sie das Festival?

Norton: Der Starrummel wird mir schnell zu irre. Das liegt nicht daran, dass ich etwas gegen das Berühmtsein habe oder schüchtern bin. Ich mag es nur nicht, wenn Leute mit großen Objektiven auf mich zu rennen. Wie ich finde, eine ganz normale menschliche Reaktion auf abartiges Verhalten. Aber das Festival an sich ist eine wunderbare Plattform für das Autorenkino aus der ganzen Welt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+